Bestatterverband sieht Bedrohung für Steinmetze

Waldfriedhöfe liegen im Kreis Kassel im Trend

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Ein trauerndes Paar geht durch den Friedwald im Reinhardswald. Seit 2001 besteht dieser 116 Hektar große Friedwald. Es war der Erste in Hessen.

Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine letzte Ruhestätte auf Waldfriedhöfen. Die nordhessischen Steinmetze sehen diesen Trend kritisch.

Die gestiegene Nachfrage nach Baumbestattungen auf Waldfriedhöfen und Bestattungswäldern macht den Steinmetzen in der Region zu schaffen. Der Obermeister der Steinmetz- und Bildhauer-Innung Hessen-Nord Jochen Bollerhey (Schauenburg) hat Kommunen dazu aufgerufen, keine neuen Flächen für Waldfriedhöfe zu genehmigen. Zentrales Argument der Steinmetze ist die Bewahrung des Friedhofs als Ort der Trauer und des Gedenkens. „Wer um einen geliebten Angehörigen trauert, der weiß den Weg zum Grab zu schätzen, um innezuhalten und zu gedenken“, sagt Bollerhey. Alternativen zur klassischen Erdbestattung gebe es auch auf konventionellen Friedhöfen ausreichend.

Sybille Trawinski, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Steinmetze, unterstützt den Vorstoß der Innung. Zusätzliche Flächen für Bestattungen zu schaffen, wie etwa im Wald, halte sie für wenig sinnvoll, da diese bewirtschaftet werden müssten, was höhere Kosten und wirtschaftliche Risiken für öffentliche Haushalte mit sich bringe.

Die Kosten

Doch welche laufenden Kosten fallen für einen Waldfriedhof eigentlich an? Für Carola Wacker-Meister, Pressesprecherin der in Griesheim bei Darmstadt ansässigen Friedwald GmbH, die auch den Friedwald Reinhardswald betreibt, ist es nicht nachvollziehbar, warum ein Bestattungswald höhere Kosten für Haushalte verursachen soll. „Nach wie vor wählt die große Mehrheit die Bestattung auf dem Friedhof und viele Friedhöfe bieten Baumgrabstätten an.“ Den Kosten für die Bewirtschaftung eines Bestattungswaldes stünden so die Erlöse entgegen; die Haushalte würden so nicht zusätzlich belastet.

Konkrete Angaben zu Bewirtschaftungskosten wollten jedoch weder die Friedwald GmbH noch der Waldeigentümer Hessenforst machen. Auf Nachfrage hieß es nur, dass für die Einrichtung eines Waldfriedhofs Kosten für Park- und Andachtsplätze sowie für einen befestigten Hauptweg kalkuliert werden müssten. Die Andachtsplätze müssten ebenso wie die Wege und Pfade auf dem Waldfriedhof instandgehalten werden. Der finanzielle Aufwand hierfür sei aber überschaubar.

Ähnlich äußern sich Mitarbeiter und Verantwortliche der drei übrigen Bestattungswälder in der Region. Natürlich müsse ein Waldfriedhof gepflegt werden, sagt Carl Hellmold, Revierförster im Ruheforst Stiftswald bei Kaufungen. Die Tätigkeiten wirkten sich finanziell aber auf einem „sehr geringen Niveau“ aus. Und: „Viele Friedhöfe sind defizitär, wir nicht.“

Die 2005 eröffnete Waldruhe Schäferberg, deren Kapazität vor zweieinhalb Jahren verdoppelt wurde, verursacht laut dem Espenauer Bauamtsleiter Christian Steltmann gerade einmal 150 Euro Kosten im Monat. Dabei handele es sich um Personalkosten für die Betreuung des Bestattungswaldes. Die Verantwortlichen der Ruhwald-GbR, die den Ruh-Wald Sichelnstein betreiben, wollten sich nicht zu den Bewirtschaftungskosten äußern.

Die Ursachen

Als Hauptgrund für die gestiegene Nachfrage nach Waldbestattungen nennt Jochen Bollerhey die Grabpflege. Wenn Angehörige einer verstorbenen Person weit entfernt wohnten, bliebe zu wenig Zeit für die Pflege der Grabstätte. Deshalb tendierten viele zu einer praktischen Lösung, die keinerlei Pflege bedürfe und keine Kosten verursache.

Die Alternativen

Und wie ist es um die Bestattungsalternativen, die wenig bis keiner Pflege bedürfen, auf konventionellen Friedhöfen in der Region bestellt? Die gibt es – zumindest vereinzelt. Hier ein paar Beispiele: In der Stadt Kassel etwa ist eine Bestattung im Friedpark auf den Friedhöfen in Harleshausen, Niederzwehren, Wahlershausen, Wehlheiden sowie auf dem Westfriedhof und dem Hauptfriedhof in der Nordstadt möglich. Im Friedpark entfallen die Verpflichtungen zur Anlage oder Pflege des Grabes. Der Boden im Friedpark ist mit Rasen bedeckt, der einmal pro Monat gemäht wird.

Auch in Baunatal gibt es Friedparkflächen – und zwar auf den alten Friedhöfen Altenbauna und Kirchbauna, in Altenritte, Hertingshausen, Guntershausen und Rengershausen. Bei dem naturnahen Urnenbegräbnis wird eine pflegefreie Grabstätte unter Bäumen erworben. Die Rasenflächen wie auch die Bäume werden von den städtischen Mitarbeitern gepflegt. Auf dem Friedhof in Niedervellmar gibt es anonyme Rasenreihengrabstätten. Die Anlage wird durch das Friedhofspersonal gepflegt.

Gemeinsam haben diese Alternativen und Baumbestattungen eines: Sie kommen ohne Grabsteine aus. Bedrohen Waldfriedhöfe und alternative Bestattungsformen also die Existenz der Steinmetze? „Es mag Betriebe geben, die nicht mehr florieren“, sagt Bollerhey. „Ich sehe aber keine Existenzbedrohung.“

Das sagt der Bestatterverband

Obgleich er das gewachsene Angebot an Bestattungsformen und Waldfriedhöfen begrüßt, hat Dominik Kracheletz Verständnis für die Steinmetze. „Wenn jeder dritte Stein wegfällt, können sich viele Betriebe nicht mehr über Wasser halten.“ Doch der Vorsitzende des Bestatterverbandes Hessen sieht einen stagnierenden Trend, weil „Theorie und Praxis auseinandergehen“. Auch Kracheletz glaubt, dass das Thema Grabpflege bei der Entscheidung für eine Baumbestattung entscheidend ist. Jedoch würden viele den Weg zum Grab im Wald oft nicht mehr finden, oder er sei zu beschwerlich. Weil Menschen aber einen Platz zum Trauern brauchten, sieht Kracheletz eine Entwicklung weg von Pragmatismus und hin zu gewachsenen Traditionen. „Viele wollen ihre Baumplätze wieder zurückgeben, verkaufen sie bei Ebay.“ 

Von seinem Bestattungshaus in der Oberen Karlsstraße in Kassel aus ist Kracheletz Ansprechpartner für rund 250 Unternehmen in Hessen. 

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