Artenschutz in Nordhessen

Es gibt keine sesshaften Luchse mehr in Nordhessen

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Der letzte standorttreue Luchs in Nordhessen ist nun auch verschwunden. Kuder Felux lebte noch bis zum Sommer 2018 im Bereich des Kaufunger Waldes und der Söhre. Sein Verbleib ist unklar. Die Fotofallen-Aufnahme entstand bereits im Februar 2015 und zeigt Felux bei einem seiner seltenen Streifzüge bei Tageslicht in der Söhre.

Es ist nicht gut bestellt um den Luchs in Nordhessen. Schon im Frühjahr 2018 war eines der letzten beiden sesshaften Luchsmännchen aus den Wäldern rund um den Meißner und Rotenburg in den Harz abgewandert.

Dort lebte er dann einige Monate, bis er dann im Januar 2019 von einem Auto überfahren wurde. „Und jetzt ist auch Felux, der letzte standorttreue Luchs in Nordhessen, aus dem Kaufunger Wald und der Söhre verschwunden“, sagt der Göttinger Luchs-Forscher Markus Port vom Johann-Friedrich Blumenbach Institut für Zoologie und Anthropologie in Göttingen. „Ob auch er abgewandert ist oder sogar verstorben, lässt sich nicht sagen. Seit Sommer 2018 haben wir keinen Nachweis mehr von ihm.“

Der Luchs in Nordhessen – ist er damit ausgestorben? „Nein“, sagt dazu Port. Denn immer wieder zöge es neue Luchsmännchen in die Gegend. Sie kommen aus dem Harz und sind im Frühling auf der Suche nach weiblichen Tieren. „Doch weil sie hier keine Weibchen finden, müssen wir davon ausgehen, dass es auch in den kommenden Jahren in Nordhessen keinen Luchsnachwuchs geben wird. Diese aber braucht es, damit die Population sich erholen kann“.

Noch sechs Luchse hatte es in den Jahren 2014/2015 in der Region rund um Kassel gegeben. Sie hatten Junge bekommen und blieben ihrer Heimat treu, die Wälder rund um Kassel gelten für Luchse als idealer Lebensraum. Doch dann wütete die Fuchsräude und raffte bis auf Felux alle Tiere dahin. Yuki war erst später im Jahr 2016 aus dem Harz zugewandert. Er blieb immerhin anderthalb Jahre – auch wenn es keine Weibchen mehr gab.

Markus PortLuchsforscher

Auf diese beiden Männchen gründete sich bislang alle Hoffnung, dass sich die Luchspopulation in Nordhessen nach der Fuchsräude wieder erholen würde. Doch es blieben die Weibchen aus. Grund: Die Weibchen sind deutlich weniger zugfreudig als die Männchen. „Es ist eher unwahrscheinlich, dass ein weibliches Tier die vielen Kilometer vom Harz bis in den Kaufunger Wald zurücklegt“, sagt Port.

Deshalb schätzt Port die Lage eher pessimistisch ein. Zwar gebe es in Nordhessen zur Zeit zwei Luchse. Einer von beiden ist der Kuder Pou, ein schon bekanntes Tier aus dem Harz, das im Dezember 2018 mit einem Sender-Halsband ausgestattet nach Hessen kam. Am 15. Januar hatte er zwischen Fürstenhagen und Quentel zwei Schafe gerissen. Und erst am vergangenen Freitag wurde Pou erneut bei Retterode (Hessisch Lichtenau) an einem erbeuteten Reh beobachtet. Auch gibt es noch einen zweiten, jedoch bislang noch unbekannten männlichen Luchs, der am 1. Januar erstmals fotografiert wurde. „Auch dieser dürfte sich noch in der Region aufhalten“, sagt Port.

Dennoch: Selbst wenn diese beiden Tiere wie Luchs Yuki der Region vielleicht ein Jahr lang treu blieben. „Wir müssen davon ausgehen, dass auch sie wieder wegziehen, weil Weibchen fehlen“.

Insofern plädiert Port für eine länderübergreifende Strategie für eine erfolgreiche Ausbreitung des Luchses in Deutschland, die auch die Umsiedlung eines Luchsweibchens zur Unterstützung des Bestandes in Nordhessen beinhalten könnte.

„Als Wissenschaftler kann ich lediglich darauf hinweisen, dass es hier einen dringenden Handlungsbedarf gibt“, sagt Port. Doch ob seine Empfehlung von der Politik gehört werde, sei eine andere Frage. Umfragen in der Bevölkerung zeigten, dass der Luchs mit großer Mehrheit (76,5 Prozent) eine sehr gute bis gute Akzeptanz genieße.

Port: „Wenn der nordhessische Luchsbestand gänzlich zusammenbrechen sollte, wäre dies ein herber Rückschlag – nicht nur für Hessen, sondern für die Ausbreitung des Luchses in ganz Mitteldeutschland.“

"Auswilderung nur als letztes Mittel"

Weder der Arbeitskreis Hessenluchs noch das Umweltministerium sprechen sich derzeit für die Auswilderung eines oder mehrerer Luchweibchen in Nordhessen aus. 

AK Hessenluchs

Das Freilassen eines weiblichen Luchses komme nur als letztes Mittel infrage, sagt Arbeitskreissprecher Thomas Norgall. So seien Auswilderungen erst dann sinnvoll, wenn in einem Gebiet gar keine Luchse mehr nachzuweisen seien. Im Fall Nordhessen aber ginge es lediglich um Bestandsschutz. So werde der Arbeitskreis Hessenluchs auch kein Forschungsprojekt mittragen, bei dem es um die Klärung der Frage geht, inwieweit die Stabilisierung einer Luchs-Teilpopulation von der Existenz eines Luchsweibchens abhängig ist. Grund: „Die Frage, ob man Weibchen freilassen sollte oder nicht, lässt sich auch ohne ein solches Projekt beantworten“. 

Auswilderungen oder Freilassungen sollten nur vorgenommen werden, wenn andere Möglichkeiten als objektiv unmöglich oder unverhältnismäßig bewertet werden müssen. Billigkeitsüberlegungen, die darauf abzielen, einen absehbaren Prozess zu beschleunigen, „haben in diesem Zusammenhang keinen Platz“, sagt Norgall. Zwar wisse niemand, wann der Populationsdruck im Harz so groß ist, dass auch Weibchen zuwandern und wann der nächste Reproduktionsnachweis in Hessen gelingt. 

„Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass dies geschehen wird“, sagt Norgall. Wann sei allerdings unklar. Sicher sei aber, dass die im Harz begründete Luchs-Population expandiere. Die Reproduktion von einem Weibchen sei bereits im Solling nachgewiesen worden. „Der Weg vom Solling nach Hessen ist deutlich kürzen als der Weg vom Harz nach Hessen“.

Umweltministerium

Auch das Hessische Umweltministerium geht davon aus, dass sich der Luchs-Bestand in Nordhessen wieder von alleine erholen wird. „Der kleine Bestand von Luchsen, der sich in den Jahren 2014/2015 vor Ausbruch der Fuchsräude entwickelt hat, hatte sich ebenfalls natürlich gebildet und ist nicht auf ein Auswilderungsprogramm zurückgegangen“, sagt Ministeriumssprecherin Annette Zitzer. Insofern setze das Ministerium weiter auf eine selbstständige Ausbreitung und nicht auf eine Auswilderung von weiblichen Tieren. „Natürlich benötigen solche natürlichen Prozesse je nach ökologischen und sonstigen Rahmenbedingungen Zeit – und sie können auch Rückschläge erleiden“, sagt Zitzer. 

Krankheiten und der Straßenverkehr forderten leider Opfer, sodass derzeit in Nordhessen sowie im Grenzbereich zu Thüringen und Niedersachsen nur wenige Luchse beobachtet werden. „Die Hessische Landesregierung wird jedoch den natürlichen Prozess beim Luchs weiterhin beobachten und unterstützen – vor allem durch die Kooperation mit dem AK Hessenluchs und den Nachbarbundesländern".

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