Vermutlich ausgesetzt

Eingeschleppte Spezies verbreitet sich in Lohfelden: Sie sind eine Gefahr für das Öko-System

Eine Gelbwangen-Schildkröte am Breitenbacher Badesee in Bebra (Landkreis Hersfeld-Rotenburg).
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Schildkröten mitten in Lohfelden: Seit Jahren leben sie im Bürgersee Schildkröten. Symbolbild:

Eine nicht in Deutschland heimische Spezies hat sich im Bürgersee in Lohfelden eingenistet. Das könnte das Öko-System der Region langfristig schädigen.

Erstaunte Blicke am Bürgersee direkt hinterm Lohfeldener Rathaus gibt es häufig zu sehen. Denn dort lassen sich Schildköten entdecken.

Schildkröten in Lohfelden? Tatsächlich wurden dort einzelne Tiere schon von vielen Spaziergängern gesichtet, in sozialen Netzwerken wird immer wieder darüber gesprochen. „Ja, es gibt sie wirklich, Schildkröten in Lohfelden“, sagt dazu Dirk Gertenbach von der Gemeinde Lohfelden, zuständig für Landschaftspflege und Umweltschutz. „Und sie gibt es dort schon seit vielen Jahren.“

Tatsächlich habe er erstmals einen Fotonachweis von Schildkröten im Bürgersee im September 2015 erhalten. „Das Bild zeigt zwei Tiere, die sich am Ufer auf einem Ast sonnen, der aus dem Wasser ragt“, sagt Gertenbach. Das Foto zeigt aber auch: „Mit einer einheimischen Schildkrötenart hat das nichts zu tun. Eher handelt es sich um Gelbwangen-Schildkröten, die eigentlich in Nordamerika beheimatet sind.“

So sei nur zu vermuten, dass irgendwann einmal ein Terrarienfreund seiner Schmuck-Schildkröten überdrüssig geworden ist, und sie im Bürgersee ausgesetzt hat. „Leider ist diese Praxis inzwischen weit verbreitet.“ So komme die Gelbwangen-Schildköte, die als Zuchtreptil in vielen Zoogeschäften für wenig Geld zu haben sei, inzwischen in Gewässern in ganz Deutschland vor.

Doch wie schaffen es die Tiere, hier zu überleben – vor allem im Winter? Das erstaunt auch Gertenbach. Denn eigentlich kommt diese Schildkrötenart nur in subtropischen Gewässern zwischen Südost-Virginia und dem nördlichen Florida (USA) vor. „Winterlichen Frost gibt es da eigentlich nicht.“

Dennoch schaffen es die Lohfeldener Schildkröten immer wieder, über die Wintermonate zu kommen. „Und es waren schon richtig frostige Winter dabei“, sagt Gertenbach. Offenbar finden sie immer wieder frostfreie Überwinterungsmöglichkeiten.

Doch glaubt er, dass es die Tiere wegen der Klimaerwärmung schon jetzt immer einfacher haben werden, in hiesigen Breiten über die Runden zu kommen. „Jetzt fehlt nur noch, dass unsere Gelbwangen-Schildkröten hier Eier legen und Nachwuchs kriegen.“

Was zunächst unterhaltsam zu sein scheint, ist aber keineswegs zu begrüßen. So sieht es zumindest Martin Lange, Vorsitzender des Nabu Kaufungen-Lohfelden. „Eingeschleppte Arten wie die Gelbwangen-Schildkröte fressen andere heimische Tiere einfach auf oder sie machen anderen Tieren die Nahrung streitig“, sagt Lange. Irgendwann wirke sich das auf das Ökosystem aus. „Wenn es zum Beispiel Molche oder Frösche im Bürgersee gibt oder gegeben hat, könnten die jetzt schon verschwunden sein, weil die Schildkröten die Kaulquappen weggefressen haben.“

Tatsächlich gebe es deshalb immer wieder Versuche, solche eingeschleppten Arten zu dezimieren. „In der Buga in Kassel gibt es diese Schildkrötenart ja auch zuhauf. Es wurde sogar versucht, sie zu schießen, was aber nichts gebracht hat. Sind diese Tiere einmal da, wird man sie nicht mehr los – das ist mit dem Waschbären genauso.“

So empfiehlt Lange, sich die Anschaffung einer Zier-Schildkröte grundsätzlich vorher genau zu überlegen. „Gelbwangen-Schildkröten werden über 50 Jahre alt und groß wie Menü-Teller. Man muss sich das wirklich klarmachen, bevor man sich solch ein Tier ins Haus holt“, sagt Lange. (Boris Naumann)

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