Warnung der Naturschützer

Amphibienwanderung bei Nieste: "Tausende Tiere in Gefahr"

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Ginge es nach dem Niester Naturschützer Thorsten Fink, müsste die Landesstraße zwischen Nieste und Dahlheim gesperrt werden. Doch die Behörden machen nicht mit. Laut Fink sind tausende Amphibien in Gefahr.

Für Kröten und Co. sieht es laut Thorsten Fink zwischen Nieste und Dahlheim düster aus. Tausende Tiere könnten sterben, befürchtet der Naturschützer, weil sich niedersächsische Behörden quer stellen. 

Wir haben Naturschützer, Landkreis Göttingen und Niedersächsische Verkehrsbehörde zu dem Fall befragt. 

Naturschützer

Seit Jahren setze sich der Niester Naturschutzverein, dessen Vorsitzender Fink ist, für Erdkröten, Braun- und Grasfrösche und Molche zwischen Dahlheim und Nieste ein. „Wir haben erwirkt, dass hier 2007 eine Schranke aufgebaut wurde, die zu den Laichzeiten abends geschlossen und morgens geöffnet wurde“, sagt Fink. Erst habe er sich gekümmert, dann ein Staufenberger Bürger. Die Straßensperrung durch Schranke und Schild habe geholfen, die Tiere auf ihrem Weg vom Waldstück nördlich der Straße zum Teich auf der Südseite zu schützen.

„Vergangenes Jahr teilte uns der Landkreis Göttingen mit, die Schrankensperrung sei mit jährlich 6000 Euro für vier bis sechs Wochen zu teuer“, sagt Fink. „Ich habe nicht verstanden, wo diese Summe herkam. Die Absperrung stand und Personal konnte auch nicht so teuer sein.“ Nach einigem Hin und Her habe sich der Verein mit dem Landkreis Göttingen geeinigt, statt der Schranke zumindest eine Bake aufzustellen. Allerdings seien Autofahrer an der Bake vorbeigefahren.

Dieses Jahr sei die Sperrung weiter aufgeweicht worden: „Man wollte weder die Schranke, noch eine Bake aufstellen.“ Der Grund: Beides sei zu teuer, „außerdem hielten uns die Behörden kurzfristig vor, es bräuchte einen Menschen mit spezieller Schulung und Schutzbekleidung, um mit Schranke oder Bake in den Straßenverkehr eingreifen zu dürfen.“ Diese Aussage sei zuvor nie gemacht worden. „So kurzfristig hätten wir das Problem nicht lösen können.“ Außerdem habe der Landkreis Kassel zu dem Zeitpunkt bereits festgelegt, dass die Sperrung nur noch per Schild erfolgen soll. „Eine Änderung würde vier bis sechs Wochen dauern. Dann wäre es zu spät. Die Tiere wandern jetzt“, moniert Fink. Er sei enttäuscht, sieht die jahrelange Mühe und tausende Tiere in Gefahr.

Landkreis Göttingen

Wie die 6000 Euro zusammenkommen, die der Landkreis Thorsten Fink genannt hat, kann der Pressesprecher des Landkreises Göttingen, Ulrich Lottmann, nicht erklären. Dazu sei dem Landkreis nichts bekannt. „Für das Sperren der Straße könnte allenfalls eine Aufwandsentschädigung in Höhe weniger Hundert Euro fällig werden.“ Die Summe von 6000 Euro könne für einmalige Aufwendungen zur Beseitigung von Schäden an der Schranke genutzt worden sein, die eventuell der Landkreis Göttingen trage.

Unterm Strich betont Lottmann: „Wir als Landkreis hätten die Straße gern mit Schranke gesperrt, da Autofahrer alles andere missachten. Dafür haben wir einen Antrag an die Verkehrsbehörde auf Landesebene gestellt.“ Damit ist die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLStBV) gemeint. Die hätte allerdings abgelehnt „und dem haben wir uns untergeordnet“, erläutert Lottmann. Auch bei der Forderung nach geschultem Personal verweist der Landkreis an die höhere Stelle.

Verkehrsbehörde

„Erst einmal muss man betonen, dass die Straße bereits zwischen 19 und 6 Uhr gesperrt ist“, sagt Udo Othmer, Leiter der NLStBV. Das Durchfahrt-verboten-Schild weise klar darauf hin. „Das reicht den Naturschützern aber offenbar nicht aus.“ Doch sei die Schranke in den vergangenen Jahren ohnehin nicht rechtens bedient worden. Man brauche nämlich die sogenannte MVAS-Schulung. „Es kann nicht jeder x-beliebige Mensch Schilder aufstellen.“ Das habe die Behörde in den vergangenen Jahren aus Kulanz geduldet. „Jetzt haben wir einen neuen Chef, der das nicht mehr will“, sagt Othmer.

Durch die Sperrung ohne Schranke habe man einen Kompromiss gefunden, der Anlieger entlastet und besser für Rettungskräfte sei. „Die müssten sonst drumherum fahren.“ Die Schranke solle demnächst zurückgebaut werden.

naturschutzverein-nieste.de

Kommentar: Schikane der Behörden

Man liest und hört täglich vom Artensterben, nicht nur in weit entfernten Regionen, sondern auch vor der Haustür. Umso ärgerlicher ist der Fall der Landesstraße zwischen Nieste und Dahlheim. Jahrelang haben sich Naturschützer dafür eingesetzt, dass hier Amphibien, die auf der Roten Liste des Nabu stehen, geschützt werden. Jahrelang ging das gut. 

Bis jetzt: Der Landkreis Göttingen empfiehlt eine Schrankensperrung, ordnet sich aber der Niedersächsischen Verkehrsbehörde unter, in der Hoffnung, dass ein Schild genug abschreckt. Die Verkehrsbehörde nennt das fadenscheinige Argument, dass man eine Schulung brauche, um eine Schranke zu öffnen und zu schließen. Fadenscheinig, weil es in den vergangenen Jahren laut Thorsten Fink von den Niester Naturschützern problemlos ging – ohne Schulung. Das wirkt wie Schikane. Für Rettungskräfte hätte man einen Mechanismus einbauen können, um die Schranke zu öffnen. 

Nein, die Schranke soll sogar abgebaut werden. Eine weitere Schlappe für die Naturschützer. Bleibt nur der Appell an Autofahrer, die Straßensperrung zu respektieren – auch ohne Schranke.

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