2030 könnten 60 Ärzte fehlen

Sterben Hausärzte aus? Mediziner sieht schwarz für Kreis Kassel

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Streitpunkt Papierkram in Arztpraxen: Rolf Zitzmann, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde in Helsa, ist überzeugt, dass der heutige Bürokratiedschungel junge Kollegen davon abhält, in Arztpraxen auf dem Land zu gehen. 

54 Jahre alt ist der Allgemeinmediziner im Landkreis Kassel im Schnitt - Tendenz steigend. Es kommen sehr wenig junge Ärzte nach. Woran liegt das und wie lässt es sich ändern?

Rolf Zitzmann sieht ein Problem auf sich zukommen – und auf Helsa-Eschenstruth: Der 59 Jahre alte Allgemeinmediziner und Naturheilkundler führt seit 1991 eine Praxis in dem Ortsteil. Doch wer die Praxis ab seinem Ruhestand übernimmt, ist unklar.

Zitzmann bringt es auf den Punkt: „Es ist aus meiner Sicht unwahrscheinlich, dass ich die Räume weitergeben kann.“ Mindestens sieben Jahre wolle er noch arbeiten, aber was dann? Wird seine Praxis weitergeführt? „Einzelärzte wie ich sterben aus. Vor allem junge Kollegen wollen immer weniger aufs Land. Wenn überhaupt, wollen sie nur in Zentren mit mehreren Ärzten.“ Damit sei jedoch die Versorgung in den Ortsteilen nicht richtig abgedeckt. Das führe zu großen Problemen.

Auch Landkreissprecher Harald Kühlborn bestätigt, dass in naher Zukunft Versorgungsengpässe bei Allgemeinmedizinern auf dem Land entstünden. Grund dafür sei das Durchschnittsalter der Ärzte mit 54,59 Jahren (hessischer Schnitt 55,10/Stand jeweils Ende Juni 2017). „Wir stehen damit im Landkreis erst am Anfang der Probleme“, sagt er. „Die KV Hessen geht für den Landkreis Kassel von einem Nachfolgebedarf für Hausärzte im Jahr 2020 von 20 Ärzten aus.“ Im Jahr 2025 fehlten 35 Ärzte und 2030 sogar 60.

Kühlborn sieht ebenfalls das Problem, dass wenig junge Ärzte eine eigene Praxis aufmachten oder übernehmen. „Sie scheuen sich, Verantwortung als Arbeitgeber zu übernehmen und sich mit der Abrechnungsbürokratie rumzuschlagen.“ Deshalb liege die Zukunft der ärztlichen Versorgung in Verbundsystemen – die aber auch keine wirtschaftliche Sicherheit garantiere: In Kassel und in Baunatal seien solche Verbünde schon insolvent gegangen.

Aber was muss sich ändern, um jungen Allgemeinmedizinern das Landarztdasein schmackhafter zu machen? Für Zitzmann ist klar: „Der Arztberuf muss entbürokratisiert werden.“ Was an zeitlichem Mehraufwand entstünde, sei nicht mehr tragbar. Obendrein verliere man im Verwaltungsdschungel rund um Medikamenten- und Heilmittelverordnungen zunehmend den Überblick: „Wenn es schlecht läuft, zahlt man mehrere tausend Euro Strafe.“

Diese Probleme sieht auch Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen: „Durch die sehr strengen Reglementierungen durch die Politik sind vor allem Einzelärzte unter einem enormen Druck.“ Hinzu komme, dass vor rund 20 Jahren die Zahl der Medizinstudienplätze drastisch gekürzt wurde: „Auch das bekommen wir heute zu spüren. Es gibt schlichtweg zu wenig Ärzte.“

Die Politik müsse weiter einlenken, vor allem um die vielen Frauen unter den Absolventen mehr anzusprechen. Um junge Ärzte aufs Land zu ziehen, übernimmt der Landkreis Kassel laut Kühlborn für bis zu fünf Studierende der Kassel School of Medicine ein Stipendium – wenn sie sich „vertraglich verpflichten, ein Beschäftigungsangebot im Landkreis Kassel oder beim Gesundheitsamt Region Kassel anzunehmen und mindestens fünf Jahre“ dort tätig sind. Die ersten beiden Absolventinnen seien 2020 fertig.

Hintergrund: Durchschnittsalter der Ärzte teils über 60

Laut Landkreissprecher Harald Kühlborn gibt es im Landkreis Kassel Versorgungsengpässe bei den Allgemeinmedizinern in den Kommunen Espenau, Helsa, Lohfelden und Niestetal (Altkreis Kassel). Aber: Mache in Niestetal, Lohfelden oder Espenau eine Praxis dicht, könne das durch Nachbarkommunen aufgefangen werden. Schwieriger sei das in Helsa. 

Die Kommunen Naumburg (Altkreis Wolfhagen), Trendelburg, Wahlsburg und Calden (Altkreis Hofgeismar) stünden unter noch größerem Druck: In Naumburg bestünde bereits jetzt ein Engpass. In Trendelburg, Wahlsburg und Calden gab oder gibt es laut Kühlborn Nachfolgeprobleme. Das wachsende Problem ist das hohe Durchschnittsalter der Hausärzte. Das zeige sich vor allem in Bad Emstal, Naumburg und Calden, ebenso wie in Oberweser und Wahlsburg. Hier liege das Durchschnittsschnittalter bei 60 Jahren und höher.

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