Einwanderung alle zehn bis 15 Jahre

Mit Tempo 15 von Afrika bis Kassel: Distelfalter in der Region zu sehen

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4000 Kilometer in Etappen: Der Distelfalter ist in diesem Jahr in der Region besonders häufig zu sehen. Massenweise hat der Wanderfalter einen langen Weg aus den Subtropen bis hierher zurückgelegt.

Schon im Juni waren sie massenhaft unterwegs. Im Juli war kurz Pause. Und jetzt sind die flinken Flieger wieder überall an Blüten zu sehen.

Der Distelfalter feiert in diesem Jahr ein besonders Gastspiel. Nicht nur im Landkreis Kassel, sondern in ganz Mittel- und Nordeuropa kommt die Schmetterlingsart derzeit häufig vor. Der Distelfalter ist ein Wanderfalter, der alle zehn bis 15 Jahre in großen Scharen aus Afrika oder dem arabischen Raum zu uns einwandert. 2019 ist wieder solch ein Jahr.

„Das ist wirklich ein Schauspiel“, sagt Kai Füldner, Leiter des Kasseler Naturkundemuseums und Experte in Sachen Schmetterlinge. Das Besondere dabei: „Der Tausende Kilometer lange Flug aus dem Süden ist ein Mehrgenerationen-Projekt“, sagt Füldner. Es fliegt also nicht der gleiche Schmetterling die ganze Strecke auf einmal, sondern es braucht mehrere Falter-Generationen, um die große Distanz zu bewältigen.

Das läuft so: „Die Schmetterlinge fliegen einige Hundert Kilometer und legen dann an geeigneten Stellen Eier ab“, erklärt Füldner. Die Raupen entwickeln und verpuppen sich, bis einige Wochen später die neuen Falter schlüpfen. „Sie sind es dann, die die Reise fortsetzen“. Das ganze wiederholt sich bis zu sechs Mal, bis die Schmetterlinge sogar Skandinavien erreichen. Füldner: „Freunde von mir machen gerade in Schweden in Höhe des Polarkreises Urlaub. Sogar da fliegen die Distelfalter schon herum“.

Kai Füldner, Leiter Naturkundemuseum

Dabei mag der Schmetterling Mittel- und Nordeuropa zunächst einmal nicht. Zwar kommt der Distelfalter grundsätzlich auf der ganzen Welt vor – er liebt aber eher die Wärme. Frost tötet ihn sofort ab. „So werden Ende August tatsächlich einige Falter wieder den langen Rückflug nach Afrika antreten“, sagt Füldner. Die große Masse aber werde hier in der Region bleiben und dann verenden. Anfang September sei das Schauspiel schon vorbei. Sie erreichen Geschwindigkeiten von 7 bis 15 Stundenkilometern.

Die lange Wanderung ist eine Überlebensstrategie

Aber warum macht ein Schmetterling so etwas? „Das ist eine Überlebensstrategie“, sagt Füldner. Die Distelfalter wandern immer dorthin, wo sich ihnen die besten Fortpflanzungsbedingungen bieten. Im April ist das zum Beispiel das Hochland von Äthiopien, wenn dort seine Futterpflanzen gedeihen. In unseren Breiten fangen da gerade einmal die ersten Kräuter an zu sprießen.

Im Juli dann, wenn in Zentralafrika alles längst ausgedörrt ist, gedeihen dann in Mittel- und Nordeuropa die Futterpflanzen – allem voran Disteln, aber auch Brennnesseln, Flockenblumen, Malven und Beifuß. „Das ist dann auch die Zeit, in der der Distelfalter hier eintrifft“. Und zum Herbstbeginn geht dann alles wieder Retour.

Die Raupen des Distelfalters leben auf Disteln und Brennnesseln.

Allerdings mit hohen Verlusten. „99,9 Prozent der Falter überleben den nach Süden Zug nicht, sie bleiben auf der Strecke – wegen Erschöpfung, oder weil schlechtes Wetter sie einholt. Einige schaffen es aber – auch über die Alpen. Und das genügt, um die Art zu erhalten.

Für Füldner ist der Zug der Distelfalter jedes Mal ein Ereignis. „Allerdings sollten wir jetzt nicht glauben, dass das große Insektensterben hierzulande jetzt mit dem Distelfalter vorbei sei: Der Distelfalter hat mit uns, und damit, wie schlecht wir hier mit der Natur umgehen, nichts zu tun. Er ist ein reines Import-Insekt.“

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