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Karl-Heinz Faulstich und Rudolf Ludwig sind seit 75 Jahren Gewerkschafter

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Von: Peter Dilling

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Ehrung für 75-jährige Mitgliedschaft: Karl-Heinz Faulstich (vorn links) und Rudolf Ludwig wurden für ihre lange Treue zur Gewerkschaft in Lohfelden ausgezeichnet. Dahinter stehen (von links) Hannelore Diederich, Vorsitzende der Ortsgruppe der IGBCE, die Jubilare, Hildegard Marquet aus Wattenbach und Helmut Teichert aus Felsberg (60 Jahre Mitgliedschaft) sowie Gewerkschaftssekretär Jan Obramski.
Ehrung für 75-jährige Mitgliedschaft: Karl-Heinz Faulstich (vorn links) und Rudolf Ludwig wurden für ihre lange Treue zur Gewerkschaft in Lohfelden ausgezeichnet. Dahinter stehen (von links) Hannelore Diederich, Vorsitzende der Ortsgruppe der IGBCE, die Jubilare, Hildegard Marquet aus Wattenbach und Helmut Teichert aus Felsberg (60 Jahre Mitgliedschaft) sowie Gewerkschaftssekretär Jan Obramski. © Peter Dilling

Rudolf Ludwig und Karl-Heinz Faulstich sind seit 75 Jahren Gewerkschafter. Der beiden erinnern sich noch gut an große Arbeitskämpfe, wie die für das Enka-Werk.

Lohfelden – Protestmärsche, Unterschriftensammlungen, Hungerstreiks und Blockaden. Ein Autokorso durch die Kasseler Innenstadt: In der ersten Hälfte der 1980er-Jahre tobte zwischen Belegschaft und Unternehmensleitung des Enka-Werks an der Lilienthalstraße in Kassel, der ehemaligen Spinnfaser AG, ein heftiger Kampf um die beabsichtigte Werkschließung. Kein Wunder: Es standen mehr als 800 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Und der Lohfeldener Karl-Heinz Faulstich und der Kasseler Rudolf Ludwig waren mittendrin. Am Wochenende wurden sie in Lohfelden für ihre mehr als 75-jährige Mitgliedschaft in der IG Chemie, die inzwischen in der Gewerkschaft IGBCE aufgegangen ist, ausgezeichnet. Für die noch sehr rüstigen Jubilare, war es eine Gelegenheit, sich an jene aufregenden Jahre zu erinnern.

Faulstich wie Ludwig hatten vor über 75 Jahren eine Lehre bei der Spinnfaser AG, die damals Zellwolle herstellte -– später auch Kunstfasern –, begonnen. Schon ihre Väter verdienten ihr Geld bei der Spinnfaser. Der 92-jährige Ludwig begann noch im Krieg, 1944, mit seiner Ausbildung zum Industriekaufmann. Faulstich (91), der später in seiner Freizeit jahrzehntelang den Karneval in Lohfelden prägen sollte, fing 1945 als Azubi im Chemielabor von Enka an. Er habe dann am Abendgymnasium sein Abi nachgeholt und Chemie studieren wollen, erzählt Faulstich. Das sei gescheitert, weil Kriegsheimkehrer bei der Studienplatzvergabe bevorzugt worden seien.

Der Schornstein raucht am 17. Mai 1984 zum letzten Mal: Einen Tag später wurde die Spinnfaser im Enka-Werk in Bettenhausen stillgelegt. Ende Juni wurde das Werk dann endgültig geschlossen. Damit gingen 844 Arbeitsplätze verloren. ARCHI
Der Schornstein raucht am 17. Mai 1984 zum letzten Mal: Einen Tag später wurde die Spinnfaser im Enka-Werk in Bettenhausen stillgelegt. Ende Juni wurde das Werk dann endgültig geschlossen. Damit gingen 844 Arbeitsplätze verloren. ARCHI © BAUER

Ende der 1970er-Jahre mehrten sich Anzeichen, dass die Firma Enka, die die Spinnfaser übernommen hatte, das Werk im Kasseler Osten schließen wollte. „Für mich war das absehbar“, erzählt Ludwig, der damals in der Finanzbuchhaltung tätig und gewerkschaftlicher Vertrauensmann im Werk war. Er organisierte den Widerstand der Belegschaft maßgeblich mit. Er war einer der Sprecher der Bürgerinitiative „Rettet Enka“, sammelte Unterschriften und erwarb Aktien der Akzo Nobel, der Muttergesellschaft von Enka, um bei Aktionärsversammlungen gegen die Werkschließung protestieren zu können. Häufig sei man in Gefahr gewesen, sich strafbar zu machen. „Wir waren am Rande der Arbeitsverweigerung. Wir haben auch mal Lkw nicht aufs Werksgelände gelassen“, erzählt der Jubilar. Es half alles nichts: Im Mai 1984 wurde das Werk geschlossen.

Ludwig hatte gehofft, noch unter die Sozialplan-Regelung zu fallen, wonach älteren Arbeitnehmern bis zur Rente 90 Prozent ihres Gehalts weitergezahlt werden sollte. Dafür war Ludwig zu jung. Doch er schaffte es, noch drei Jahre bei der Abwicklung des Werks beschäftigt zu werden – und durfte dann in Frührente gehen.

Faulstich fand mit viel Glück einen Job bei der aufstrebenden Medizinprodukte-Firma B. Braun in Melsungen. Er sei damals zufällig dem Firmenchef über den Weg gelaufen. Dieser habe gerade einen Fachmann zum Aufbau einer Kunststoffproduktion für medizinisches Zubehör gesucht. Der Lohfeldener packte die Gelegenheit beim Schopf. Er habe dann 23 ehemalige Enka-Kollegen an B. Braun vermittelt, erzählt Faulstich. Er machte Karriere bei B. Braun, hatte mehrere Auslandseinsätze und ging mit 65 in Rente.

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