Kasse zahlt nur bis zum 70. Lebensjahr

Mammografie kann Tumore in Brust früh erkennen: Untersuchung ab 50 Jahren

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Frauen ab 50 Jahren werden regelmäßig zur Mammografie-Untersuchung eingeladen. Dabei suchen Ärzte die Brust nach Veränderungen ab. Das Bild zeigt die gesunde Brust einer Frau auf einer Röntgenaufnahme.

Kreis Kassel. Erika S. aus Fuldabrück (Name von der Redaktion geändert) war jahrelang regelmäßig beim Mammografie-Screening zur Brustkrebs-Früherkennung. Jetzt ist sie 75 Jahre alt – und hat vor Kurzem die Diagnose Brustkrebs bekommen.

Der Krebs wurde jedoch nicht während einer Früherkennungs-Untersuchung entdeckt. Denn zum Screening geht sie seit fünf Jahren nicht mehr. Der Grund: Die Untersuchung wird nur für Frauen im Alter von 50 bis einschließlich 69 Jahren von den Krankenkassen bezahlt. In diesem Zeitraum werden Frauen alle zwei Jahre per Brief zur Mammografie eingeladen. Danach nehmen sie nicht mehr an dem 2005 in Deutschland eingeführten Screening-Programm teil.

„Wenn der Verdacht auf Brustkrebs besteht oder die Patientin familiär vorbelastet ist, hat sie natürlich trotzdem die Möglichkeit, zur Mammografie zu gehen“, sagt Dr. Hans-Ulrich Lawerenz, Facharzt für diagnostische Radiologie, vom Mammografie-Screening-Zentrum Hessen Nord in Kassel.

„Das hat aber nichts mit dem Früherkennungsprogramm zu tun. Wir sprechen dann von einer kurativen Untersuchung, die nicht im Screening-Zentrum gemacht wird, sondern in einer radiologischen Praxis“, sagt Lawerenz. Kurativ bedeutet, dass bereits Symptome vorhanden sind und möglicherweise ein Verdacht auf Brustkrebs bestehen kann.

Obwohl die Gruppe der Patienten zwischen 50 und 70 statistisch gesehen am meisten von der Brustkrebsfrüherkennung profitiert, erkranken Frauen über 70 nicht seltener an Brustkrebs, sagt der Arzt. Deshalb würde Lawerenz aus ärztlicher Sicht auch gern Frauen in höherem Alter untersuchen. „Brustkrebs tritt natürlich auch vor und nach dieser Zeitspanne auf. Doch gerade in höherem Alter spielen andere gesundheitliche Probleme, wie das Risiko eines Herzinfarktes oder eines Schlaganfalls, eine größere Rolle und die Diagnose Brustkrebs wird immer weniger zur Todesursache.“ Der Altersgipfel bei Brustkrebs liege bei 62 Jahren.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Als Arzt sehe Lawerenz die Patientin als Individuum, der Staat betrachte stattdessen den Gesundheitszustand der Bevölkerung insgesamt. „Es geht dabei um Statistiken und Geld. Und da Geld nunmal endlich ist, hat der Gesetzgeber bei einem gewissen Alter einen Schlussstrich gezogen.“

Drs. Janusch Walbeck, Bezirksvorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte in Kassel, findet das Mammografie-Screening-Programm grundsätzlich „ein super System“. Die Untersuchung sei dazu da, Tumore unter einem Zentimeter Größe zu entdecken. Wenn ein solch kleiner Tumor gefunden wird, sei die Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten und könne normalerweise gut behandelt werden, sagt Walbeck.

Er bestätigt, dass bei Frauen über 70 andere Krankheiten in den Vordergrund rücken. „Außerdem heißt es ja nicht, dass Frauen über dieser Altersgrenze nicht mehr zum Gynäkologen gehen, um sich dort abtasten zu lassen. Auch bei dieser Untersuchung kann der Arzt Veränderungen im Gewebe feststellen, genauso wie beim Ultraschall.“ Alle Komponenten seien wichtig.

Walbeck sieht das Problem eher bei jüngeren Frauen. „Am besten wäre es, wenn Patientinnen bereits ab 40 Jahren am Screening-Programm teilnehmen würden“, sagt er. „Ab 45 Jahren wäre auch schon ein guter Schritt.“

Mammografie und Brustkrebs: Fragen und Antworten

Wie läuft eine Mammografie ab?

Bei der Untersuchung werden von jeder Brust zwei Röntgenaufnahmen aus unterschiedlichen Richtungen gemacht. Dafür wird die Brust zwischen zwei Platten gedrückt, was unangenehm oder auch schmerzhaft sein kann. Es schadet der Brust jedoch nicht. Je flacher die Brust gedrückt wird, desto weniger Röntgenstrahlung ist nötig und desto aussagekräftiger ist die Aufnahme. Die Aufnahmen werden von zwei Ärzten ausgewertet und nach Veränderungen abgesucht. Ein Brief mit dem Ergebnis wird der Patientin in der Regel zugesandt. 

Wie erfahren Patienten, dass sie zur Untersuchung kommen können?

Frauen zwischen 50 und 69 Jahren erhalten jedes zweite Jahr einen Brief, mit dem sie zur Mammografie-Untersuchung eingeladen werden. Den Brief versendet die sogenannte zentrale Stelle – für Hessen ist diese in Frankfurt – die die Daten vom örtlichen Einwohnermelderegister erhält. Die Untersuchung wird in einem wohnortnahen Screening-Zentrum gemacht, für Frauen aus der Region ist das Zentrum in der Garde-du-Corps-Straße 7 in Kassel. Manchmal findet die Untersuchung auch in speziell eingerichteten Fahrzeugen (Mammobil) statt. 

Wie geht es nach einem auffälligen Befund weiter?

Laut dem gemeinsamen Bundesausschuss – das ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland – können allein aufgrund der Röntgenbilder auch Spezialisten nicht immer sicher entscheiden, ob eine Auffälligkeit gut- oder bösartig ist. Es ist daher nötig, den Befund weiter untersuchen zu lassen. 

Wie hoch ist die Strahlendosis bei einer Mammografie? 

Je dichter das Brustgewebe ist, desto höher muss die Strahlendosis sein, um ein genaues Bild zu bekommen. Auch dann ist die Dosis so niedrig, dass sie normalerweise keine Folgen hat. Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass regelmäßige Röntgenuntersuchungen über einen Zeitraum von 20 Jahren bei höchstens einer von 1000 Frauen zur Entstehung von Brustkrebs beitragen können. Frauen unter 50 werden auch deshalb nicht routinemäßig mammografiert, weil ihr Brustgewebe besonders strahlenempfindlich ist, heißt es in einer Informationsbroschüre der Kooperationsgemeinschaft Mammografie und dem Deutschen Krebsforschungszentrum. 

Gibt es auch für Frauen die Möglichkeit, eine Mammografie machen zu lassen, wenn sie nicht zur angesprochenen Altersgruppe gehören und auch kein Verdacht auf eine Erkrankung besteht? 

Nein, die Anwendung von Röntgenstrahlen ist bei gesunden Frauen außerhalb des Screening-Programms gesetzlich verboten. Es muss also ein Verdacht vorliegen. Eine Mammografie kostet etwa 140 Euro, wird jedoch immer von den Krankenkassen übernommen, weil sie entweder notwendig ist oder innerhalb des Screening-Programms gemacht wird. 

Gibt es Nachteile einer regelmäßigen Teilnahme am Screening-Programm? 

Ja, das Risiko von Überdiagnosen. Die Mammografie kann zu unnötigen Brustkrebsdiagnosen führen, die unnötige Behandlungen wie Operationen und Bestrahlungen zur Folge haben. Beispiel: Eine Frau ist 65 Jahre alt und hat einen kleinen, sehr langsam wachsenden Tumor in der Brust. Ohne Früherkennung erfährt sie dies nicht. Sie stirbt mit 77 Jahren, allerdings nicht an Brustkrebs. Die Früherkennung hätte ihre Lebenserwartung nicht verändert, aber zu unnötigen Behandlungen geführt. 

Wie häufig ist Brustkrebs?

Laut einer Tabelle des Gemeinsamen Bundesausschusses bekommen in den nächsten zehn Jahren 25 von 1000 Frauen im Alter von 50 Jahren Brustkrebs, 36 von 1000 im Alter von 60 Jahren und 34 von 1000 Frauen, wenn sie 70 Jahre alt sind. Im Laufe des Lebens sterben etwa 35 von 1000 Frauen an der Krankheit Brustkrebs.

Wie gefährlich ist Brustkrebs? 

Brustkrebs ist so vielfältig, wie kaum eine andere Krebsart. Oft ist Brustkrebs heilbar. Er kann sich langsam entwickeln und keine Metastasen bilden, er kann aber auch schnell wachsen und sich im Körper ausbreiten.

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