Artisten-Traum nur noch Asche

Nach schweren Waldbränden in der Türkei: Familie aus der Region Kassel verliert Existenz

Kurz nach der Waldbrand-Katastrophe im Tadah Artist-Habitat bei Kalemler (Türkei): Wie ein totes Gerippe ragt das ehemalige Studio der Artisten-Schule in den Himmel, der Garten ist völlig verkohlt. Rechts am Bildrand ist das ebenso zerstörte und inzwischen abgerissene Wohnhaus zu erkennen.
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Kurz nach der Waldbrand-Katastrophe im Tadah Artist-Habitat bei Kalemler (Türkei): Wie ein totes Gerippe ragt das ehemalige Studio der Artisten-Schule in den Himmel, der Garten ist völlig verkohlt. Rechts am Bildrand ist das ebenso zerstörte und inzwischen abgerissene Wohnhaus zu erkennen.

Eine Familie aus dem Kreis Kassel verliert aufgrund der Waldbrände in der Türkei ihre Artisten- und Tanzschule. Den Ort bezeichneten sie als „kleines Paradies“.

Niestetal/Kalemler – Wenn man vor dem Nichts steht, ist die Hoffnung das Letzte, was einem bleibt. Der Artist Till Rautert und seine Frau Deniz, eine Flamenco-Tänzerin, erleben das gerade. Die beiden haben alles verloren – fast alles, außer sich selbst und ihre 21 Monate alten Zwillinge. Die Flammen kannten keine Gnade. Sie kamen, einfach so, schnell und gnadenlos. In ihnen verbrannte alles, was Till und Deniz sich im Laufe vieler Jahre aufgebaut hatten. „Es war ein kleines Paradies“, sagt Till, 35, der aus Niestetal-Heiligenrode stammt. „Ja, es war ein Paradies!“

Wenn man ihre Geschichte hört, möchte man die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Es ist wie eine Geschichte aus dem Krieg, nur dass es jetzt ein großer Waldbrand war, der ihr Lebenswerk zerstörte: eine Artisten- und Tanzschule in der Türkei mitten auf dem Land. „Tadah – Artist Habitat“, haben sie ihre Schule genannt.

Waldbrände in der Türkei: Künstlerpaar aus dem Kreis Kassel verliert Artisten- und Tanzschule

Aufgebaut hatten sie ihren Traum nahe Antalya an der Südküste. Das Dorf hieß Kalemler, rund 20 Autominuten vom Küstenort Side entfernt. Es existiert nicht mehr, 60 Häuser verbrannten im Feuer. In direkter Nachbarschaft lebte die Familie Rautert in einem Landhaus. Die Groß- und Urgroßeltern von Deniz lebten schon darin. Das verwunschene Gebäude mit Bassin im Garten war schon fast wie eine Villa. Es war von Palmen, blühenden Obstbäumen und einem liebevoll gepflegten Permakultur-Garten umgeben.

Dort verwirklichten Till und Deniz ihre Ideen. Sie errichteten aus Stahlprofilen ein über sieben Meter hohes Studio zum Trainieren von Jonglage und Luftakrobatik, aus Holz baute Till mehrere kleine Häuser, um die ganzen Seminar-Teilnehmer unterbringen zu können – „alles in Eigenarbeit und mit einem Minimum an Mitteln“.

Till Rautert mit seiner Frau Deniz und den beiden Kindern Tao und Doa im Garten der Anlage.

Till, der Artist, und Deniz, die Tänzerin, waren dort mehr als nur Lehrer und Workshop-Leiter für verschiedene Bewegungskünste. Sie waren kreative Geister, Inspirationsquelle und Wegbereiter für Hunderte von Gästen, Schülern und Volontären, die sie in den vergangenen Jahren bei sich hatten. Sie lebten und lehrten einen naturnahen, alternativen und performativen Ansatz. So wie sie in ihrer Kunst Emotionen, Situationen, Geschichten und Charaktere in Bewegung, Tanz und Artistik übersetzten, gestalteten sie ihr Leben – jeden Tag eine kleine Erfindung, eine kleine Idee, ein neues Ziel; ein ebenso offener wie auch kreativer und selbstbestimmter Weg. In Kalemler war das möglich, eine Oase der Freiheit ohne irgendwelche Vorgaben.

Paar war im Kreis Kassel als sie von den Waldbränden in der Türkei erfuhren

Von der Vernichtung dieses Traumes durch den Waldbrand erfuhren sie am Telefon. „Es brennt, es brennt, was soll ich retten?“, brüllte ein Freund in den Hörer, der in Kalemler geblieben war. Till und Deniz waren gerade in Heiligenrode, um Tills Eltern zu besuchen. Das war Ende Juli. Das Telefonat wurde jäh von türkischen Polizisten unterbrochen. „Raus hier, raus hier“, schrien sie hörbar durch das Telefon. Die Feuerwehr konnte schon nicht mehr kommen, sie war bereist Opfer der Flammen geworden.

Obwohl Till nicht dabei war, läuft die Zerstörung bis heute wie ein Film vor seinen Augen ab. „Es ist ein Albtraum“, sagt er. Einige Tage später dann vor Ort die Realität. Nichts, aber auch nichts hat das Feuer übrig gelassen. Selbst das Landhaus existiert nicht mehr. Es wurde inzwischen von Bulldozern wegen Einsturzgefahr niedergerissen.

Kreis Kassel: Familie empfindet „totale Leere“ nach Waldbränden in der Türkei

„Wir erlebten die totale Leere“, sagt Till. Nichts von all dem sei versichert gewesen. „Wir waren naiv! Typisch Künstler eben“, sagt er. Er weiß, in Deutschland wären sie jetzt ein Sozialfall. Aktuell leben sie zu viert bei Deniz Vater in Side in einer kleinen Einliegerwohnung.

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Jetzt, gut vier Wochen nach der Katastrophe, scheint sich die Leere langsam wieder zu füllen – mit Hoffnung. „Tatsächlich haben sich inzwischen viele Menschen bei uns mit Hilfsangeboten gemeldet – Freunde, Bekannte und Leute, die mal bei uns waren.“ Einer hat im Internet sogar einen Spendenaufruf gestartet. Inzwischen ahnen sie, dass das Feuer ihrer Familie zwar sehr viel, aber nicht alles genommen hat. Übrig geblieben sind helfende Freunde. Und ihre eigene Lebenskunst, aus fast nichts Neues zu schaffen. „Doch steht uns noch ein sehr langer Weg bevor“, sagt Till. Er hofft, dafür die Kraft zu haben. (Boris Naumann)

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