Dunkelziffer ist hoch

Fall von Love-Scamming: Wie diese Kaufungerin reingelegt werden sollte

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Küsschen- und Herzen-Emojis: Elvira T. aus Kaufungen schrieb täglich etwa drei Stunden mit ihrem vermeintlichen französischen Liebhaber. 

Love-Scamming, der Liebesbetrug im Internet, ist auch in Nordhessen ein Problem. Die Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Eine Kaufungerin berichtet.

Es ist der Heiratsschwindel des 21. Jahrhunderts: Love-Scammer nehmen online Kontakt zu ihren Opfern auf, umgarnen sie und wollen schließlich an ihr Geld. Eine Kaufungerin schildert ihre Erfahrungen.

Sie bekam oben-ohne-Bilder, Liebesbekundungen und zigtausend Nachrichten per WhatsApp: Elvira T. aus Kaufungen wurde in einen sogenannten Love-Scam verwickelt. Das ist moderner Heiratsschwindel per Internet und Handy, der schließlich in einer Geldforderung mündet. Jetzt will T. andere Frauen vor der Betrugsmasche warnen. „Fallt nicht auf die Schmeicheleien herein“ sagt sie und hat ihre Geschichte erzählt.

Alles beginnt ganz harmlos, mit einem „Gefällt-mir“-Daumen, den T. Ende Januar der Facebook-Seite der TV-Show „Dancing on Ice“ vergibt. Dort schreibt sie einen Kommentar, für alle sichtbar, und bekommt ebenfalls einen Gefällt-mir-Daumen von einem Marcus M. (Name von der Redaktion geändert). T., alleinstehend, denkt: „Och, das ist ja nett. Bei dem bedanke ich mich mal und schreibe mit ihm über die Sendung.“ Und ruckzuck chatten der angeblich 38 Jahre alte Franzose und T. – und tauschen schon nach kurzer Zeit ganz persönliches aus. Die Sprachbarriere wird mit einem Übersetzungsprogramm im Internet überwunden.

Erste Ich-liebe-dich-Bekundungen lassen nicht lange auf sich warten. Die Kaufungerin sagt, sie habe gewusst, dass das alles Schwindel ist und M. nur Geld wolle. „Natürlich war da Skepsis, aber ich konnte nicht aufhören und wollte wissen, wo das alles hinführt.“

Nach drei Tagen wechseln T. und M. von Facebook auf die Nachrichtenplattform WhatsApp, „Facebook wird so oft gehackt, war die Begründung von M.“, erläutert T. Sein Profil auf dem sozialen Netzwerk verschwindet kurz darauf.

Über sechs Wochen schicken sich T. und. M. Nachrichten hin und her. „Teils bis früh morgens und bestimmt drei Stunden täglich“, sagt die 61-Jährige. Sie bekommt unzählige Fotos eines Mannes mit attraktivem, südländischen Aussehen und durchtrainiertem Körper. Seine Nachrichten lesen sich zum Beispiel so: „Ich liebe dich. Du bist die Luft, die ich atme, der Wind, der mich streichelt, der Regen, der mich benetzt“ und sind mit unzähligen Liebes-Emojis wie Herzen und Küssen versehen. T. schreibt emotionale Nachrichten zurück. „Ich habe ihm aber auch gesagt, dass er mir eigentlich zu jung ist. Das hat ihn nicht gestört. Er behauptete, er habe schlechte Erfahrungen mit jungen Frauen gemacht: Sie wollten nicht arbeiten gehen, sondern nur Champagner trinken und Drogen nehmen.“

Die 61-Jährige und M. schreiben über ihre Jobs, ihre Wohnung, Hobbys, Freundschaften. Immer wieder ist auch die Rede von einem Besuch bei ihr, doch M. hält seine Internetbekanntschaft hin.

Dann kommt das Thema Geld auf den Tisch: M. behauptet, dass sein Vater gestorben sei und er in das afrikanische Land Elfenbeinküste reisen müsse, um dort Erbschaftsangelegenheiten zu klären. „Als dort sein Handy kaputt ging, wollte er Geld. Als ich ihm sagte, das ginge nicht, weil ich selbst kaum Geld habe, ließ er nicht locker. Er wollte so viel, wie ich entbehren kann. Ich glaube, das war erst der Anfang.“

Überwiesen habe sie dem Mann nichts – aber schließlich angeboten, ihn zu besuchen, woraufhin er sie erneut hinhielt. „Dann habe ich den Kontakt abgebrochen.“ Warum sie so lange weitergemacht hat? „Weil ich einfach wissen wollte, wer dieser Mann ist“, sagt die Kaufungerin. Auch acht Wochen später bekomme sie noch Freundschaftsanfragen von Männern, die M. ähnlich sehen.

„Ich habe ein mulmiges Gefühl, weil die mich scheinbar immer noch im Visier haben.“ Sie gehe mittlerweile davon aus, dass es eine Bande ist. „Man muss extrem aufpassen, auf wen man sich einlässt, zumal man nicht prüfen kann, mit wem man Kontakt hat.“

Trotz des Unbehagens ist sie immer noch versucht, M. wieder zu schreiben. „Ich denke an kaum etwas anderes, ich habe ja täglich mit ihm geschrieben. Das vermisse ich.“

"Betrüger sind ausgezeichnete Menschenkenner"

Prof. Dr. heidi Möller von der Uni Kassel weiß, was Betrüger antreibt.

Interview mit Prof. Dr. Heidi Möller von der Uni Kassel über die Psychologie von Betrügern:

Frau Möller, wie unterscheidet sich Love-Scamming vom Heiratsschwindel? 

Der Unterschied besteht nur in der medialen Vermittlung des Kontakts. Statt sich in der Kneipe zu treffen, trifft man sich im Netz. Die Intention der Täter, an das Geld der Opfer zu kommen, ist die Gleiche. 

Wer sind die Täter und was treibt sie an? 

Betrüger sind anders als etwa Einbrecher nicht in Distanz zu ihrem Delikt, sondern unerschütterlich davon überzeugt, was sie sagen. Ein guter Betrüger ist in dem Moment, in dem er jemanden für sich einnimmt, jemanden verführt, vollkommen mit seiner verzerrten Realitätswahrnehmung verschmolzen. Dadurch, dass er sich selbst glaubt, was er sagt, überzeugt er nicht nur sich, sondern auch sein Gegenüber. 

Kommen die Täter aus einem bestimmten Milieu? 

Nein. Betrug ist völlig unabhängig vom Alter oder der gesellschaftlichen Schicht. Aber Betrüger sind alle ausgezeichnete Menschenkenner. Sie haben eine sehr gute Wahrnehmung für ihr Gegenüber, erkennen ungestillte Bedürfnisse sofort. Sie können schnell Vertrauen herstellen und die Eitelkeiten und Empfindlichkeiten ihres Gegenübers als Vehikel für ihre Manipulation nutzen. Das funktioniert über Chatprogramme ebenso wie im direkten Gespräch. 

Wie werden Menschen zu Betrügern? 

Häufig wurden sie in ihren Familien nicht um ihrer selbst willen geliebt, sondern wegen ihrer Funktion, die sie als Kind für ihre Eltern erfüllt haben. Sie waren womöglich Partnerersatz für eines der Elternteile, haben dafür gesorgt, dass die Ehe der Eltern nicht zerbricht, oder waren besonders witzig, um Harmonie zu stiften. Dadurch haben sie sehr früh gelernt, was ihr Gegenüber gerade braucht und diese Bedürfnisse gestillt. Betrüger sind mit der Botschaft aufgewachsen: Sei der, den ich brauche und nicht, sei der, der du bist. 

Was gibt ihnen der Betrug? 

Im Moment des Betrugs machen sie etwas, was ihnen selbst widerfahren ist. Sie sind manipuliert worden und geben das unbewusst an ihre Opfer zurück. Um was sie sich selbst in der Kindheit und Jugend betrogen gefühlt haben, wird im Moment des Betrügens wiederholt. 

Wer sind die Opfer und warum fallen sie auf die Masche rein? 

Die Opfer von Liebesbetrug sind überwiegend weiblich und alleinstehend. Das Alter spielt keine Rolle, auch nicht, ob jemand intelligent oder reflektiert ist. Die Täter verbünden sich mit den tiefen Bedürfnissen, die jeder von uns hat: gesehen, geliebt, anerkannt und im Selbstwert stabilisiert zu werden. Man bekommt – vermeintlich – das, wonach man sich immer gesehnt hat. Dann gehen die Betrüger auf Distanz, woraufhin das Opfer wiederum alles tut, um diesen Menschen im eigenen Leben zu halten. Die scheinbare Befriedigung von Sehnsüchten ist so stark, dass das rationale Denken quasi ausgelöscht wird.

Zur Person: Prof. Dr. Heidi Möller (59) leitet das Fachgebiet „Theorie und Methodik der Beratung“ am Institut für Psychologie der Uni Kassel. Die gebürtige Dortmunderin hat Psychologie in Münster und Bochum studiert. Seit 2007 ist sie in Kassel. Möller ist verheiratet, lebt am Brasselsberg und gibt als Hobbys Fußball, Kino, Literatur und Tanzen an.

Love-Scamming: Polizei geht von hoher Dunkelziffer aus

Beim Love-Scamming, auch Romance-Scamming, gaukeln Betrüger unter Angabe falscher Identitäten den Opfern ihre Liebe vor, haben es dabei aber eigentlich auf deren Geld abgesehen. Der Kontakt erfolgt nach Angaben der Kasseler Polizei ausschließlich in der virtuellen Welt, oft auf Englisch. Die potenziellen Opfer werden beispielsweise über Single-Börsen, Dating-Apps oder soziale Netzwerke von gefälschten Profilen kontaktiert und anschießend über Wochen oder teilweise Monate umgarnt. 

Im Bereich des Polizeipräsidiums Nordhessen sind 2018 56 Fälle von Love-Scamming angezeigt worden, davon neun Versuche und 47 vollendete Fälle, bei denen es zu einem finanziellen Schaden kam. 2017 waren es 35 Fälle (zwei Versuche, 33 vollendete), 2016 waren es 55 Fälle (zwei Versuche, 53 vollendete), 2015 waren es 29 Fälle (fünf Versuche, 24 vollendete), 2014 drei Fälle (alle vollendet) und 2013 sieben Fälle (ebenfalls alle vollendet). Aufgrund des hohen Schamgefühls der Opfer müsse von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. 

Kommt ein Fall zur Anzeige, versucht das für Internetkriminalität zuständige Zentralkommissariat über die virtuelle Identität des Täters seine tatsächliche zu ermitteln. Ermittlungsansätze ergeben sich mitunter bei Geldtransfers zu den Empfängern. Da es sich überwiegend um aus dem Ausland, häufig in Afrika, agierende Täter handelt, tauschen sich die Ermittler bundesweit und international aus. Die Aufklärungschancen in diesem Deliktsbereich seien nicht völlig aussichtslos. Gleichwohl seien die Ermittlungen mitunter schwierig und langwierig. Die bisherige Erfahrung zeige, dass die Betrüger mit dieser Masche im Frühling etwas aktiver als zu anderen Jahreszeiten seien. 

Die Polizei rät zur Vorsicht, wenn man auf einer Dating-Seite aus dem Nichts angeschrieben und schnell mit Liebesschwüren überhäuft wird. Um einen Verdacht zu bestätigen, kann der Name des Internetkontaktes mit dem Zusatz „Scammer“ gegoogelt werden. 

Weitere Tipps von der Polizei zum Schutz vor Love-Scammern.

Mehrere Fälle von Love-Scamming in der Region

Eine Frau aus dem Schwalm-Eder-Kreis überwies rund 140 000 Euro ins Ausland. Über mehrere Jahre hatte ein Mann im Chat ihr Vertrauen gewonnen und sie schließlich erfolgreich um Geld gebeten. 

Drei weitere Frauen aus dem Schwalm-Eder-Kreis wurden ebenfalls Opfer der Betrugsmasche. Sie waren zwischen 40 und 78 Jahren alt. Eine der Frauen überwies 8500 Euro ins Ausland. In einem weiteren Fall konnte ein aufmerksamer Bankmitarbeiter noch verhindern, dass eine Frau rund 6000 Euro weiterleitete. Auch die Überweisung der 78-Jährigen konnte rechtzeitig verhindert werden. Sie war ähnlichen Betrügern bereits zuvor auf den Leim gegangen.

Auch im Marburger Land hatte ein Mann einer Frau eine Liebesbeziehung vorgespielt. Sie überwies ihm ihre ganzen Ersparnisse. 

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