Vdk-Vorsitzende im Interview: Pflege ist ein Armutsrisiko

Kreis Kassel. Wie sieht die Pflege der Zukunft aus? Lassen sich diese Probleme lösen, oder verschärft sich der Trend? Ein Gespräch mit Vera Heckmüller, Vorsitzende des Bezirksverbands Kassel im Sozialverband VdK Hessen Thüringen.

Längst macht das Schlagwort vom Pflegenotstand in Altenheimen die Runde. Personalmangel und hohe Arbeitsbelastung gehen mit steigenden Kosten einher. 

Frau Heckmüller, eine Seite des Pflegenotstandes ist der Fachkräftemangel. Wie ist die Lage?

Die Lage ist ernst. Es fehlt an Personal, die Pfleger sind erschöpft. Grund ist die mangelnde Attraktivität des Altenpflegerberufs, sie muss verbessert werden – angefangen bei einer höheren Vergütung bis hin zu gesetzlichen Rahmenbedingungen auch mit Blick auf die Arbeitsbedingungen und die Personalausstattung.

Wird sich damit der Personalmangel beheben lassen?

Der demografische Wandel ist ein großes Problem. Es gibt immer mehr ältere Menschen. So wird die Zahl der Pflegebedürftigen von jetzt 3,5 Mio. auf 4,5 Mio. im Jahr 2050 steigen. Das bedeutet, dass in der Pflege zusätzlich bis zu 500 000 Kräfte mehr gebraucht werden.

Wo sollen die herkommen?

Das ist tatsächlich schwer zu sagen. Wir haben es hier mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun. Auch andere Branchen klagen über fehlende Fachkräfte.

Was für Aussichten gibt es?

Neue Konzepte wie generationenübergreifendes Wohnen, Senioren-WGs oder Angebote für betreutes Wohnen werden an Bedeutung gewinnen. Politisches Ziel muss es sein, ein selbstständiges Leben in vertrauter Umgebung bis ins hohe Alter zu ermöglichen. Bedingung dafür ist auch Barrierefreiheit – überall. Der VdK setzt sich gerade für eine entsprechende Änderung der Hessischen Bauordnung ein.

Was für eine Rolle spielt die Pflege zu Hause?

Eine sehr große Rolle. Schon jetzt werden in Hessen etwa 75 Prozent aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, etwa die Hälfte davon durch pflegende Angehörige. Würden diese 1,4 Mio. Senioren in die Pflegeheime drängen, würde das System kollabieren. Deshalb müssen auch in diesem Bereich die Rahmenbedingungen verbessert werden.

Wie soll das aussehen?

Die häusliche Altenpflege ist eine große Belastung für pflegende Angehörige. Nicht wenige müssen ihren Job aufgeben – mit allen finanziellen Nachteilen. Die Gefahr von Altersarmut durch Pflege ist hoch. Pflege und Beruf müssen also nebeneinander möglich sein. So sollte analog zur Elternzeit der Anspruch auf eine Pflegepersonenzeit eingeführt werden – mit Lohnersatzleistungen wie beim Elterngeld. Auch wäre eine rentenrechtliche Gleichstellung von Pflege- und Kindererziehungszeiten notwendig.

Stichwort Geld: Was kostet inzwischen ein Pflegeplatz in einem Seniorenheim?

Bei einem Pflegegrad der Stufe vier entstehen Kosten bis zu 4500 Euro im Monat. Davon werden 1775 Euro von der Pflegeversicherung abgedeckt. Der Rest muss über die Rente und private Zuzahlungen finanziert werden.

Das sind also viele Hunderte Euro, die privat gestemmt werden müssen?

Richtig. Und die Kosten werden weiter steigen. Wer sich also nur auf die Pflegeversicherung verlässt, für den steigt das Armutsrisiko. Private Vorsorge wird also immer wichtiger.

Schon jetzt verdient aber jeder dritte Deutsche nur noch weniger als 2400 Euro brutto pro Monat. Wie soll private Altersvorsorge da noch möglich sein?

Die Gefahr besteht für immer mehr Menschen, aus dem Pflegesystem herauszufallen. Ist das Privatvermögen aufgezehrt, werden von den Sozialämtern die Kinder in Regress genommen. So verschiebt sich das Finanzierungsproblem aber nur wieder auf die nächste Generation.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Es muss viel mehr Geld in die Pflegeversicherung fließen. So sollten künftig alle Einkunftsarten herangezogen werden. Auch die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze wäre eine Alternative. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass professionelle Pflege nur noch besser Verdienenden vorbehalten bleibt.

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