Angst im Ort

Wie sicher ist es in Nieste? Anwohner weisen auf Vorfälle hin – Gemeinde und Polizei geben Entwarnung

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Idylle am Waldrand: Die Familie Warnicke/Müller-Issberner wohnt an der Straße Berghof. In diesem Bereich ereignete sich auch der Vorfall, von dem der elf Jahre alte Oscar Warnicke berichtet hat.

Nieste ist wohl eine  idyllische Gemeinde im Kasseler Osten. Doch man erzählt sich, dass es Langfinger auf den Ort abgesehen haben. Sind das nur Gerüchte, oder steckt mehr dahinter?

Es dämmerte schon, als Oscar Warnicke am Mittwoch, 13. November, aus seinem Zimmerfenster sah. Beim Blick auf die Straße Berghof fiel ihm ein breitschulteriger Mann mit Kapuzenpulli vorm Haus auf. „Der Mann ging direkt zu unserem Gartentor, hat schon die Hand ausgestreckt, um es zu öffnen. Dann ist er plötzlich weggerannt“, erzählt der elf-jährige Niester.

Oscar war zu dem Zeitpunkt allein im Haus, seine Mutter Alexandra Warnicke beim Einkauf, sein Stiefvater Axel Müller-Issberner bei der Arbeit. „Ich hatte große Angst, dass der Mann hier einbricht und habe meine Mutter angerufen“, sagt Oscar. 

Anwohner: Wir haben in Nieste ein Kriminalitätsproblem

Schnell habe die Mutter die Polizei informiert, die Beamten seien kurz darauf vor Ort gewesen. Der verdächtige Mann war jedoch schon über alle Berge – ein leichter Schrecken bleibt bei Oscar jedoch. Axel Müller-Issberner ist sich sicher: „Wir haben hier in Nieste offenbar ein Kriminalitätsproblem.“

Diese Meinung teilt auch Jochen Reitz. Er wohnt im Wartenhof, rund 500 Meter vom Haus der Familie Warnicke und Müller-Issberner entfernt. Eine Nacht nach dem Vorfall, von dem Oscar Warnicke berichtet, wurde sein Auto der Marke Volvo im Wert von rund 60 000 Euro gestohlen. „Der Wagen stand vor der Eingangstür unseres Hauses“, berichtet der Niester. Den Diebstahl, der sich gegen 4 Uhr morgens abspielte, hat eine Überwachungskamera aufgenommen, die Jochen Reitz an seiner Eingangstür installiert hat.

In dem rund 30 Sekunden langen Film ist zu sehen, wie ein Mann mit weißer Mütze zum Haus läuft und ein Tablet an die Wand hält. Kurz darauf blinken im Hintergrund die Schweinwerfer des Autos auf, etwas später ist es entriegelt und ein weiterer Mann steigt ein. Offenbar haben die Diebe die Keyless-Go-Technologie des Volvos genutzt, dass es möglich macht, den Wagen ohne Schlüssel zu öffnen. „Von dem Auto fehlt bis heute jede Spur“, sagt Reitz.

Niester Bürgermeister versichert, es gebe kein Problem

Das Problem sei, dass darüber seitens der Gemeinde nicht richtig gesprochen werde, sagt Müller-Issberner. „Es gibt keine Warnungen, sondern das Thema wird negiert.“ Gleichzeitig habe er den Eindruck, dass sich die Fälle häuften. „Wir hören immer wieder davon, dass verdächtige Personen im Ort gesehen werden.“ Er wünsche sich, dass die Gemeinde darauf hinweise.

Müller-Issberner hatte sein Anliegen vorgetragen, als das HNA-Mobil in Nieste Halt machte und Bürgermeister Edgar Paul und Hauptamtsleiter Helmut Lippert auch vor Ort waren. „Die beiden haben versichert, es gebe kein Problem“, schildert Müller-Issberner. „Sie baten mich aber, das Ganze noch mal in einer Mail an die Gemeinde darzustellen.“ Das habe er gemacht, direkt nachdem das Auto von Jochen Reitz gestohlen wurde. Eine Antwort habe er nicht bekommen.

Das sagt die Gemeinde Nieste

Auf die Frage hin, ob Nieste ein Kriminalitätsproblem hat, sagt Bürgermeister Edgar Paul: „Definitiv nein“. Das zeige sich in der Kriminalstatistik, die die Polizei regelmäßig veröffentlicht. Demnach kämen in Nieste nicht mehr Einbrüche oder Diebstähle vor als in den Nachbarkommunen. Auch insgesamt habe sich die Zahl nicht erhöht. 

Der Diebstahl des Volvo von Jochen Reitz, der sich kürzlich ereignet hat, sei „ein Einzelfall“ gewesen. Paul wünscht sich, dass Niester sich meldeten, wenn sie verdächtige Personen sehen und ihnen unwohl ist. Denn akute Beschwerden von Bürgern hätten ihn nicht erreicht. „Werden wir informiert, können wir als Gemeinde gemeinsam mit der Polizei reagieren.“ Wenn Nieste auch keine Kriminalitätsprobleme habe, rät er Hausbesitzern, sich regelmäßig zu informieren, wie sie das Gebäude gut schützen können.

Das sagt die Polizei

Im Landkreis Kassel ist die Zahl der Wohnungseinbrüche und Autodiebstähle laut Polizeisprecher Matthias Mänz in den vergangenen fünf Jahren deutlich zurückgegangen. 2014 habe es noch 419 Wohnungseinbrüche gegeben, im vergangenen Jahr hingegen 198. Dieser Trend sei auch in Nieste sichtbar: 2014 seien 16 Einbrüche zur Anzeige gekommen, 2018 nur einer. 

Auch die Zahl der Autodiebstähle habe abgenommen: Vor fünf Jahren hätten sie im Kreis Kassel noch bei 52 gelegen, 2017 bei 66 und seien im vergangenen Jahr auf 53 zurückgegangen. In Nieste selbst waren es zwei zwischen 2014 und heute. Mit Blick auf Nordhessen könne man sagen, dass vor allem die dunkle Jahreszeit bei Einbrechern beliebt ist. 

Die Langfinger hätten dann leichteres Spiel, wegen der früher einsetzenden Dunkelheit. Über Nieste könne man das nicht sagen, es fehlte schlichtweg an Fällen. „In Nieste können sich die Menschen also sicher fühlen“, resümiert Mänz.

In die Schlagzeilen geriet Nieste in der jüngsten Vergangenheit immer wieder durch den Schandfleck. Ein Kasseler ersteigerte die Schrott-Immobilie - für 133.000 Euro. 

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