Fragen und Antworten

Bald mehr Luchs-Kinder? Chancen für den Luchs in Nordhessen stehen gut

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In die Fotofalle getappt: Schon im Februar 2019 gelang den Göttinger Luchsforschern im Reinhardswald dieses Foto. Offenbar handelt es sich um eines der Alttiere, die jetzt im Reinhardswald Junge aufziehen.

In Nordhessen sah es noch vor einem Jahr schlecht aus für den Luchs - das hat sich geändert. Die Bedingungen für die neue Population sind gut.

  • Sorge um den Luchs in Nordhessen seit Dezember 2019 weniger groß
  • Luchsfamilie im Reinhardswald zeugt von Erholung des Luchsbestandes
  • Die Chancen für den Luchs in Nordhessen stehen gut

Noch vor einem Jahr sah es schlecht bestellt aus um den Luchs in Nordhessen - das hat sich geändert. Tatsächlich war im Sommer 2018 das letzte sesshafte Männchen aus dem Kaufunger Wald verschwunden. Um so überraschender kam jetzt die Sichtung einer Luchsin im Reinhardswald mit vier Jungtieren im Dezember 2019. Besteht nun wieder Hoffnung für den Luchs in Nordhessen? Hier einige Fragen und Antworten.

Die Luchsfamilie im Reinhardswald ist eine Sensation. Besteht nun Hoffnung, dass sich der Luchsbestand in der Region wieder erholt?

„Ja“, sagt dazu der Göttinger Luchsforscher Markus Port vom Johann-Friedrich Blumenbach Institut für Zoologie und Anthropologie in Göttingen. Tatsächlich sei die Beobachtung der Luchsfamilie im Reinhardswald überraschend gekommen. Zwar gab es dort schon seit einigen Jahren immer wieder mal Hinweise auf Luchse, bislang jedoch wenig handfeste Nachweise.

Von Frühjahr bis Herbst 2016 waren 20 Fotofallen aufgestellt worden – mit keinem Ergebnis. Erst im Juli 2017 wurde östlich der Sababurg wieder ein Luchs fotografiert, allerdings war dieser wohl nur ein Durchzügler. Jungtiere konnten dort bislang überhaupt noch nicht dokumentiert werden.

Wo kommt die Luchsfamilie plötzlich her?

Genetische Untersuchungen von Haaren ergaben, dass einer der Luchse Merkmale der im Harz lebenden Luchse hat. „Das heißt aber nicht, dass die Luchse jetzt auch aus dem Harz gekommen sind“, sagt Port.

Markus Port, Luchsforscher Uni Göttingen

Zu vermuten sei eher, dass die Tiere aus dem Gebiet Solling/Hils stammen. Dort lebe auch eine Splitterpopulation der Harz-Luchse. Die Distanz von dort bis zum Reinhardswald sei schlicht nicht so groß wie die vom Harz in den Kaufunger Wald. „Solch eine kurze Strecke schaffen auch die zugfaulen Weibchen. Und an denen hat es in Nordhessen ja zuletzt gemangelt“.

Aber zwischen dem Solling und dem Reinhardswald liegt doch die A7?

Die A7 ist in der Tat ein schwer überwindbares Hindernisse für Luchse. Immerhin haben es die Luchse schon über die Weser geschafft, um vom Harz in den Solling zu kommen. „Tatsächlich wissen wir nicht, wie und wo die Luchse diese Barrieren überwunden haben“, sagt Port. Es sei lediglich bekannt, dass Luchse, wenn es darauf ankommt, auch mal einen breiten Fluss durchschwimmen.

Könnte der Reinhardswald jetzt als Brückenkopf für eine erneute Ausbreitung des Luchses in Nordhessen dienen?

Luchs Ludo unterwegs bei Sontra: Er war bis zum Auftauchen der Luchsfamilie im Reinhardswald der letzte noch verbliebene Luchs in Nordhessen. Anfangs galt er nur als Durchzügler, jetzt ist er wohl sesshaft geworden.

Definitiv ja. Weil im Reinhardswald nur für wenige Luchse Platz ist (ein Männchen und zwei bis drei Weibchen), wird der Populationsdruck dort möglicherweise schnell ansteigen. Anders gesagt: Gibt es Nachwuchs, werden die Luchse schnell zu viel, sodass es zu Abwanderungen kommt. „Und dann liegt vor allem für Weibchen auch der Kaufunger Wald wieder in erreichbarer Nähe“, sagt Port. „Männliche Luchse schaffen es ja regelmäßig direkt vom Harz bis in den Kaufunger Wald“.

Zuletzt waren die Fotofallen der Göttinger Forscher noch im Kaufunger Wald, in der Söhre sowie im Bereich Meißner bis nach Sontra aufgestellt. Hat es dort neue Erkenntnisse gegeben?

Nein. Nach dem Wegzug der letzten beiden sesshaften Männchen Felux und Yuki im Jahr 2018 aus dem Kaufunger Wald und der Söhre, waren zwischen Sontra und Hessisch Lichtenau nur noch zwei neu hinzugewanderte Männchen gesichtet worden – Pou und Ludo. Pou, der auch Schafe riss und sich gerne mal in Vorgärten aufhielt, ist inzwischen an Lungenentzündung gestorben. Ludo ist bei Sontra immer noch unterwegs, und kann deshalb jetzt schon als sesshaft eingestuft werden. Was aber immer noch fehlt, sind Weibchen.

Muss jetzt noch über Auswilderung von Luchsen nachgedacht werden, um die Population zu retten?

„Nein, vorerst nicht“, sagt dazu Port. Das Auftauchen der Luchsfamilie im Reinhardswald mache wirklich Hoffnung. Wenn die Jungtiere überleben, werden sie über kurz oder lang abwandern – womöglich auch in Richtung Kaufunger Wald und Söhre. Wenn Weibchen darunter sind, umso besser. Sie könnten tatsächlich Keimzelle für eine neue nordhessische Luchs-Population werden.

Luchsnachwuchs im Reinhardswald: Dieses Foto mit zwei der insgesamt vier Jungtiere gelang Revierförster Christoph Vadersen bereits am 19. Dezember 2019.

Was sollte jetzt getan werden, um die Luchse zu unterstützen?

Einfach machen lassen. „Wir werden jetzt die Reinhardswald-Luchse und deren Nachkommen genau beobachten“, sagt Port. 15 Kameras hängen inzwischen im Reinhardswald, 40 weitere im Kaufunger Wald. „Wir brauchen mehr Aufschlüsse über Wanderbewegungen.“ Am besten sei es, wenn die Luchse es aus eigener Kraft schaffen. „Jeder, der sich für den Luchs engagiert, wünscht sich, dass der Luchs auch ganz ohne menschliche Hilfe in der deutschen Kulturlandschaft zurechtkommt. Ich bin nun erst mal wieder guter Hoffnung, dass ihm dies in Nordhessen doch noch gelingen kann.“ 

Es gab schon einmal sechs sesshafte Luchse in Nordhessen

Es gab Zeiten, in denen mehr als nur eine Luchsfamilie durch die heimischen Wälder zog. Noch zum Jahreswechsel 2014/2015 gab es sechs erwachsene Exemplare in Nordhessen. Danach brach der Bestand dramatisch zusammen. Grund dafür war vermutlich die Fuchsräude – eine auch für Luchse gefährliche und oft tödliche, durch Parasiten verursachte Hauterkrankung. 

Die von Mitarbeitern des Nationalparks Harz besenderte Luchsin F7 war bereits zu Beginn der Untersuchungen der Göttinger Forscher im November 2015 an der Fuchsräude verendet. Allerdings konnten auch die zwei weiteren, vermutlich fest ansässigen Luchse Laxy und Braun nicht mehr nachgewiesen werden. „Vermutlich sind auch diese beiden Tiere verendet“, sagt der Göttinger Luchsforscher Markus Port.

Immer mehr Luchse verschwanden in Nordhessen - bis Dezember 2019

Von dem am Hohen Meißner beheimateten Luchs Kuno konnten im November 2015 noch zwei Aufnahmen gemacht werden, dann verschwand auch dieses Tier. Kuno tappte allerdings im Januar 2016 in eine Fotofalle im Harz. Damit ist Kuno der erste Luchs, der aus Nordhessen in den Harz gewandert ist. Übrig blieben demnach nur noch die die beiden männlichen Luchse Felux und Yuki. Während Yuki ebenfalls im Frühjahr 2018 in den Harz zurückwanderte und dort von einem Auto überfahren wurde, fehlt von Felux seit dem Sommer 2018 jede Spur. Ob auch er abgewandert oder verstorben ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. 

Die aktuelle Studie der Göttinger Luchsforscher um Markus Port wird in Kooperation mit dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) durchgeführt, und von der HIT Umwelt- und Naturschutz Stiftung finanziell unterstützt.

Mehr Informationen rund um das Thema Luchs:

Es gibt keine sesshaften Luchse mehr in Nordhessen - Es ist nicht gut bestellt um den Luchs in Nordhessen. Schon im Frühjahr 2018 war eines der letzten beiden sesshaften Luchsmännchen aus den Wäldern rund um den Meißner und Rotenburg in den Harz abgewandert.

Jetzt ist es nur noch einer: Der Luchs in Nordhessen droht auszusterben - Der Luchs in Nordhessen droht auszusterben. Mit dieser Nachricht hatte der Göttinger Luchs-Forscher Markus Port vom Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie für Aufsehen gesorgt.

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