Wassermangel

Der Nieste geht das Wasser aus - Naturschutzverein kritisiert Trinkwassergewinnung

Rinnsale und Pfützen sind das, was vom Oberlauf der Nieste noch zu sehen ist. Das Bild entstand etwa einen Kilometer bachaufwärts von Buntebock. Weiter oberhalb ist die Nieste komplett ausgetrocknet.
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Rinnsale und Pfützen sind das, was vom Oberlauf der Nieste noch zu sehen ist. Das Bild entstand etwa einen Kilometer bachaufwärts von Buntebock. Weiter oberhalb ist die Nieste komplett ausgetrocknet.

Ein ökologischer Notstand wegen akuten Wassermangels herrscht derzeit im Oberlauf der Nieste.

Nieste – Aktuell ist nahezu der ganze Bachlauf auf einer Strecke von sieben Kilometern zwischen Nieste-Buntebock bis rauf zur Quelle im Kaufunger Wald trocken gelaufen. Nur noch stellenweise gibt es Rinnsale, Pfützen und Gumpen.

„Im oberen Niestetal gibt es quasi keinen Bach mehr“, sagt Thorsten Fink, Vorsitzender des Naturschutzvereins Nieste. Für alle im Wasser lebenden Tiere wie Fische oder Insekten bedeutet das den Tod. „Besonders verheerend ist aber, dass der Oberlauf der Nieste ein Naturschutzgebiet ist“, führt Fink weiter aus. Ziel sei unter anderem die Erhaltung von bedrohten Fischarten wie Groppe oder Bachneunauge sowie seltenen Insekten, deren Larven im Niestewasser leben. „Das hat sich jetzt erledigt“.

Fink spricht von einer hausgemachten Katastrophe. Seit 1873 werde das Einzugsgebiet der Nieste für die Trinkwassergewinnung genutzt. Tatsächlich betreiben die Städtischen Werke Netz & Service neben drei Tiefbrunnen bis heute 40 Quellfassungen im oberen Niestetal zur Gewinnung von Trinkwasser. Dieses Quellwasser macht laut der Städtischen Werke Netz & Service rund zwei Drittel der Trinkwassergewinnung im Tal der Nieste aus (2019: 722 238 Kubikmeter), das übrige Drittel (2019: 427 968 Kubikmeter) kommt aus einem artesischen Tiefenbrunnen, zwei weitere Brunnen dienen der Reserve.

All dieses Wasser – 2019 waren es also 1,15 Millionen Kubikmeter – wird in dem neuen Wasserwerk bei Nieste gesammelt, aufbereitet und dann nach Kassel geleitet. 2019 wurden damit 9,1 Prozent des Wasserbedarfs von Kassel und Vellmar abgedeckt.

„Vor allem die Quellfassungen sind das Problem“, meint auch Ralf Schäfer vom Niester Naturschutzverein. Die heute noch existierenden Quellfassungen fangen Wasser auf, das normalerweise in die Nieste fließen würde. „Durch die Nutzung der Quellen vermindert sich der Wasserabfluss des sich daran anschließenden Fließgewässers“, bestätigt auch Dieter Kämmerer, Dezernatsleiter beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Zumindest dem Naturschutzverein Nieste drängt sich daher der Verdacht auf, dass zu viel Wasser aus den Quellfassungen abgezogen wird, „sodass die Nieste trocken fallen muss“. Die Städtischen Werke Netz & Service können das Gegenteil nicht beweisen.

In Fink und Schäfer weckt das böse Erinnerungen. Denn schon einmal gab es einen gut zwei Jahrzehnte währenden Streit, wie viel Wasser aus dem Tal der Nieste gefördert werden darf, ohne dabei die Natur zu schädigen. Damals war regelmäßig die Nieste trockengefallen, sogar von Raubbau war die Rede gewesen.

Der Konflikt begann in den 1970er-Jahren, wurde erbittert geführt und ging als Rechtsstreit zwischen dem Land Hessen und den Städtischen Werken sogar vor Gericht. 1997 schlossen beide Parteien einen Vergleich.

In der Zeit danach wurden gut ein Dutzend Quellfassungen aufgegeben. 40 aber blieben. Sie wurden neu gefasst und gesetzt. Auch alte, unzulässige Drainagerohre wurden gesprengt. Dort, wo das nicht gelang, wurden dichte Leitungen in die alten Drainagerohre eingezogen. Noch heute liegen überall im Tal alte Rohrreste herum. „Keiner weiß, wie sich noch immer diese Altlasten auf den Wasserhaushalt an der Nieste auswirken“, sagt Fink.

2018 wurde dann das neue Wasserwerk in Betrieb genommen. „Stets wird darauf geachtet, dass durch die Wassergewinnung der Wasserstand der Nieste nicht mehr beeinträchtigt wird“, hatte Tobias Krohne von den Städtischen Werken Netz & Service damals gesagt.

„Dass es jetzt wieder soweit kommt, war abzusehen“, sagt Schäfer. Für ihn hat sich mit dem Klimawandel und der zunehmenden Trockenheit wieder viel geändert. Das, was nach Ende des Wasserstreits 1997 verändert wurde, habe inzwischen womöglich keinen Bestand mehr. Ohnehin ist es für den Naturschützer widersinnig, eine Talaue als Naturschutzgebiet zu deklarieren, wenn dem Lebensraum gleichzeitig das Wasser entzogen wird. „Dabei könnte dieses Wasser alternativ auch aus Tiefenbrunnen gewonnen werden, um das Gewässer-Ökosystem an der Nieste zunächst einmal zu schonen“, schlägt er vor.

„Wir wollen die Auswirkungen auf die Natur so gering wie möglich halten“, sagt Andreas Kreher, Geschäftsführer der Städtische Werke Netz & Service. Dennoch rechtfertigt er die Gewinnung von Trinkwasser aus Quellfassungen entlang der oberen Nieste. „Würden wir statt des Quellwassers mehr Wasser aus den Tiefbrunnen entnehmen, würde der sinkende Grundwasserspiegel wiederum das Niveau des Bodenwassers nach unter ziehen, wodurch der Vegetation im Wald die Wassergrundlage entzogen werden würde.“ Ohnehin sei die Fördermenge aus Tiefbrunnen wegen Versalzungsgefahr beschränkt.

Aber auch Kreher erkennt das Problem zunehmender Wasserknappheit: „Der Wasserbedarf steigt, gleichzeitig werden die Niederschläge weniger. Tatsächlich sinken aktuell Grundwasserpegel“. 28 Messstellen gebe es im Tal der Nieste. Aber: „Würden wir jetzt damit aufhören, Wasser aus Quellen im oberen Niestetal zu fördern, müssten wir es woanders herholen, was auch wieder Auswirkungen haben würde.“

Tatsächlich hat Kassel seit 1873 das Recht, Trinkwasser aus dem oberen Niestetal zu gewinnen. 1935 wurde das Recht als dauerhaftes Recht formuliert und 1966 als unbefristet sichergestelltes Recht in das Wasserbuch eingetragen. „Selbst bei Trockenfallen der Nieste darf daher dort Grundwasser abgeleitet werden“, sagt RP-Sprecherin Katrin Walmanns.

Die öffentliche Wasserversorgung sei eine Aufgabe der Daseinsvorsorge der Kommune. Sie bestehe auch bei Trockenheit und trotz des Klimawandels. Naturschutzrechtliche Belange seien im Zuge des Vergleichs im Jahr 1997 und der darauffolgenden Sanierungsmaßnahmen berücksichtigt worden.

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