„Rückständige Denkweise“

Veggie-Eltern kritisieren Gemeinde: Kind braucht Attest für vegetarisches Essen

Ein Kind von dem man nur die Hände sieht, isst von einem Teller ein Reis-Gemüse-Gericht.
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Gesund, ausgewogen und lecker soll es sein: Viele Kitas bieten heute ein Mittagessen für die Kinder an.

Ein Elternpaar aus Lohfelden möchte, dass ihr Kind in der Kita nur vegetarisches Essen bekommt. Das erlaubt der Träger aber nur bei Vorlage eines ärztlichen Attests.

Lohfelden – Leni isst gern Gemüse und Obst, Fleisch dagegen nicht. Auch, weil sie es nicht kennt. Die Dreijährige und ihre Familie gehören zu den etwa zehn Prozent der Deutschen, die sich vegetarisch ernähren. Eigentlich ist das kein Problem, sagt Vater Markus Hoffmeister. „Außer in der Kita“. Dort braucht Leni ein ärztliches Attest, um täglich eine vegetarische Mahlzeit zu bekommen. Das können ihre Eltern nicht nachvollziehen. Sie fühlen sich diskriminiert,

Schon seit Jahren ernährt sich die Familie fleischlos. „Tierschutz, Gesundheit, Klimaschutz – es gab da mehrere Gründe“, sagt Mutter Nicole Hoffmeister. Auch Sohn Jan hat die Kita Vollmarshausen besucht, schon damals hätten sie ein Attest gebraucht. Ihr Kinderarzt habe dann bestätigt, dass er aus gesundheitlichen Gründen vegetarisch ernährt werden müsse. Auch für Leni gibt es ein Attest.

Lohfelden: Eltern wollen auf „rückständige Denkweise“ aufmerksam machen

„Wir wollen da aber nicht mehr mitspielen“, sagt Nicole Hoffmeister. Es könne nicht sein, dass man aus Sicht der Gemeinde nachweislich krank sein muss, um sich vegetarisch zu ernähren. „Es ist traurig, dass wir heutzutage für so etwas kämpfen müssen“, sagen die Hoffmeisters. Sie betonen, dass sie mit den Erziehern und der Kita-Leitung vollends zufrieden seien und sich verstanden fühlten. „Wir wollen aber auf die rückständige Denkweise im Rathaus aufmerksam machen.“

Auch Karolina und Gregor Golaszweski saßen vor ein paar Jahren im selben Boot. „Wir waren zu mehreren Gesprächen auf der Gemeinde“, sagt Karolina Golaszweski. Viel gebracht habe das nicht, sie stellten einen formellen Antrag. „Wir haben uns letztlich auf unsere Grundrechte berufen“, erklärt sie. Die Gemeinde habe nachgegeben. Ihre Tochter geht inzwischen in die Grundschule Vollmarshausen, dort sei die vegetarische Ernährung kein Problem. Leni besucht derweil nur noch bis 12 Uhr die Kita und isst zuhause. Das klappt aber nur, weil Nicole Hoffmeister aktuell in Elternzeit ist.

Kita in Lohfelden: Nachfrage nach vegetarischer Ernährung sei gering

„Es gibt ein einheitliches Essen für alle Kinder“, erklärt Tanja Hammer von der Gemeinde Lohfelden. Das bestehe aus vier vegetarischen und einer Mahlzeit mit Fleisch pro Woche. Schweinefleisch gebe es grundsätzlich nicht. Ausnahmen, etwa bei Allergien und Unverträglichkeiten gebe es, aber eben nur bei attestierter medizinischer Indikation. Die Verwaltung begründet ihr Vorgehen mit dem pädagogischen Konzept, Aufwand und Bedarf.

Der Bedarf und die Nachfrage nach vegetarischer Ernährung sind gering, sagt Hammer. Aktuell gebe es nur ein Kind in den kommunalen Kitas, das dort vegetarisch ernährt wird. „Wir haben deutlich mehr muslimische Kinder“, sagt Jäger. Daher gebe es auch kein Schweinefleisch. Auf andere religiöse Vorgaben wie halal und koscher könne die Gemeinde auch keine Rücksicht nehmen. Außerhalb von Corona dürften sich die Kinder aus Schüsseln selbst auffüllen und alles probieren, erklärt Hammer. Gäbe es unterschiedliche Speisen und Verbote, dann könnten Konflikte und großer Erklärungsbedarf entstehen.

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Der Aufwand für Caterer, Küchenpersonal und Erzieher sei durch unterschiedliche Essenswünsche hoch, so Bürgermeister Uwe Jäger. „Wir haben in Lohfelden fast 600 Kita-Kinder, wir können nicht auf jeden Einzelwunsch eingehen.“ Während einer Pandemie gebe es in den Kitas andere und schwerwiegendere Herausforderungen. (Michaela Pflug)

In der Innenstadt von Kassel soll eine neue Kita entstehen. Anwohner kritisieren das Vorhaben.

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