„Lebensadern an Äckern schützen“

Naturschützer kritisieren intensives Mähen und Mulchen an Feldrändern im Landkreis Kassel

Ein kurz zuvor gemähter Ackerrandstreifen an einem Maisfeld in der Nähe von Niedermeiser.
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Ein kurz zuvor gemähter Ackerrandstreifen an einem Maisfeld in der Nähe von Niedermeiser. Das Bild entstand am 26. Juni, zu einer Zeit, in der viele Insektenarten ihr Larvenstadium haben und von zahlreichen Futterpflanzen abhängig sind, die typischerweise in der Feldflur vorkommen.

Ackerrandstreifen sind die Lebensadern für viele Tier- und Pflanzenarten in einer ansonsten stark von der Agrarwirtschaft überformten Landschaft. Darauf weisen Naturschutzverbände wie der BUND und der Nabu hin.

Kreis Kassel – „Soll dem Artensterben etwas entgegengestellt werden, müssen die Ackerrandstreifen besonders gepflegt werden“, sagt Jann Hellmuth vom BUND-Kreisverband Kassel. Dennoch werden Ackerrandstreifen im Landkreis Kassel immer noch sehr umfänglich und zu früh im Jahr gemäht oder gemulcht – von Kommunen ebenso wie von Landwirten. „Blühpflanzen können keine Samen ausbilden und verschwinden daher über kurz oder lang im Artenspektrum eines Ackerrandstreifens“, sagt Martin Lange, Vorsitzender des Nabu Kaufungen-Lohfelden.

Zusätzlich diene das Grün entlang der Äcker vielen Insektenarten im Larvenstadium als Futterquelle. Feldvogelarten wie das Rebhuhn finden hier Nahrung und Deckung. „Wird zu früh oder zu umfänglich gemäht oder gemulcht, wird den Tieren die Futterquelle oder der Lebensraum genommen“, sagt Hellmuth. Mulchen sei ein besonders schwerer Eingriff, erklärt Lange. „Damit wird alles Leben zerhäckselt, das in die Maschine gerät.“

„Natürlich gibt es Gründe, Ackerrandstreifen zu mähen“, erklärt Erich Schaumburg, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes. Es ginge vor allem darum, Pflanzen, die sich nicht auf den Äckern ausbreiten sollen, daran zu hindern, Samen auszubilden. Denn wenn sie das tun, verunkrauten schnell die Nutzflächen. „Dadurch kann dann wiederum der Einsatz von Herbiziden notwendig werden“, sagt Schaumburg.

Um dennoch ein übermäßiges Mähen von Ackerrandstreifen zu verhindern, hatte der Landkreis Kassel schon vor zwei Jahren die Broschüre „Empfehlungen zur Nutzung und Pflege der Feldwege und Säume“ herausgebracht. „Die Broschüre dient dazu, die Problematik allen beteiligten Akteuren ins Bewusstsein zu rufen“, sagt Landkreissprecher Harald Kühlborn. Zudem soll sie Tipps geben, wie engagierte Menschen in ihren Ortschaften an das Thema herangehen können.

Nach Auffassung des Landkreises zeichneten sich schon erste Erfolge ab. So gebe es schon kommunale Arbeitskreise, kleinere AGs, Fachvorträge und auch erste Pilotprojekte zu einer veränderten Pflege oder Rückgewinnung und Neuanlage von Ackerrandflächen. „Was es aber noch nicht gibt, sind kreis- oder kommunenweite Projekte mit vollständiger Erfassung und Konzeption“, sagt Kühlborn.

Helfen soll dabei jetzt der im Juni vom Zweckverband Raum Kassel und vom Landkreis aufgebaute Landschaftspflegeverband. „Das ist zumindest definitiv geplant und auch Wunsch der beteiligten Interessengruppen – also der Kommunen, der Landnutzer und der Naturschützer“, sagt Kühlborn. Die Expertise hierfür sei schon vorhanden oder werde noch aufgebaut (siehe Hintergrund).

Wichtig hierbei: Um Erfolge zu erzielen, müsse eine breite Akzeptanz für derartige Konzepte geschaffen werden. „Solche Prozesse benötigen Zeit.“ So sei schon zu beobachten, dass eine naturschonende Pflege von Ackerrandstreifen mehr und mehr ins Bewusstsein rückte und dass einzelne Kommunen und Landwirte anfangen, umzusteuern. Allerdings: Eine Erfolgskontrolle in der Fläche gibt es bislang nicht.

„Es bleibt noch sehr viel zu tun“, räumt auch Hellmuth ein. „Wir stehen ganz am Anfang. Das alles wird Arbeit machen und Geld kosten. Aber wir sollten es angehen, wenn wir Naturschutz ernst nehmen.“ (Boris Naumann)

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