Gedenkgottesdienst am Volkstrauertag

Kritisches Gedicht brachte Crumbacher Pfarrer ins KZ

Das Bild zeigt Pfarrer Otto Reinhold (mittlere Reihe, rechts) und Gemeindeschwester Anna Fennel (untere Reihe, zweite von links) mit der kirchlichen Mädchengruppe.
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Umstritten: Pfarrer Otto Reinhold (mittlere Reihe, rechts) und Gemeindeschwester Anna Fennel (untere Reihe, zweite von links) sangen in der kirchlichen Mädchengruppe auch weltliche Lieder. Das gefiel dem Naziregime nicht.

Er stellte sich bewusst gegen die Naziherrschaft, prangerte den Einfluss des Regimes auf die Kirche an und saß für seine Haltung sogar im KZ: Otto Reinholds Leben war in Zeiten des Zweiten Weltkrieges riskant. Trotz seiner Kritik kehrte er nach Lohfelden zurück und predigte dort noch bis zu seinem Ruhestand.

Lohfelden – Nun soll dem ehemaligen Crumbacher Pfarrer in einem Gottesdienst am Volkstrauertag gedacht werden. Eine Gedenktafel an der Kirche soll an seinen Widerstand erinnern.

Als Adolf Hitler 1933 Reichskanzler wird, beginnt Pfarrer Otto Reinhold im Oktober seine Pfarrstelle im Kirchspiel Crumbach. „Er wohnte im Pfarrhaus, dort, wo wir jetzt sitzen“, erklärt Herbert Brethauer vom Kirchenvorstand im heutigen Gemeindehaus. Reinholds ablehnende Haltung gegenüber der NSDAP ist im Ort bekannt, „Jeder wusste das“, sagt Historikerin Angela Pitzschke.

Diese Ambivalenz begeistert Pitzschke und Brethauer auch heute noch – 80 Jahre später. Für eine Broschüre über das Leben des Pfarrers haben beide mit Mitgliedern der Geschichtswerkstatt in der Vergangenheit geforscht.

Reinhold gehört damals dem Kreis der „Bekennenden Kirche“ an. Diese Oppositionsbewegung von Christen richtete sich gegen den Einfluss der NSDAP auf die Kirche, erklärt Pitzschke.

In ihren Nachforschungen über den ehemaligen Pfarrer ist die Historikerin auf ein Protesttelegramm gestoßen, das der damalige Kirchenvorstand an den Reichsbischof geschickt hat. Darin bezieht er Stellung gegen die Politik. Die Kirche sollte von diesen Einflüssen rein bleiben. „Das finde ich schon mutig für eine kleine Kirche vom Dorf“, sagt Pitzschke.

Reinhold ist fest in seinem Glauben verwurzelt. Die Naziherrschaft sieht er als etwas Teuflisches, als Abkehr von Gott, erklärt Brethauer vom Kirchenvorstand. Diese Haltung fasst Reinhold 1933 in ein Gedicht, das ihn – erst acht Jahre später – als Kritiker entlarvt. Mit seinem Kollegen Hans Zimmermann trifft sich der Crumbacher Pfarrer oft in Bettenhausen. Diese „geheimen Zusammenkünfte“ hat Zimmermann in seinen Erinnerungen nach dem Krieg festgehalten. Als jemand dem Kasseler Pfarrer steckt, dass die Gestapo sein Haus durchsuchen will, schafft er alle belastenden Dokumente weg. Was die Gestapo findet, ist das Gedicht mit dem Titel: „Prolog des Satans zu dem Spiel, das er auf Erden jetzt beginnt“.

Reinhold und Zimmermann werden verhaftet. Sie sitzen im Polizeigefängnis Kassel, dann werden sie ins Konzentrationslager nach Breitenau gebracht. „Satan mit Hitler in Verbindung zu bringen, war der Grund für seine Inhaftierung“, schildert Brethauer.

Mutig und riskant: Otto Reinhold war bis 1949 Pfarrer in Crumbach. Zwischenzeitlich kam er wegen eines kritischen Gedichts in KZ-Haft nach Breitenau. Nach 80 Tagen wurde er wieder entlassen. 

Umso erstaunlicher findet er, dass Reinhold nach 80 Tagen Haft wieder zurück auf seine Pfarrstelle nach Crumbach kam – und sie noch bis zum Ruhestand ausfüllte. Es muss dem damaligen Regierungspräsidenten zu verdanken sein, dass die beiden Pfarrer nicht wie andere Geistliche nach Dachau transportiert worden waren. So zumindest habe Zimmermann es in seinen Erinnerungen festgehalten, die Historikerin Pitzschke in der Gedenkstätte Breitenau nachgelesen hat.

Reinhold wirkte nach Kriegsende bei der sogenannten Entnazifizierung mit. So ist Brethauer auf den ehemaligen Pfarrer aufmerksam geworden – durch die Entnazifizierungsurkunde seines Vaters. „Pfarrer Reinhold hat damals für ihn ausgesagt.“

Über die persönliche Seite wird in dem Gottesdienst am Sonntag auch Reinholds Enkel Matthias Reinhold sprechen. Pfarrerin Ingrid Ruhrmann-Brandt leitet den Gottesdienst.

Gottesdienst am Sonntag, 14 Uhr, Ev. Kirche in Crumbach. Die Broschüre ist danach und über den Kirchenvorstand gegen eine kleine Spende erhältlich. (Valerie Schaub)

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