Düngebedarf soll um 20 Prozent verringert werden

Verschärfung der Düngeregeln verärgert Landwirte in der Region

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Weniger Gülle auf den Äckern fordert die EU-Kommission. Sie will eine pauschale Verringerung des Düngebedarfs um 20 Prozent. Der Kreisbauernverband sieht darin eine Bedrohung der Landwirte in der Region.

Die Bauern im Landkreis Kassel befürchten hohe Ertragseinbußen. Grund sind neue Verschärfungen der Düngeregeln von der EU.

Eigentlich hätte die Bundesregierung der EU-Kommission schon bis Ende März Vorschläge für eine Verschärfung der Düngerichtlinien vorlegen sollen. Am Donnerstag hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) Vertreter des Bundesumweltministeriums, die Umweltminister der Länder, Parlamentarier und Vertreter von Verbänden deshalb zu einem Spitzen- oder eher Krisengespräch in Berlin eingeladen.

Hauptstreitpunkt: die Forderung der EU nach einer pauschalen Verringerung des Düngebedarfs um 20 Prozent. Das vage formulierte Ergebnis der Gespräche: Eine Verständigung ist in Sicht. Das ist auch gut, denn die EU-Kommission macht ob der gebietsweise zu hohen, das Grundwasser belastenden Nitratwerte Druck – und droht mit empfindlichen Strafzahlungen von 857 000 Euro pro Tag bei Nichteinhaltung der Grenzwerte.

Was das alles mit den Bauern im Landkreis Kassel zu tun hat? Die sehen in der erneuten Verschärfung der Düngeregeln – bereits 2017 hatte die Bundesregierung auf Drängen und Klage der EU hin die Zügel angezogen – eine erhebliche Gefahr für ihre Erträge und die Qualität ihrer Pflanzen.

"Das versteht kein Landwirt"

Nach Ansicht des Geschäftsführers des Kreisbauernverbands, Reinhard Schulte-Ebbert, entbehrt die „Kurzatmigkeit der Politik“ jedweder Fachlichkeit. „Das versteht kein Landwirt.“ Die Wirkungen der jüngsten Verschärfungen der Düngerichtlinien von 2017 seien noch gar nicht nachvollziehbar. Standortabhängig könne es bis zu 20 Jahre dauern, bis sich eine Veränderung im Boden anhand valider Ergebnisse ablesen lassen könne.

Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Reinhard Schulte-Ebbert

Zudem kritisiert Schulte-Ebbert die Erhebungen, die der Nitratkarte des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie zugrunde liegen. In dieser Karte wird gebietsweise die Nitratbelastung im Grundwasser in Milligramm pro Liter ausgewiesen. Aufgrund der geringen Zahl an Messstellen würden gesamte Landkreise als gefährdet markiert, sagt Schulte-Ebbert. In Wolfhagen etwa wird die Nitratbelastung in der Karte mit über 25 Milligramm pro Liter als erhöht angegeben. Die dortigen Stadtwerke würden den Wert mit vier bis zehn Milligramm jedoch deutlich geringer angeben.

Eine pauschale Verringerung der Düngung um 20 Prozent würde auch Betriebe in Gebieten mit geringer Nitratbelastung betreffen, wie etwa um Baunatal und Schauenburg. Dies würde laut Schulte-Ebbert im Landkreis Kassel zu einer Mangelversorgung für die Pflanzen führen. „Es wird nicht differenziert, wie der konkrete Bedarf der Pflanzen auf dem jeweiligen Acker ist.“

Fachbereichsleiter Naturschutz beim Nabu-Landesverband Hessen Mark Harthun

Mark Harthun, Fachbereichsleiter Naturschutz beim Nabu-Landesverband Hessen, sieht die pauschale Verringerung hingegen sogar als zu gering an. Nitrat belaste nicht nur das Grundwasser, sondern gefährde auch die Artenvielfalt des Grünlands in der Region. „Viele Pflanzen- und Insektenarten verschwinden dadurch.“ Deshalb sei die pauschale Verringerung auch in Gebieten mit geringer Nitratbelastung gerechtfertigt.

Der Nabu erwarte zudem, dass zukünftig die Hälfte der an die Landwirte direkt ausgezahlten Agrarsubventionen für nachhaltige Umwelt- und Klimamaßnahmen, sogenannte Eco-Schemes, investiert werden muss, sagt Harthun.

Die neuen Düngeregeln sollen im Mai 2020 in Kraft treten.

Deshalb ist zu viel Nitrat schädlich für unsere Kinder

In der Landwirtschaft wird Nutzpflanzen der erforderliche Stickstoff durch Dünger zugeführt. Oft wird der Dünger jedoch nicht standort- und nutzungsgerecht ausgebracht. Ist die Düngermenge zu hoch, nehmen Pflanzen den Stickstoff nicht vollständig auf. Der überschüssige Stickstoff wird ausgewaschen und gelangt als Nitrat ins Grundwasser und andere Gewässer. In Flüssen und Seen führt das zur Überdüngung, im Grundwasser zu Stickstoffanreicherungen und Überschreiten des Grenzwertes. Nitrat kann im menschlichen Körper in Nitrosamine umgewandelt werden. Bei Säuglingen kann es dadurch zu einer Störung des Sauerstofftransports kommen (Methämoglobinämie). Im Trinkwasser wird der Grenzwert zwar nur sehr selten überschritten. Allerdings ist es aufwendig und teuer, in den Wasserwerken Nitrat aus dem Grundwasser zu entfernen. 

Die wichtigsten Fakten:

  • Die europäische Nitratrichtlinie verpflichtet Deutschland, Überschreitungen des Grenzwertes von 50 Milligramm pro Liter zu verhindern. 
  • Seit 2008 wird der Grenzwert jedes Jahr an mindestens 16,9 Prozent der Messstellen überschritten. 
  • Der Europäische Gerichtshof hat Deutschland am 21. Juni 2018 wegen Verletzung der EU-Nitratrichtlinie verurteilt. 
  • Die Landwirtschaft ist der größte Verursacher hoher Nitratkonzentrationen im Grundwasser

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