Sorgen trüben Geburtstagsfeier

Zu wenig Fördergeld - Baunataler Musikschule bangt um Fortbestand

+
Junge Schlagzeuger: Josua Kölbel (16, von links), Tom Mardus (13) und Jasper Rode (11) proben für ein Konzert. Die Musikschule rührt zurzeit auch im übertragenen Sinn die Trommel, sie wirbt für mehr Geld vom Land Hessen

Eigentlich sollte die Stimmung ausgelassen sein: Die Baunataler Musikschule hat vor der Feier zum 40. Geburtstag am Samstag so viele Schüler wie nie. Doch die Stimmung ist getrübt.

Die Direktoren bangen um die Zukunft der Schule. Die Musikschule Baunatal blüht wie der rote Mohn vor ihrem Gebäude. 2128 Schüler, 17 Ensembles, viele Preise – eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Dennoch ziehen dunkle Wolken über der von einem Verein getragenen Bildungsstätte auf, die vor 40 Jahren mit 280 jungen Menschen startete. Die Verantwortlichen sehen den Bestand gefährdet. Das Problem soll auch Thema beim großen Geburtstagsfest – zugleich Landesmusikschultag – am Samstag, 15. Juni, werden. Jedoch nur am Rande, damit die Feierlaune nicht leidet.

„In zehn Jahren werden wir unsere Aufgaben nicht mehr erfüllen können“, prophezeit Schulleiter Joachim Arndt. Schon jetzt zeige sich die Misere an zu hohen Elternbeiträgen und der Schwierigkeit, Lehrkräfte zu finden. Das ist nicht nur in Baunatal so, sondern in allen 67 Musikschulen des Landes (insgesamt 115 000 Schüler), weil Hessen die musische Bildung am zweitschlechtesten fördert. Nur in Schleswig-Holstein fließt noch weniger Geld.

Vier Jahre benötigte die hiesige Musikschule, um ihre in den Ruhestand gewechselte Akkordeon-Lehrerin zu ersetzen. Grund: In anderen Bundesländern wird besser bezahlt. „Unsere Gehälter führen in Altersarmut“, sagt der Baunataler Vize-Schulleiter Marcus Schwarz. Mehr zahlen könne man aber nicht, sonst würden die Eltern noch stärker belastet. 2017, so die aktuellsten Zahlen, kostete in der VW-Stadt Einzelunterricht von 45 Minuten pro Woche 1356 Euro im Jahr – der höchste Betrag in ganz Hessen.

„Es ist so teuer, weil die öffentlichen Mittel so gering sind“, erläutert Arndt. Lediglich 4,65 Prozent der Gesamtkosten zahle das Land, mitsamt der Zuschüsse von Regierungsbezirken, Kreisen, Kommunen sowie Projektförderung komme die öffentliche Hand auf 34 Prozent. Spitzenreiter Sachsen-Anhalt steuert hingegen 71 Prozent bei, der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 50 Prozent. Hessen müsste statt 2,8 etwa zehn Millionen Euro pro Jahr zahlen, so wie Baden-Württemberg, rechnet Arndt vor.

Folge hierzulande: Die Eltern der Schüler müssen 64 Prozent der Kosten aufbringen. Für die Familien sei das irgendwann nicht mehr leistbar, sagt Schwarz. „Die müssen wahnsinnig viel schultern.“ Dabei gehe es um die Finanzierung einer öffentlichen Bildungsaufgabe, ergänzt Arndt. „Wir wollen das nicht den Eltern aufbürden.“ Womöglich könnten sich irgendwann nur noch Betuchte den Unterricht leisten.

Erfolgreiche Musikschule: Doch Schulleiter Joachim Arndt (links) und Stellvertreter Marcus Schwarz plagen ebenso wie ihr gesamtes Team Zukunftsängste. Sie sehen mangels ausreichend Geld den Bestand der Einrichtung gefährdet.

Laut Arndt verdient ein Musikschullehrer nur 60 Prozent des Salärs eines Kollegen an einer Regelschule. Bei voller Stelle sind das 2500 Euro brutto – doch selbst in der großen Baunataler Musikschule (55 Lehrkräfte) gibt es nur eine Vollzeitstelle. Die Arbeitszeit richtet sich ansonsten nach dem Bedarf an Unterricht. Lässt die Nachfrage nach einem Instrument nach, sinkt via Änderungskündigung der Verdienst. Schwarz bringt das Problem mit dem Satz eines Kollegen auf den Punkt: „Man muss sich sehr genau überlegen, in welchem Monat man eine neue Jeans kauft.“

Noch schwieriger sei die Situation für Lehrkräfte an kleinen Musikschulen, wie etwa in Bad Karlshafen, die nur Honorarkräfte beschäftigen und niemanden fest anstellen können. „Soziale Absicherung gleich null“, konstatiert Arndt.

Musikstudenten, die das Lehramt anstreben, orientierten sich längst an den besseren Verdienstmöglichkeiten in anderen Bundesländern. Letztlich sinke in Hessen die Qualität des Unterrichts, so Schwarz. Der Verband der Musikschulen (VdM) Hessen trommelt daher landesweit für eine bessere Finanzausstattung. „Wir versuchen auch, die Eltern zu mobiliseren“, sagt Schwarz. Zudem sprächen die Schulleitungen alle Landtagsmitglieder an, die Baunataler Führungsspitze hat der SPD-Abgeordneten Manuela Strube die Misere erläutert.

Die beiden Schulleiter betonen die Rolle von Musikstunden und speziell Ensemblespiel für die Gesellschaft. Neben der musischen Bildung lernten junge Menschen, andere zu akzeptieren, miteinander statt gegeneinander zu arbeiten – dies sei aktuell bedeutsamer denn je. Schwarz: „Jede Stimme ist bei uns wichtig, egal ob leise oder laut.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.