Tier seit Sommer sesshaft

Biber flutet Aue in Niestetal – „Faszinierend zu sehen“

Überflutete Wiesen in der 2014 renaturierten Niesteaue direkt gegenüber dem Rathaus: Rory Brückmann vom Nabu Niestetal (Kreis Kassel) und sein Sohn Kaspar sind fasziniert davon, wie der Biber sein neues Revier gestaltet.
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Überflutete Wiesen in der 2014 renaturierten Niesteaue direkt gegenüber dem Rathaus: Rory Brückmann vom Nabu Niestetal (Kreis Kassel) und sein Sohn Kaspar sind fasziniert davon, wie der Biber sein neues Revier gestaltet.

Seit einigen Jahren finden sich immer wieder Fraßspuren entlang der Fulda und ihrer Flussarme. Nun wurde ein Damm eines Bibers in Niestetal (Kreis Kassel) entdeckt.

Niestetal – Ganz unauffällig hinter hohem Brombeergestrüpp und Weiden-Geäst ist er zu erahnen – der Biberdamm in der Nieste mitten in der Niesteaue, keine 200 Meter Luftlinie vom Rathaus entfernt. Das Bauwerk aus Ästen, Zweigen und Lehm ist knapp einen Meter hoch und drei Meter breit. Nicht gerade groß, möchte man meinen. Aber der Biber hat den Damm ideal platziert, und seit einiger Zeit schon ist seine Wirkung weithin sichtbar.

Vor allem seit der jüngsten Regenfälle ist die Niesteaue mit Wasser vollgelaufen. „Besser gesagt, die Nieste sucht sich gerade einen neuen Weg über die Wiesenfläche“, sagt Rory Brückmann vom Nabu Niestetal.

Nager seit Sommer ansässig: Biber sorgt für Flutungen in Niestetal (Kreis Kassel)

Ursache dafür sei der Biberdamm, der die Nieste so effektiv aufstaue, dass das Wasser seitlich an der Dammkrone vorbeifließe und dann in den Überschwemmungsbereich der Aue laufe. Ganze 10 bis 20 Meter breit wird die Nieste an einigen Stellen. Rund 100 Meter weiter bachabwärts findet sie dann in ihren alten Lauf zurück.

„Es ist schon faszinierend, wie solch ein Nagetier eine Landschaft verändern kann“, sagt Brückmann. Für den Naturschützer ist es ein immenser Erfolg, dass nach so langer Zeit wieder ein Biber im Niestetal heimisch wird.

Tatsächlich wurden Fraßspuren schon vor einigen Jahren entlang der Nieste beobachtet. „Seit etwa August 2021 zeichnet sich ab, dass sich in der Niesteaue gegenüber dem Rathaus ein Biber dauerhaft niederlässt“, sagt Brückmann. Der Damm sei erst in den vergangenen Monaten entstanden. Das Baumaterial stamme von abgenagten, etwa armdicken Weiden rechts und links der Nieste, „entsprechende Fraßspuren sind dort zu finden“.

Niestetal (Kreis Kassel): Biber schützt Nachwuchs mit Damm - Naturschützer begeistert

Noch nicht gesichtet wurde ein zweites Tier, sodass möglicherweise noch in diesem Jahr Nachwuchs zu erwarten ist. Auch gibt es noch keine typische Biberburg, in der Jungtiere aufgezogen werden könnten. „Aber das heißt nichts, denn Biber graben ihre Bauten – von außen nicht erkennbar – auch in die Uferböschung hinein“, sagt Brückmann. Wichtig dabei sei, dass der Eingang zum Bau zum Schutz vor Feinden stets unter Wasser liege. Die eigentliche Wohnhöhle liege dann wieder oberhalb des Wasserspiegels.

„Deshalb baut der Biber auch den Damm. So schafft er einen kleinen Stausee, der garantiert, dass der Eingang zu seinem Bau immer unter dem Wasserspiegel liegt.“

Inzwischen hat sich auch das Regierungspräsidium (RP) Kassel den Biberdamm angesehen. Die Biberbeauftragte des RP Kassel, Carolin Bräuer, kann die Begeisterung über die Rückkehr des bis zu 1,20 Meter langen Nagetieres im Tal der Nieste mit Brückmann teilen. Immerhin galten Biber in der Region 400 Jahre lang als ausgestorben. „Es ist faszinierend zu sehen, wie der Biber die Niesteaue jetzt als Lebensraum annimmt und diese gestaltet“, sagt Niestetals Bürgermeister Marcel Brückmann.

Biber im Kreis Kassel: Tiere sorgen für Schutz vor Hochwasser

Konflikte mit dem Hochwasserschutz sieht Bräuer nicht. „Die Niesteaue wurde 2014 extra als eingedeichter Überschwemmungsbereich für die Nieste renaturiert“, sagt Bräuer. So sei es nur konsequent, dass sich dort irgendwann auch der Biber niederlässt. „Von ihm geht zumindest keine Hochwassergefahr aus“, sagt Bräuer weiter. Im Gegenteil: Der Biberdamm sorge für eine Verteilung des Wassers im Auebereich. „Damit erhöht sich die Versickerungsrate des Wassers und auch die Fließgeschwindigkeit reduziert sich. Beides trägt zum Hochwasserschutz bei.“

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Und was ist, wenn der Biberdamm bei Hochwasser bricht und das Geäst dann weiter bachabwärts für Verstopfungen sorgt? „Biber-Dämme sind stabil“, sagt Bräuer. „Es ist sogar so, dass Biber ihre Dämme gezielt zurückbauen, wenn der Hochwasserdruck zu stark wird. Biber haben nämlich kein Interesse daran, ihren Damm wieder komplett neu aufzubauen.“

Kreis Kassel: Biber sind streng geschützt - „Hat bei uns eine Chance verdient“

Der Biber zählt in Europa gemäß FFH-Richtlinie zu den besonders geschützten Tierarten. In Deutschland darf er nach dem Bundesjagdgesetz nicht bejagd werden.

Biber sind sehr scheue Tiere, die vor allem in der Nacht aktiv sind. Sie reagieren stark auf Störungen aller Art. Nicht zuletzt deshalb bittet Rory Brückmann vom Nabu Niestetal alle Spaziergänger (auch mit Hunden) darum, den Biber in der Niesteaue nicht zu stören, seine „Bauwerke“ aufzusuchen oder diese sogar in irgendeiner Weise zu verändern. „Der Biber hat bei uns eine Chance verdient“, sagt Brückmann.

Seit einigen Jahren siedeln sich immer mehr Biber im Kreis Kassel an. Doch manchmal verlaufen sich die Tiere: Erst vor ein paar Monaten musste ein verwirrter Biber in Kassel von der Feuerwehr gerettet werden.

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