Naturschutz

Regiosaatgut ist Mangelware

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Ein Kornfeldfeld mit Kornblumen bei Ascherode im Schwalm-Eder-Kreis. Mit mehr Reihenabstand könnten mehr Wildpflanzen auf Äckern wachsen.

Es gibt Kritik am neuen Gesetz zum Thema Regiosaatgut. Doch nicht nur die Hersteller können die Vorgaben nur schwer umsetzen. Für Blühstreifen gibt es allerdings Entwarnung. 

Nachdem bisher unklar war, ob Bauern auf Blühstreifen ein bestimmtes Saatgut – Regiosaatgut – verwenden müssen (HNA berichtete), gibt es nun Gewissheit. Das Land Hessen teilt mit, dass auch künftig beim Anbau von Pflanzen in der Land- und Forstwirtschaft kein regionales Saatgut verwendet werden muss.

Das freut auch Jürgen Düster, Fachbereichsleiter für Landwirtschaft im Kreis Kassel. Denn so würden Bauern bei ihren Bemühungen, die Natur schützen zu wollen, nicht eingeschränkt. „Wir wollen ja die Blühflächen vermehren“, so Düster.

Regionales Saatgut muss nach dem Bundesnaturschutzgesetz ab 1. März jedoch für Ausgleichsflächen beispielsweise von Kommunen verwendet werden. Bisher galt eine zehnjährige Übergangsregelung. Das heimische Saatgut soll die Artenvielfalt fördern und den Pflanzen ermöglichen, in ihrer gewohnten Umgebung am besten zu wachsen. Doch die Umsetzung birgt einige Probleme, weiß Markus Wieden. Er ist Wildpflanzenproduzent seit 20 Jahren und Geschäftsführer des Verbands deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten. Im Rahmen einer Fortbildungsreihe berät er derzeit Kommunen im Landkreis.

Die Saatmischungen sollen dort produziert werden, wo sie auch ausgesät werden. Dafür ist Deutschland in 22 Herkunftsregionen und 8 Produktionsräume aufgeteilt. Doch Wieden kritisiert diese Einteilung. „Es ist erforderlich, die Regionen neu zu bearbeiten.“ Es gebe keine hinreichenden Belege für die Grenzen. Momentan verhindern sie eher, dass genügend regionales Saatgut da ist.

Und es fehle an Produzenten: In Teilen von Nordhessen und Südniedersachsen beispielsweise gebe es keinen Wildsaatguthersteller. Die Hoffnung, dass sich neue Produzenten in den unterversorgten Gebieten ansiedeln, beantwortet Wieden mit „Fehlanzeige“. Diese müssten sehr viele Arten anbauen, um daraus eine Mischung herstellen zu können – wirtschaftlich sei das in so kurzer Zeit nicht machbar.

Um eine geeignete Saatmischung für eine kommunale Ausgleichsfläche zu bekommen, müssten Anbieter also auf Arten aus anderen Herkunftsregionen zurückgreifen, was sie eigentlich nicht dürften. Das stellt die Umsetzung des Gesetzes, was eigentlich zum Schutz der Natur gedacht ist, vor Probleme: „Wir werden Vollzugsdefizite haben“, kündigt Wieden an. Es gebe jetzt schon eine Unterversorgung. Bisher seien deshalb oft Grünflächen mit Zuchtsaatgut entstanden, anstatt Wildpflanzenwiesen, die für die Artenvielfalt viel nützlicher seien.

Indem das Gesetz Bezug auf die Herkunftsgebiete nehme, verhindere es das eigentliche Ziel, nämlich mehr Flächen mit heimischen Wildpflanzen zu bepflanzen.

Roman Krettek von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Kassel bestätigt das Problem. Zwar weise seine Behörde schon immer darauf hin, bei Ausgleichsflächen regionales Saatgut, beziehungsweise Wildpflanzen zu verwenden. „Die meisten Kommunen wissen aber gar nicht, wo sie das her bekommen sollen.“

Eine optimale Lösung ist laut Wieden, die Samenmischung individuell auf die jeweilige Nutzung zurechtzuschneiden. Damit sei nicht nur eine gute Anpassung, sondern auch Beständigkeit garantiert. 

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