Nur noch zwei Monate sozialversicherungsfreie Arbeit

Landwirte in der Region bangen um ihre Saisonarbeitskräfte 

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Ist auf Saisonarbeitskräfte angewiesen: Manuel Klemme aus Grebenstein baut Erdbeeren und Spargel an. Seit vielen Jahren helfen ihm Arbeiter aus Rumänien bei der Ernte.

Kreis Kassel. Landwirte in der Region, die Obst und Gemüse anbauen, steuern auf eine Krise zu und bangen um Arbeitskräfte. 

Ab 2019 verkürzt sich der Zeitraum, in dem Saisonarbeitskräfte sozialversicherungsfrei auf den Feldern arbeiten dürfen, von bisher drei auf zwei Monate. Das heißt: Entweder werden die Arbeiter sozialversicherungspflichtig eingestellt oder die Bauern müssen sich nach zwei Monaten neue Leute suchen, die ihnen zum Beispiel beim Erdbeeren pflücken oder Spargel stechen helfen.

„Das wird zum großen Problem“, sagt der Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Kassel, Reinhard Schulte-Ebbert. „Wir brauchen Verlässlichkeit bei den Saisonarbeitskräften. Dazu ist die bisherige Drei-Monats-Regelung auch in der Zukunft für unsere Landwirte wichtig.“ Sie diene der regionalen Versorgung mit Spargel und Obst, wie Erdbeeren und anderen Beerenfrüchten. Die Bauernverbände forderten deshalb, dass die derzeitige Regelung in dauerhaftes Recht umgesetzt werden müsse.

Es gibt zwei wesentliche Gründe, warum sich die Verkürzung dieses Zeitraums so sehr auf die Landwirte auswirken wird. Manuel Klemme aus Grebenstein, der im Kreis Kassel Obst und Gemüse anbaut und verkauft, erklärt: „Für die Saisonarbeiter ist Bruttolohn gleich Nettolohn, das sind sie so gewöhnt. Das Verständnis, dass man Abgaben zahlt, ist zum Beispiel in Rumänien einfach kaum vorhanden.“ Klemme befürchtet, dass die Saisonarbeiter nicht mehr nach Deutschland kommen, wenn sie einen Teil ihres Lohns für Versicherungen und Steuern abgeben müssen. „Man findet sowieso schon kaum noch gute, verlässliche Leute, da muss man sich wirklich anstrengen.“ Er beschäftige in der Saison viele Arbeiter aus Rumänien, die „teilweise seit 20 Jahren kommen“. Deshalb könne Klemme seine Helfer auch nicht einfach nach zwei Monaten, in denen die sozialversicherungsfreie Arbeit dann nur noch erlaubt ist, austauschen.

Und auch, wenn die Arbeiter trotz Sozialabgaben weiterhin helfen, gibt es laut Klemme noch ein Problem: die höheren Lohnkosten. „Der Arbeitgeber muss dann nochmal 25 Prozent obendrauf rechnen. Ich kann meinen Spargel aber nicht für 20 Euro pro Kilogramm verkaufen, irgendwann ist mal Schluss.“

Um all dem aus dem Weg zu gehen, bietet zum Beispiel Stefan Friedrich aus Körle seine Erdbeeren nur noch zum Selbstpflücken an – so wie auf seinem Feld in Lohfelden. „Es ist ein Riesenproblem, Arbeitskräfte zu finden“, sagt er. Das Arbeitsamt habe ihm vor einiger Zeit 38 Menschen vorgeschlagen, die eine Beschäftigung suchten und ihm bei der Ernte helfen könnten. „Am Ende ist nur eine Person erschienen. Und das war eine hochschwangere Frau – die habe ich dann natürlich wieder nach Hause geschickt“, sagt Friedrich.

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