Am Kalkberg

9000 Quadratmeter groß, 15 Meter tief: Alte Mülldeponie in Niestetal belastet Grundwasser

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Die ehemalige Müllhalde am Kalkberg: Die rund 9000 Quadratmeter große Anlage wurde noch bis 1972 betrieben. Seither verunreinigt sie Grundwasser mit chlorierten Kohlenwasserstoffen.

Sie existiert schon seit mindestens 75 Jahren und beschäftigt die Gemeinde Niestetal noch immer – die ehemalige Müllhalde am Kalkberg.

Die Halde ist rund 9000 Quadratmeter groß und reicht 12 bis 15 Meter in die Tiefe. Das Problem: Sie verunreinigt oberflächennahes Grundwasser mit chlorierten Kohlenwasserstoffen (LCKW), hinzu kommen deponietypische Stoffe wie Selen und Bor.

Während die Stoffe Selen und Bor nur in kleinsten, gesundheitlich unbedenklichen Mengen vorkommen, wird der Grenzwert für die LCKW im oberflächennahen Grundwasser schon deutlich überschritten. Der festgelegte sogenannte Geringfügigkeitsschwellenwert liegt bei 20 Mikrogramm pro Liter, im Bereich der Deponie werden im Grundwasser aber schon Werte von 400 bis 4000 Mikrogramm LCKW pro Liter gemessen (1000 Mikrogramm sind 0,001 Gramm).

Die ehemalige Deponie liegt direkt am Rand, aber immer noch innerhalb der Schutzzone III des Trinkwasserschutzgebietes Heiligenrode. Der nächste Tiefenwasser fördernde Trinkwasserbrunnen liegt nordöstlich keine 700 Meter weit entfernt.

Keine Hinweise auf Schadstoffeinträge

Glück ist wiederum, dass das belastete oberflächennahe Grundwasser – wenn überhaupt – in südöstliche Richtung abfließt. Das ergeben aktuelle Messungen. Zudem sind diese Ströme nicht besonders stark und fallen oft trocken, sodass die Schadstoffe stets nahe der Deponie bleiben und somit offenbar weder die umliegenden Äcker belasten oder ins Tiefenwasser geraten.

„Tatsächlich gibt es keine Hinweise auf Schadstoffeinträge außerhalb des Altablagerungsbereiches“, sagt Hauptamtsleiterin Heike Pflüger. Bauamtsleiter Peter Lieder bestätigt: „Von der Deponie geht aktuell keine gesundheitsgefährdende Wirkung für Mensch und Umwelt aus“.

Tatsächlich ist nie dokumentiert worden, was genau an Müll und Abfall nahe des Kalkberges abgelagert wurde. „Probebohrungen, Luftbilder und weitere Hinweise haben ergeben, dass wir dort von Hausmüll über Bauschutt, Asche, Filterkuchen, Ofenausbruchsmaterial, Metallresten, Kunststoffen bis hin zu alten Spinnfasern der ehemaligen Firma Enka in Kassel-Bettenhausen alles finden“, sagt Pflüger. Bis etwa 1972 wurden dort Abfälle eingelagert, „vor der Gebietsreform war die Deponie die Müllhalde von Heiligenrode“, sagt Bürgermeister Brückmann.

Grundwasseruntersuchungen am Rand und am Fuß der Mülldeponie wurden erstmals in den Jahren 2000 und 2003 vorgenommen. Schon damals waren erhöhte Werte von LCKW gemessen worden. Weitere Untersuchung in den Jahren 2009 bis 2011 bestätigten die Kontamination. Im Dezember 2010 stellte das Regierungspräsidium Kassel erstmals einen Sanierungsbedarf fest.

Sanierung aktuell nicht erforderlich

Im Frühjahr 2012 wurde die Deponie mit einer Oberflächenabdeckung versehen, damit kein Regenwasser mehr in die Deponie einsickern kann, sodass dort keine Schadstoffe ausgespült werden. Dennoch finden bis heute regelmäßig Grundwasserkontrollen statt.

Weil die bislang entnommenen Proben auf eine stabile und vor allem sich nicht weiter ausdehnende LCKW-Belastung des Grundwassers außerhalb der Deponie hindeuten, „ist eine Sanierung aktuell nicht erforderlich“, sagt Bürgermeister Marcel Brückmann.

„So werden wir die derzeitige Belastungssituation jetzt weiter beobachten, aber erst bei einer Verschlechterung der Lage in Abstimmung mit dem RP Kassel weitere Sicherungen vornehmen.“ Denkbar sei zum Beispiel das Abpumpen und Reinigen von Grundwasser oder der Bau einer Abstromsicherung rund um die Deponie, um das Abfließen von kontaminiertem Grundwasser zu stoppen. Juristisch ist derzeit noch nicht geprüft worden, wer die Kosten für solche Maßnahmen übernehmen müsste.

Das alles sei aber zum aktuellen Zeitpunkt nicht erforderlich. Erst vor einer Woche waren erneut Messungen vor Ort vorgenommen worden. „Es sieht danach aus, als habe sich nichts geändert. Dennoch werden wir die Deponie weiter im Auge behalten müssen.“

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