Elektrosmog durch Überlandleitungen in Wohnhäusern in Lohfelden – Bisher nur Modellrechnungen

Messung soll Klarheit über Elektrosmog bringen

Leben unter Hochspannungsleitung: 380 000 Volt führt die große Überlandleitung, die das Haus von Ramazan Tafoski (63) im Quellenweg in Lohfelden mit neun Meter Abstand überspannt. Auch über seinem Garten brummt der Strom. Fotos: Schindler

Lohfelden. Messungen vor Ort habe es zwar nicht gegeben, die Grenzwerte der Hochspannungsleitungen würden aber grundsätzlich eingehalten, das teilte die Firma Transpower auf Anfrage der HNA mit.

Transpower betreibt die 380-kV-Leitung, die durch Lohfelden führt und dabei auch Wohnhäuser direkt überspannt. Doch etliche Anwohner ziehen die Aussage von Transpower in Zweifel. Nun sollen Messungen in den Häusern Klarheit bringen.

Denn wirklich ermittelt wurde die konkrete Belastung der Menschen, die in bis zu neun Meter Nähe unter den 380 000 Volt führenden Leitungen leben, noch nicht, sagt Transpower-Sprecherin Joelle Bouillon. Die bisherigen Aussagen beruhen auf Modellrechnungen.

Nach unserem Zeitungsbericht hat das Regierungspräsidium (RP) Kassel als Aufsichtsbehörde jetzt zusätzliche Kontrollen angeordnet. Üblicherweise lasse sich die Behörde vom Anbieter über die Einhaltung der zulässigen Höchstwerte informieren und prüfe diese Angaben auf Plausibilität. Jetzt hat das RP eigene Messungen in Auftrag gegeben. „Wir suchen Fachleute, die diese Überprüfung vornehmen können“, sagte RP-Sprecher Michael Conrad der HNA. Das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie sei angeschrieben worden. Die Überprüfung solle so schnell wie möglich erfolgen.

Auch die Eon Netz GmbH (Bayreuth) als Betreiber der parallel verlaufenden 110-kV-Leitung hat vor Ort bisher nicht gemessen. Ihre Leitung führt an Casselweg und Röhräcker in wenigen Metern Höhe über die Gärten der Wohnhäuser. „Da die geltenden Grenzwerte eingehalten werden, werden keine weiteren Messungen durch Eon Netz veranlasst“, teilte Unternehmenssprecherin Michaela Fiedler auf Anfrage mit. „Liegt jedoch der konkrete Wunsch eines Hauseigentümers vor, führen wir gern eine Messung durch.“ Den Betroffenen entstünden keine Kosten.

Ursprünglich waren die Flächen unter den Hochspannungsleitungen gar nicht zur Bebauung freigegeben worden. Doch nach Informationen der HNA forderten Bauwillige in den 80er-Jahren – mit Unterstützung des Gemeindevorstands – vehement die Möglichkeit zur Bebauung. Das Regierungspräsidium stimmte schließlich zu. Heute würde eine Bebauung direkt unter den Stromleitungen so nicht mehr genehmigt.

Auch Ramazan Tafoski hat 1990 am Quellenweg unter der 380 000-Volt-Leitung ein Haus gebaut. Die Gemeinde habe damals zugesagt, dass die Leitungen verschwinden würden, sagt er. Auch eine Eigentümerin, die am Casselweg gerade eines der bestehenden Reihenhäuser gekauft hat, behauptet, das Bauamt habe die Entfernung der Leitung in Aussicht gestellt. Bauamtsleiter Rolf Schweitzer weist das zurück, niemand aus der Verwaltung könne eine solche Aussage treffen.

Die Gemeinde habe die betroffenen Grundstücke damals „erheblich günstiger verkauft“. Es habe auch ein Gutachten gegeben, das die Unbedenklichkeit bestätigt habe. Heute würde man vorsorglich größere Abstände einhalten, so Schweitzer.

Offener Brief der Anwohner an Regierungspräsidenten

Anwohner des Quellenwegs in Lohfelden haben einen offenen Brief an Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke und eine Petition an den Hessischen Landtag gerichtet.

Auch für Altleitungen

Darin fordert Sprecherin Kirsten Woda eine Messung der Elektrosmog-Belastung der Anwohner durch die 380-kV-Leitung durch einen unabhängigen Gutachter und unter notarieller Aufsicht. Die Messung müsse nachprüfbar sein. Laut Grundgesetz hätten die Anwohner ein Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Die Grenzwerte müssten daher auch für die bestehenden Altleitungen erfüllt werden. Die Leitungen müssten auch überprüft werden, weil sie durch Materialermüdung und Witterungseinflüsse immer weiter durchhängen.

Bei einem Haus im Quellenweg betrage der Abstand vom Dach zur 380-kV-Leitung nur neun Meter. Die Richtlinie besage als Abstand einen Meter pro 1000 Volt, „bei 380 000 Volt ergibt sich ein Mindestabstand von 38 Metern“, meint die Lohfeldenerin. Kirsten Woda verweist auf die schweren Erkrankungen vieler Menschen unter der Leitung. Zwei Beispiele: Sie selbst sei an MS erkrankt, ihr Vater an Alzheimer gestorben. „Das sind keine rechnerischen Ermittlungen, sondern die bittere Wahrheit.“

Ohne zu prüfen

Darüber hinaus zieht Kirsten Woda die Überspannrechte für die Starkstromleitung über ihr Grundstück im Grundbuch in Zweifel. Das dort eingetragene Recht stamme aus dem Jahr 1929 und sei im Februar 1981 ohne Überprüfung übertragen worden. Sie fragt: Wie kann E.on oder Transpower die Überspannrechte erwerben, „ohne dass die Risiken und Grenzwerte bei der Übernahme geprüft wurden?“ Denn im Jahr 1929 sei eine Starkstromleitung vielleicht mit 10 000 oder 20 000 Volt betrieben worden, heute seien es aber 380 000 Volt.

Der offene Brief soll heute Abend vor der Gemeindevertretersitzung (Beginn: 19.30 Uhr, Bürgerhaus Lohfelden) zur Unterschrift für weitere Betroffene ausgelegt werden. (hog)

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