Durch Praxiserfahrungen zum richtigen Job

Landkreis Kassel will Wirtschaft mit Berufsorientierungszentrum stärken

Bäckerinnen während der Arbeit
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Was tun gegen den Fachkräftemangel? Durch Mangel an Nachwuchskräften bestehen nicht nur aktuell, sondern auch auf lange Sicht Probleme. Viele Branchen sind davon betroffen, unter anderem Fleischereien und Bäcker.

Für den Arbeitsmarkt werden düstere Prognosen gezeichnet. Die hessischen Industrie- und Handelskammern (IHK) warnen vor einem eklatanten Personalmangel bis 2035. Der Landkreis Kassel will mit einem Berufsbildungszentrum gegensteuern.

Kreis Kassel – Insbesondere in den ländlichen Regionen wird es bedingt durch den demografischen Wandel kontinuierlich schwieriger, Stellen insbesondere im Handwerk, der Industrie und in Dienstleistungsberufen zu besetzen – auch im Landkreis Kassel. Um die Wirtschaftskraft in der Region zu halten, plant der Landkreis mittelfristig den Aufbau eines Berufsorientierungszentrums (BOZ). Dafür wurde jetzt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, deren Ergebnis im kommenden Herbst 2022 präsentiert werden soll.

Zur Ausgangslage: Laut einer Studie des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur werden auf dem regionalen Arbeitsmarkt bis 2024 über 17 000 Stellen unbesetzt bleiben. „Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um junge Menschen für Ausbildungsberufe zu begeistern, um damit dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken“, sagt Landrat Andreas Siebert, der sich schon in seiner Funktion als Erster Kreisbeigeordneter mit der Thematik beschäftigt hat.

„Am besten ist es, ganz praktisch zu zeigen, was in dem jeweiligen Beruf gemacht wird“, so der Landrat. Er könne sich vorstellen, dass junge Betriebsmitarbeiter Schüler für einen Ausbildungsberuf begeistern. Genau hier könne ein Berufsorientierungszentrum ins Spiel kommen.

Konzeptionell orientiert sich der Landkreis an einer ähnlichen Einrichtung im westfälischen Delbrück. „Wir haben uns das Zentrum mit unseren Kooperationspartnern angeschaut und wollen jetzt prüfen, was davon im Landkreis Kassel sinnvoll umsetzbar ist“, sagt Siebert. Ein solches BOZ könne Werkstätten und Berufserfahrungswelten bieten, in denen junge Menschen handwerkliche, gewerblich-technische und soziale Berufe kennenlernen. Das Angebot soll eine Ergänzung zu den Schulpraktika werden.

Damit das Vorhaben nicht an der Realität vorbei konzeptioniert wird, soll mit der Kosten-Nutzen-Analyse zunächst eine Datengrundlage geschaffen werden. „Wir wollen uns an den jeweiligen Bedarfen in unserer Region ausrichten“, erklärt Siebert.

Im BOZ sollen tiefergehende Einblicke in unterschiedliche Berufe in Theorie und Praxis vermittelt werden. Neben dem Beratungsangebot für junge Menschen erhalten Unternehmen die Möglichkeit, sich zu präsentieren, Kontakte zu knüpfen und Auszubildende zu akquirieren. „Das ist eine gute Chance für die vielen kleinen Betriebe, die sonst kaum Möglichkeiten haben, für sich zu werben“, sagt Siebert. Auch Qualifizierungsangebote – zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Unternehmen – könnten angeboten werden.

Die Machbarkeitsstudie ist nach einer Ausschreibung an den Betreiber des Berufsorientierungszentrums in Delbrück vergeben worden, der seine Arbeit bereits am kommenden Montag aufnimmt, wie Peter Nissen, Leiter des Servicezentrums Regionalentwicklung beim Landkreis Kassel erklärt. Die Untersuchung ist laut Nissen in drei Phasen gegliedert. Am Ende soll die Kosten-Nutzen-Analyse aufzeigen, ob, wo und in welcher Ausgestaltung ein BOZ im Landkreis Kassel sinnvoll ist. Ziel ist es, einen Branchenzuschnitt zu entwickeln, einen Zeit- und Finanzplan zu erstellen, den Standort zu bestimmen, ein Personalkonzept vorzulegen, die Trägerschaft festzulegen und die Betriebskosten zu sichern. Sollte das Ergebnis positiv ausfallen, könnten die Pläne bereits 2023 umgesetzt werden. Allerdings nur, wenn der Kreistag der Gründung eines BOZ mehrheitlich zustimmt.

Die Kosten für die Machbarkeitsstudie belaufen sich auf etwa 170 000 Euro. Das Land Hessen fördert das Projekt mit 100 000 Euro. Weitere 31 000 Euro zahlen die Kooperationspartner WFG, HWK, KH und IHK. (Von Alia Shuhaiber)

Die Kooperationen

Für die Umsetzung eines Berufsorientierungszentrums hat sich der Landkreis verschiedene Akteure ins Boot geholt: Die Wirtschaftsförderung Region Kassel (WFFG), die Handwerkskammer Kassel (HK), die Kreishandwerkerschaft Kassel (KH), die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg (IHK), die Agentur für Arbeit, das Jobcenter des Landkreises Kassel, den Bauindustrieverband Hessen-Thüringen und die Vereinigung der Hessischen Unternehmerverbände. „An dieser breit aufgestellten Kooperation sieht man, dass das Thema vielen unter den Nägeln brennt und wir keiner vorhandenen Initiative Konkurrenz machen wollen“, sagt Siebert. alh

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