„Die Armut ist stark angestiegen“

UN-Mitarbeiter aus Lohfelden beschreibt die Folgen von Covid-19

Interview mit einem Flüchtling: UNHCR-Pressereferent Andreas Kirchhof arbeitet meistens am Schreibtisch, ist aber auch vor Ort im Einsatz.
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Interview mit einem Flüchtling: UNHCR-Pressereferent Andreas Kirchhof arbeitet meistens am Schreibtisch, ist aber auch vor Ort im Einsatz.

Andreas Kirchhof arbeitet er als Pressereferent des UN-Flüchtlingswerks UNHCR für die Region Mittlerer Osten und Nordafrika. Hier berichtet der Lohfeldener über die Situation vor Ort, die Folgen der Corona-Pandemie und steigende Armut.

Andreas Kirchhof verbringt aktuell – wie viele Menschen – viel Zeit am Schreibtisch. Nebenbei beschäftigt er seine Kinder und hilft beim Homeschooling. Allerdings steht sein Schreibtisch nicht in seiner Heimat Vollmarshausen, sondern in Amman (Jordanien). Auch in seinem Job sind die Folgen von Covid-19 aktuell das bestimmende Thema.

„Covid ist sicher für alle eine Herausforderung, auch für meine Familie.“ Vergleiche man seine Situation aber mit den Herausforderungen für Flüchtlinge und Binnenvertriebene in der Region, dann sei das doch ein großer Unterschied. Vier von fünf Flüchtlingen leben in Ländern der Region – unter anderem in Jordanien, aber auch im Libanon, Ägypten, in der Türkei und Irak. Der Syrienkrieg sei auch zehn Jahre nach Beginn die größte Flüchtlingskrise der Welt.

Die Situation habe sich mit Covid geändert – allerdings nicht so, wie man denken könnte. „Die Befürchtung war, dass es in Flüchtlingslagern zu großen Covid-Ausbrüchen kommt. Wenn man sich aber die Gesamtbevölkerung anschaut, ist das nicht überproportional der Fall.“ Ein viel größeres Problem: „Die Armut ist stark gestiegen. Das ist unsere große Sorge derzeit.“

Viele Syrer zum Beispiel hätten ihre Jobs verloren. „Viele von ihren haben sich als Tagelöhner über Wasser gehalten.“ Diese Jobs seien weggebrochen. „Wir sehen an vielen Orten die Folgen, etwa, dass die Flüchtlinge überschuldet sind. Vielen droht, ihre Wohnung zu verlieren.“ Teils könnten die Menschen ihre Familien nicht mehr ernähren. Auch sei ein Anstieg der Kinderarbeit in einigen Ländern zu verzeichnen. Hinzu komme, dass einige der Aufnahmeländer selbst in großen Schwierigkeiten stecken, was Einheimische und Flüchtlinge zu spüren bekämen. Der Libanon etwa stecke selbst tief in der Krise. Dort leben inzwischen neun von zehn syrischen Flüchtlingen in extremer Armut.

Die aktuelle Situation drohe den Fortschritt zu zerstören, der in der Region auch mit deutscher Hilfe erreicht worden sei. „Es gab zum Beispiel koordinierte Anstrengungen, über eine Million syrische Flüchtlingskinder wieder in die Schule gehen zu lassen.“ Sehr viele erzählten, sagt Kirchhof, sie kämen mit dem Fernunterricht nicht zurecht. „Da fehlt dann der Internetzugang oder Tablets. Oder aber die Eltern konnten die Stromrechnung nicht bezahlen.“

Eine Rückkehr an ihren Wohnort sei für viele Syrer aktuell keine Option. „Sehr viele, die wir befragt haben, sagen, dass sie zurückkehren wollen, der Zeitpunkt dafür aber noch nicht gekommen ist.“ Syrien stehe aus wirtschaftlich und humanitärer Sicht schlechter denn je da. „Die Zahl der Menschen, die humanitäre Hilfe brauchen ist auf über 13 Millionen gestiegen, 90 Prozent leben unter der Armutsgrenze, es gibt eine horrende Inflation und enorme Zerstörung.“ Viele Flüchtlinge wüssten, kehrten sie zurück, hätten sie kein Dach über dem Kopf.

UNHCR und andere Organisationen versuchten zu helfen, wo sie können. „Das Wichtigste ist, wie der UN-Generalsekretär sagt, dass es politische Lösungen gibt.“ Nur so könne ein Wiederaufbau und eine langfristige Lösung möglich werden.

Kirchhof selbst arbeitet derzeit hauptsächlich von Amman aus und ist nicht im Außeneinsatz. Es war eine Entscheidung für die Familie, da viele Posten es nicht erlaubten, die Familie mitzunehmen. Keine ideale Situation für einen Vater zweier kleiner Kinder. „Es fehlt mir aber schon, vor Ort und näher bei den Menschen zu sein.“ Zwar sei die Arbeit sehr anstrengend und mitunter bedrückend, insbesondere aus der Ferne. Trotzdem will er nichts anderes machen. „Wenn man zum Beispiel sieht, dass jemand mit einer schweren Krankheit durch den Einsatz einer humanitären Organisation überlebt, dann ist das natürlich extrem motivierend.“ Flüchtlingslager seien sehr traurige Orte. „Aber, wenn man das nur so sieht, dann unterschätzt man auch das Positive im Menschen. Man unterschätzt, wie sie sich trotz Unsicherheit und Not Situationen anpassen und eine positive Orientierung behalten können. Das ist mit das Schönste und Beste an dem Job.“

Das ist UNHCR

UNHCR ist die weltweit agierende Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen. Die Genfer Flüchtlingskonvention ist Grundlage für ihr Handeln. Zudem wurde das Mandat von UNHCR erweitert, um auch den vielen binnenvertriebenen und staatenlosen Menschen zu helfen. Ende des Jahres 2019 waren laut UNHCR über 79,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Davon fallen 20,4 Millionen Flüchtlinge unter das Mandat von UNHCR. UNHCR hat über 17 300 Mitarbeiter, die in 134 Ländern tätig sind. Das Budget ist auf mittlerweile über 9 Milliarden US-Dollar gestiegen. Zur Verfügung standen laut UNHCR aber nur fünf Millionen Dollar. UNHCR finanziert sich fast vollständig aus freiwilligen Beiträgen. Das meiste Geld kommt von Staaten und Staatsverbünden wie der EU. Zehn Prozent werden von privaten Spendern finanziert. alh 

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