Einrichtung in Niestetal erneut im Fokus

Beschwerde über Seniorenzentrum der Awo: „Wir wollen nicht mehr Geld zahlen“

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Wollen sich die Preiserhöhung nicht gefallen lassen: Herbert Saur (von links), Ortwin Quentin und Herbert Wohlgemuth, von denen je ein Angehöriger im Awo Seniorenzentrum in Niestetal betreut wird. 

Ihrem Frust machen Herbert Saur, Ortwin Quentin und Herbert Wohlgemuth Luft, wenn man sie auf das Awo Seniorenzentrum in Niestetal anspricht. Denn sie fühlen sich übers Ohr gehauen.

„In der Einrichtung sollen zum ersten August die Selbstbeteiligungskosten um 16 Prozent erhöht werden.“ Das mache bei allen monatliche Mehrausgaben von rund 275 Euro aus. „Gleichzeitig wird hier seit Jahren Mangelverwaltung betrieben“, kritisieren die drei, die alle in dem Seniorenzentrum Angehörige pflegen lassen. Ständig wechsele das Personal, die verbleibenden Pflegekräfte seien überarbeitet und hätten zu wenig Zeit für die Menschen. Obendrein seien manche den pflegerischen Aufgaben nicht gewachsen. „Viele von ihnen sind Zeitarbeiter, die einen deutlich höheren Stundenlohn bekommen.“ Das sei nicht vertretbar.

„In den vergangenen drei Monaten ist dann auch noch der Chef ausgefallen und eine Pflegedienstleiterin ebenso. Die Stellen wurden nicht nachbesetzt“, moniert Saur. „Jetzt muss eine Person die Aufgaben für drei machen“, ergänzt Quentin. Hinzu komme, dass ein Großteil der Pfleger Zeitarbeiter wären. Arbeitskräfte über Zeitarbeitsfirmen zu beziehen, sei teurer, als fest angestelltes Personal. Die Kosten dafür würden auf die Angehörigen umgelegt. 

Die drei sagen: „Die aktuelle Erhöhung bringt uns nicht in eine finanzielle Schieflage. Aber unter diesen Umständen wollen wir nicht mehr für die Pflege zahlen.“ Und die Frage sei, wie es anderen ergehe. Nicht jeder Bewohner des Seniorenzentrums habe eine gute Rente, nicht jeder Angehörige könne sich die Erhöhung leisten. Wohlgemuth ergänzt: „Diese Mehrkosten sind sowieso erst der Anfang. Die Spirale wird sich weiterdrehen.“ Eine ganze Menge Leute würden künftig bei den Sozialämtern Schlange stehen.

Ein weiterer Kritikpunkt: Saur, Quentin und Wohlgemuth verweisen auf das Jahr 2015, in dem das Awo Seniorenzentrum Niestetal bereits in die Schlagzeilen geriet: Damals hatte sich ehemalige Mitarbeiterin an die HNA gewandt und einen unzulässigen Personalschlüssel angekreidet, der sich auf die Pflegequalität ausgewirkt habe. Die Aufsichtsbehörde, das Regierungspräsidium Gießen, hatte die Mängel bestätigt.

Damals habe das Hessische Amt für Versorgung und Soziales (Kassel) in der Niestetaler Einrichtung „Mängel im Bereich der Pflege und Betreuung sowie der Struktur- und Prozessqualität festgestellt“, sagt Thorsten Haas, Sprecher des RPs Gießen. Gründe dafür seien „Defizite in der personellen Ausstattung und bei organisatorischen Abläufen“ gewesen. Bei der letzten Prüfung im Juni 2018 seien keine Mängel mehr festgestellt worden.

Laut Saur, Quentin und Wohlgemuth herrschen in dem Niestetaler Seniorenzentrum wieder schlechtere Zustände: „Damit muss jetzt endlich Schluss sein.“

Awo: „Wir sind unglücklich über die Situation in Niestetal“

Die Awo Nordhessen bezieht zu den Vorwürfen von Herbert Saur, Ortwin Quentin und Herbert Wohlgemuth Stellung: „Die Erhöhung von 16 Prozent wurde von den Kostenträgern genehmigt“, sagt Michael Schmidt, Geschäftsführer der Awo Nordhessen. Dazu hätte die Awo genau vorgerechnet, wie hoch ihre Ausgaben sein würden und so käme die Erhöhung zustande. 

„Das Problem ist, dass die Pflegekassen, die einen Teil der Pflegekosten für jeden Heimbewohner bezahlen, ihren Anteil seit 2017 nicht erhöht haben.“ Die Betriebs- und Personalkosten seien aber ungeachtet dessen gestiegen. „Wir müssen die Kosten an die Angehörigen weitergeben und in allen unseren Einrichtungen erhöhen, um nicht in die Insolvenz zu rutschen“, erläutert der Geschäftsführer. 

Es stimme, dass im Altenheim Zeitarbeiter beschäftigt werden würden, wenn Mangel besteht. „Fachkräfte sind einfach sehr schwer zu bekommen.“ So müsse immer mal wieder auf Zeitarbeitsfirmen zurückgegriffen werden, um Lücken zu füllen. „Wir arbeiten aber daran, die Zeitarbeitsstellen abzubauen.“ Schließlich sei das teurer für die Awo, als fest anzustellen. „Die Mehrkosten für Zeitarbeit legen wir jedoch nicht auf Bewohner oder Angehörige um. Das dürften wir gar nicht“, sagt Tim Helfert, Abteilungsleiter Controlling, Bau und Technik. 

Zur Personalsituation erläutert Sigrid Junge, Abteilungsleitung Altenhilfe: „Es stimmt, dass zwei Menschen in der Leitung ausgefallen sind.“ Diese Lücken habe man aber adäquat gefüllt. 

Auch auf das Thema Fluktuation kommt Schmidt zu sprechen und bezeichnet die Situation in Niestetal als „singulär“: „Es gibt – neben unserer Einrichtung in Heiligenrode – noch Mitbewerber in Sandershausen, dazu viele in Kassel, Kaufungen und weiterer Umgebung.“ All diese Arbeitgeber buhlten um Pflege-Fachkräfte, was den ohnehin angespannten Arbeitsmarkt belaste. „Wir sind über diese Situation unglücklich.“ 

In keiner der 29 anderen Awo-Einrichtungen in Nordhessen habe man so häufig Schwierigkeiten mit Personalwechseln. „Aber: Wir hatten nie zu wenig Personal in Niestetal“, betont Sigrid Junge. Zuguterletzt kommt noch mal die Prüfung von 2015 auf den Tisch. Sie habe auf falschen Zahlen gefußt, sagt Junge. Das sei 2016 ausgeräumt worden. „Seitdem ist keine Prüfung negativ ausgefallen.“

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