Interview mit einem Kasseler Soziologen

WhatsApp, Facebook & Co.: So beeinflussen Apps und soziale Medien unser Leben

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Selbstdarstellung: Durch soziale Medien und Nachrichten-Apps geht es immer mehr darum, sich selbst und andere zu zeigen und ein bestimmtes Image aufzubauen. Unser Bild zeigt HNA-Redakteur Moritz Gorny, der im Rahmen der Fastenzeit auf das Wlan und die mobilen Daten auf seinem Smartphone verzichtet, hier aber mal das Handy in die Hand genommen hat.

WhatsApp, Facebook und Co. auf dem Smartphone sind aus dem Alltag kaum noch wegzudenken. Doch was macht dieser Trend mit den Menschen? Und was passiert, wenn man darauf verzichtet?

Darüber haben wir mit dem Soziologen Dr. Janosch Schobin, Uni Kassel, gesprochen.

Herr Schobin, können Sie ohne Smartphone sein?

Gute Frage (lacht). Also probiert habe ich das noch nicht. Ich gehe aber davon aus, dass es klappen würde, denn ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man die Dinger noch nicht hatte.

Nutzen Sie Nachrichten-Apps wie Whatsapp, um Kontakt zu halten?

Ja, Whatsapp zum Beispiel nutzen meine Tochter und ich mit meiner Mutter. Sie wohnt in Lateinamerika. Meine Mutter liest meiner Tochter zum Beispiel Bücher über Sprachnachrichten vor. Ich habe über Whatsapp aber auch Kontakt zu meinem Vater in Ecuador und meinem Bruder in Chile. Bei uns hat das alltagspraktischen Sinn.

Wie hat sich unser Kontaktverhalten durch Nachrichten-Apps und soziale Medien verändert?

Der Kontakt über große Distanzen ist ausgeprägter. Das war früher schlichtweg teurer. Telekommunikation hatten wir in Deutschland schon vor sozialen Medien. Was übers Telefon und Mails stattgefunden hat, wird mehr und mehr gegen Whatsapp und Facebook ausgetauscht. Durch die neuen Medien kann man in jeder freien Minute kommunizieren.

Wenn immer mehr der Kommunikation über Whatsapp und Facebook stattfindet, was macht das mit uns?

Als Soziologe fragt man eher, was das mit Beziehungen macht, zum Beispiel in Sachen Privatheit. Viele soziale Medien stellen Freundschaften bildlich dar. Man fertigt Bilder mit Freunden an und zeigt sie einem ausgewählten Publikum. Das verändert die Privatheit von Freundschaften stark. Freundschaft war früher eine Beziehung, die nicht nach außen repräsentiert werden brauchte.

Und das ist jetzt anders?

Die Darstellung von Freundschaften ist wieder mehr zur Pflicht geworden. Man soll seine Freunde zeigen und gut aussehen lassen.

Sie sagten, man könne ständig kommunizieren. Ist das nicht eine Last?

Was Nachrichten-Apps und soziale Medien befördern, ist Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Das raubt Zeit, sie wird damit zu einem knapperen Gut. Whatsapp hat den Vorteil, dass eher Zeit genutzt wird, die früher nicht für Kommunikation zur Verfügung stand – zum Beispiel während einer Busfahrt. Aber: Zeiten, die es früher etwa für Langeweile oder Muße gab, gibt’s weniger.

Bei Facebook ist der Kampf um Aufmerksamkeit ausgeprägter?

Ja, insgesamt bei sozialen Medien, bei denen Beziehungen gesehen werden. Da wird mit der Münze bezahlt, dass jemand auf etwas reagiert und andere das sehen. Das ist hart, weil es Einzelne massiver Kommunikationskonkurrenz aussetzt. Die müssen immer wieder Inhalte schaffen, die Aufmerksamkeit erzeugen. Das bedeutet Stress, besonders wenn die Medien als wichtig für den sozialen Status erlebt werden.

Werden die Medien dann zu Zeitfressern?

Dr. Janosch Schobin, Uni Kassel

Die Frage ist, welche Zeit sie fressen. Bei Arbeitszeit ist das plausibel. Viele Firmen haben es deswegen erschwert, soziale Medien zu nutzen. Das andere sind Wegezeiten. Da konnten Menschen früher häufig nicht gut kommunizieren, das geht jetzt recht komfortabel. Dass im großen Stil Zeit, die früher genutzt wurde, um sich von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten, dafür genutzt wird, vermute ich aber nicht.

Sie sagten, Sie könnten ohne Handy sein. Jüngeren Menschen fällt das vielleicht schwerer, weil sie damit aufgewachsen sind. Wie geht’s weiter?

Ich habe keine Ahnung, wohin dieser Zug fährt. Interessant ist die Frage, ob Deutschland digital-freundlicher wird. Wir sind ja eigentlich eher digital-konservativ. Ein Beispiel: In Chile ist die Nutzung sozialer Medien viel ausgeprägter als bei uns. Sie werden stark innerhalb von Familie und Verwandtschaft genutzt. Vielleicht passiert das bei uns auch.

Was passiert aus Ihrer Sicht, wenn man auf die Medien verzichtet?

Das ist ganz verschieden, je nachdem, welchen Stellenwert diese Medien im jeweiligen Leben haben. Wer alles darüber organisiert und sein Selbstbild danach ausrichtet, für den wird das eine schwere Prüfung. Für manch anderen ist das kaum eine Umstellung. Man schaut abends mehr fern, liest ein Buch oder greift zum Telefon.

Zur Person

Dr. Janosch Schobin (37), ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Soziologe an der Uni Kassel. Er hat Mathematik, Soziologie und Hispanistik studiert. Bevor er 2015 nach Kassel kam, war Schobin am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig. Der 37-Jährige ist in Göttingen geboren und wohnt heute mit Frau und Tochter in Kassel.

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