Nach tödlichem Unfall in Baunatal

Selbstversuch im Altersanzug: Ein Tag im Körper einer 80-Jährigen

Mit eingeschränktem Gesichtsfeld, halb taub und mit Gewichten an den Armen fühlt es sich für unsere Autorin Amira El Ahl alles andere als gut an, hinter einem Steuer zu sitzen.
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Mit eingeschränktem Gesichtsfeld, halb taub und mit Gewichten an den Armen fühlt es sich für unsere Autorin Amira El Ahl alles andere als gut an, hinter einem Steuer zu sitzen.

Der Anteil älterer Menschen in Deutschland steigt kontinuierlich. Wenige können sich vorstellen, wie es ist, alt zu sein. Wir haben es mit dem Alterssimulationsanzug GERT ausprobiert.

Einen Nachmittag lang bin ich nicht 42, sondern 80 Jahre alt. Zumindest soll es sich so anfühlen, 80 zu sein. Ich trage den Alterssimulationsanzug GERT, was für „Gerontologischer Testanzug“ steht. Anlass für unser Experiment ist ein Unfall, bei dem Mitte Dezember ein 74-Jähriger in Baunatal angefahren wurde und später starb. 

Alle 18 Stunden wird nach Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrats ein Fußgänger in Deutschland getötet. Die Hälfte von ihnen sind mindestens 65 Jahre alt. Ich will verstehen, warum gerade ältere Menschen zu den besonders gefährdeten Verkehrsteilnehmern gehören.

Der Anzug

Mein Alterssimulationsanzug besteht aus Gewichten, die an Hand- und Fußgelenke angelegt werden, einer Gewichtsweste für den Oberkörper sowie aus Bandagen für Knie- und Ellenbogen und einer Halskrause. Eine getönte Skibrille und Ohrenschützer vervollständigen den Anzug. GERT soll mir als jüngerem Menschen zeigen, wie sich Ältere fühlen, indem ich die alterstypischen Einschränkungen erlebe: Einengung des Gesichtsfeldes, Schwerhörigkeit, Kraftverlust, Gelenkversteifung, um nur einiges zu nennen.

„Das Alter ist natürlich nicht genau festzulegen, da jeder Mensch anders alt wird, und die individuellen Unterschiede sehr groß sein können“, erklärt Wolfgang Moll, Diplom-Designer, Ergonom und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG), der den Anzug mit seiner Firma Produkt+Projekt produziert.

Insgesamt 30 Kilo mehr an Gewicht habe ich am Körper, nachdem ich alles angelegt habe, und ich fühle mich sehr schwer und viel weniger beweglich. Die Gewichte sollen die nachlassende Kraft und Koordination und die dadurch erhöhte körperliche Belastung simulieren. So soll ich mich etwa 30 bis 40 Jahre älter fühlen.

Treppensteigen

Ich halte mich für einigermaßen fit. Früher habe ich viel Sport gemacht, davon glaube ich noch zu zehren. Ich steige immer tapfer überall Treppen, statt Aufzug zu fahren, mache regelmäßig Yoga und gehe gern und lang spazieren. Aber plötzlich schlurfe ich. Mit Gewichten an meinen Fußgelenken fällt mir jeder Schritt schwer.

Treppensteigen muss trotzdem gehen, sage ich mir. Nach dem ersten Schritt muss ich mich am Geländer festhalten. Dabei will ich nur nach unten, nicht hoch. Sonst geht es für mich im Laufschritt die Treppen runter. Jetzt habe ich das Gefühl, das Gleichgewicht zu verlieren. Ich sehe schlecht, höre kaum, und die Gewichte sind so ungewohnt, dass ich Angst habe, vornüber zu fallen.

Als ich später versuche, die Treppen nach oben zu steigen, muss ich an meine Oma denken, die im dritten Stock ohne Aufzug lebte und irgendwann einen Stuhl ins Treppenhaus stellte, um sich im zweiten Stock ausruhen zu können. So einen hätte ich jetzt auch gerne. Im vierten Stock bin ich völlig außer Atem. Nach nur einer halben Stunde mit GERT bin ich bereits völlig durchgeschwitzt.

Richtig schwer: Der Altersanzug

Autofahren

Fast zehn der 54 Millionen Führerscheinbesitzer in Deutschland gehören nach Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrats der Generation 65plus an. Heißt für mich: mit GERT ab hinters Steuer. Schon alleine das Einsteigen ist eine Qual.

Noch schlimmer aber ist, das Lenkrad zu drehen. Ich habe keine Servolenkung. Kuppeln, Lenken, Schulterblick: Die Gewichte an meinen Handgelenken und am Brustkorb machen jede Bewegung zu einer Herausforderung. Zudem sehe ich schlecht und höre alles wie durch eine Wattewolke.

Ich fahre im Schritttempo über den Parkplatz und verspreche mir schon Sekunden später, nie wieder über ältere Menschen zu schimpfen, die zu langsam im Straßenverkehr unterwegs sind. Allerdings frage ich mich auch, warum es überhaupt zulässig ist, in dieser Verfassung noch Auto zu fahren.

Auf ein Fahrrad steige ich erst gar nicht, ich käme erstens nicht hoch und fiele zweitens vermutlich gleich wieder um.

Im Straßenverkehr

Auf der Altenritter Straße in Baunatal reißt am Nachmittag der Verkehr nicht ab. Mein Plan: einmal mit GERT über die stark befahrene Straße laufen. Hier, auf Höhe der KSV-Sportwelt, wurde der 74-Jährige angefahren.

HNA-Redakteurin Amira El Ahl testet den Altersanzug im Straßenverkehr.

Im Normalfall würde ich über die Straße sprinten. Aber mit 30 Kilo mehr am Körper und eingeschränktem Gesichtsfeld traue ich mich nicht. Geht auch nicht. Etwa hundert Meter weiter führt eine Fußgängerbrücke über die Straße. Die sollte ich nehmen. Mache ich aber nicht, wähle den kürzeren, dafür aber gefährlicheren Weg. Aber erst, als kein Auto in Sicht ist. Sicher ist sicher.

Fazit

Es ist etwas beängstigend, wie sich das Alter anfühlt. Und es stimmt, was alle sagen: Das Alter ist anstrengend und ich habe jetzt mehr Verständnis, wenn es bei älteren Menschen im Alltag etwas länger dauert. Ich steige also weiter fleißig Treppen, mache Yoga und hoffe, dass es später mal nicht allzu schlimm wird.

Die meisten Unfälle passieren in den Abendstunden

Alle 18 Stunden stirbt in Deutschland ein Fußgänger. Die Hälfte dieser Menschen ist mindestens 65 Jahre alt, wie der Deutsche Verkehrssicherheitsrat in einer Pressemitteilung schreibt. Fußgänger zählen zu den schwächsten Verkehrsteilnehmern. 

Besonders für ältere Menschen können Unfälle schlimme Folgen haben: Unter den verletzten Fußgängern war nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2017 jeder fünfte über 65 Jahre alt, bei den Getöteten war es jeder zweite. Das Unfallrisiko älterer Menschen ist grundsätzlich höher als bei anderen Altersgruppen. Die Gründe: Ihr Hör- und Sehvermögen lässt nach, die Reaktionszeit verlängert sich und die Beweglichkeit geht zurück. 

Knapp 7000 Fußgänger ab 65 Jahren verunglückten 2017 in Deutschland, bei den Radfahrern waren es laut Statistischem Bundesamt sogar doppelt so viele. Von den verunglückten Fußgängern starben laut Statistischem Bundesamt 245, bei den Fahrradfahrern waren es 224. 

Und Deutschland wird älter: Jeder fünfte Mensch ist aktuell mindestens 65 Jahre alt. 2030 wird es jeder vierte sein, 2060 jeder dritte. Die meisten Unfälle mit Personenschaden passieren innerorts im Feierabendverkehr, Montag bis Donnerstag zwischen 16 und 17 Uhr, sowie am Freitag zwischen 13 und 14 Uhr. Und vor allem im Winter ist es gefährlich, wenn die Sonne früh untergeht. Im Dezember 2017 passierten die meisten Unfälle auf deutschen Straßen zwischen 17 und 18 Uhr. 

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