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Heizweste statt Heizung: SMA testet neue Möglichkeiten, Mitarbeiter warm zu halten

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Von: Michaela Pflug

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Mag seine neue Jacke: SMA-Logistik-Mitarbeiter Kevin Ahrend. Am Versuch mit der Heizkleidung nehmen 25 Mitarbeiter teil, das sind acht Prozent der Belegschaft am Standort am Güterverkehrszentrum Kassel.
Mag seine neue Jacke: SMA-Logistik-Mitarbeiter Kevin Ahrend. Am Versuch mit der Heizkleidung nehmen 25 Mitarbeiter teil, das sind acht Prozent der Belegschaft am Standort am Güterverkehrszentrum Kassel. © Dieter Schachtschneider

16 Grad herrschen in einer Logistikhalle des Niestetaler Fotovoltaik-Spezialisten SMA. Frieren muss trotzdem niemand. Denn die 25 Mitarbeiter sind Teil eines Pilotprojekts und tragen beheizbare Kleidung. 

Niestetal – Ein eisiger Wind fegt um das Verteilzentrum von SMA bei Fuldabrück. Da fühlen sich die 16 Grad in Abschnitt 3 der Logistikhalle 58 gar nicht mehr so kalt an. Auf Dauer allerdings würden die 25 Mitarbeiter auf den 9000 Quadratmetern trotzdem bibbern. Damit das nicht passiert, tragen die Männer akkubeheizte Spezialkleidung. Per App oder Knopfdruck regulieren sie selbst die Temperatur. Das Motto des Pilotversuchs: Körper wärmen, statt Räume heizen.

Die Idee stammt von Ralf Ruszynski, Energiebeauftragter bei SMA. Er hat sich in seiner Masterarbeit mit dem Thema beschäftigt. Damit ist er auf das Interesse von Fachleuten, wie vom Deutschen Textilforschungszentrum gestoßen, aber auch auf das von Kollegen bei SMA.

So wird die Temperatur gesteuert: Links die App auf dem Handy, rechts ein Shirt, auf dem man per Druck drei Heizstufen einstellen kann.
So wird die Temperatur gesteuert: Links die App auf dem Handy, rechts ein Shirt, auf dem man per Druck drei Heizstufen einstellen kann. © Dieter Schachtschneider

Das Energiesparpotenzial sei groß, erklärt Ruszynski. „Eine Temperaturabsenkung von einem Grad führt bei Wohn- und Bürogebäuden zu rund sechs Prozent Energieeinsparung“, erklärt er. Im Hallenbereich mit seinen 12,5 Meter hohen Decken, an denen die Heizkörper hängen, könne das sogar noch höher ausfallen. Mit einer Reduzierung um vier Grad ließe sich der Gasverbrauch um rund 30 Prozent reduzieren. Das helfe auch, im Falle einer Gasmangellage handlungsfähig zu bleiben. Denn bei der Stromerzeugung sind die Niestetaler flexibler, Strom für die Akkus der Kleidung wird bei Sonnenschein nämlich direkt auf dem Dach produziert. Man teste nicht nur das Potenzial zum Energie-, Kosten- und Ressourcensparen, sondern gehe eben auch neue Wege im Bereich strategische Energie-Unabhängigkeit und neue Technologien, erklärt Logistik-Leiter Jens Huppach. Die Erkenntnisse aus diesem Versuch könnten richtungsweisend für die ganze Logistikbranche sein.

Die Pilotphase begann Mitte November, erklärt Ruszynski. Schrittweise sei die Temperatur von 21 auf nun 16 Grad abgesenkt. Gleichzeitig seien die Mitarbeiter befragt und Verbesserungsvorschläge gesammelt worden. Daher wurden zum Beispiel zusätzliche Thermohosen angeschafft. Manche tauschten Heizwesten gegen -jacken. Die Gabelstapler bekamen einen Schutz gegen den kalten Fahrtwind. „Wir sind absichtlich nicht mit voller Montur gestartet“, erklärt Huppach. Die Testphase sei schließlich auch dazu gedacht, Erfahrungen zu sammeln und sich auszuprobieren.

So wird die Temperatur gesteuert: Links die App auf dem Handy, rechts ein Shirt, auf dem man per Druck drei Heizstufen einstellen kann.
So wird die Temperatur gesteuert: Links die App auf dem Handy, rechts ein Shirt, auf dem man per Druck drei Heizstufen einstellen kann. © Dieter Schachtschneider

Deshalb kommen auch unterschiedliche Modelle zum Einsatz, etwa das App-gesteuerte Shirt von Odlo, dass ursprünglich für den Outdoorsport entwickelt wurde, oder die Arbeitskleidung von Milwaukee, die mit drei Heizstufen und einem flexibel einsetzbaren Akku aufwartet.

Ohne die Beteiligung der Mitarbeiter geht das freilich nicht. Die sind zufrieden, wie Betriebsrat Rudi Birnbach erklärt. Sie würden immer wieder zur Behaglichkeit befragt. Auch gebe es jederzeit die Möglichkeit, in einem anderen Abschnitt zu arbeiten. Das habe aber noch niemand getan, sagt er.

Aus gutem Grund, wie das Beispiel von Teamleiter Daniel Hoßbach zeigt. „Ich finde es absolut klasse. Ich kann mich frei bewegen und habe meine Wärmequelle immer dabei.“ Anfangs sei er etwas skeptisch gewesen, da er diese Technologie noch nicht kannte. Das habe sich aber schnell geändert. Immer eine gleichmäßige Temperatur zu haben, ohne dass dicke Lagen die Bewegungsfreiheit einschränken, sei eine feine Sache. Eine, die aus seiner Sicht gern fortgesetzt werden könnte. So sieht es auch Mitarbeiter Kevin Ahrend. „Ich finde es besonders gut, dass ich die Temperatur selbst bestimmen kann.“

Ob Logistiker Ahrend auch weiterhin per Knopfdruck an der Jacke heizt, entscheidet sich in der kommenden Woche. Dann wollen die Beteiligten bei dem Solartechnikhersteller den Versuch auswerten und beraten, wie es weitergeht, ob das Projekt ausgeweitet, fortgeführt oder eingestampft wird. Letzteres scheint unwahrscheinlich. Das Projekt und die bisherigen Erfahrungen seien „sehr vielversprechend“, sagt Logistik-Leiter Huppach.

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