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Kritik am Sandershäuser Berg: Bürgermeister rechtfertigt Pläne

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Von: Boris Naumann

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Blick auf den Sandershäuser Berg: Die geplante Erweiterung des Gewerbegebiets würde sich links der großen SMA-Freifläche am linken Bildrand anschließen. Für die Pläne gibt es eine breite politische Mehrheit in Niestetal – aber auch einige kritische Stimmen – wie die der WiN-Fraktion.
Blick auf den Sandershäuser Berg: Die geplante Erweiterung des Gewerbegebiets würde sich links der großen SMA-Freifläche am linken Bildrand anschließen. Für die Pläne gibt es eine breite politische Mehrheit in Niestetal – aber auch einige kritische Stimmen – wie die der WiN-Fraktion. © Ruth Brosche

Das Gewerbegebiet Sandershäuser Berg soll erweitert werden. Es gibt aber auch Kritik an dem Vorhaben. Bürgermeister Marcel Brückmann rechtfertigt die Pläne im Gespräch mit unserer Zeitung.

Niestetal – Mit der geplanten Erweiterung des Gewerbegebietes Sandershäuser Berg um 22 Hektar hat Niestetal Großes vor. Vor allem die Ansiedlung der Firma Winkler, die dort auf rund 15 Hektar ein Großhandelszentrum für Nutzfahrzeugteile mit einem bis zu 35 Meter hohen Lagerkomplex errichten möchte, wird das Areal prägen.

Niestetal sucht neue Einnahmenquellen, um zu vermeiden, dass Gewerbe- und Grundsteuern weiter steigen. Soziale Angebote sollen erhalten bleiben, gleichzeitig sind kostenintensive Projekte zu bezahlen – der Schwimmbadneubau, die Sanierung der Mehrzweckhalle und der Feuerwache sowie der Bau des siebten Kindergartens.

Im Gegenzug für die Gewerbegebietserweiterung sollen ökologische und energetische Standards etabliert werden, „die in 20 Jahren noch nicht überholt sind“, wie Bürgermeister Marcel Brückmann (SPD) sagt. Aktuell steht politisch eine große Mehrheit hinter diesem Konzept – SPD, CDU und Grüne haben sich wiederholt für die Erweiterungspläne ausgesprochen. Doch gibt es auch kritische Stimmen – wie von der WiN-Fraktion, die mit vier von 31 Sitzen im Gemeindeparlament vertreten ist. Was sagt Marcel Brückmann zu folgender Kritik?

Wird durch die Flächenversiegelung eine Frischluft-Entstehungszone verschwinden?

Auch Brückmann erkennt die Problematik. Doch zeige ein Gutachten, dass sich die geplante Bebauung dort „besonders für Sandershausen klimatisch nicht erheblich auswirken wird“, sagt Brückmann. Stattdessen seien die größten klimatischen Veränderungen direkt im und rund um das Plangebiet zu erwarten. „Deshalb setzen wir fest, dass dort Dächer und Fassaden begrünt, Straßen durch viele Bäume beschattet und viele helle Oberflächenmaterialien verbaut werden.“

Kanäle werden Regenwasser nicht mehr bewältigen können. Drohen Überschwemmungen im Dorf?

Die Geologie am Sandershäuser Berg erlaube wegen des Sandsteinuntergrunds ohnehin keine großen Versickerungsraten. Dennoch soll es Maßnahmen geben, um Niederschlagswasser vor allem von überbauten Bereichen zurückzuhalten. „Das müssen wir auch tun wegen des dortigen Wasserschutzgebietes“, sagt Brückmann. So soll Regenrückhaltung durch begrünte Dächer und durch Sammelanlagen mit gedrosselter Abgabe passieren. Regenwasser soll für Toiletten, für die Bewässerung von Grünflächen, aber auch zur Kühlung genutzt werden.

Gefährden weitere Versieglungen das Grundwasser?

Weil das Plangebiet in einem Wasserschutzgebiet liege, „greifen hier besondere Vorgaben“. Diese Vorgaben seien für jeden verpflichtend, „das gilt auch für unseren Bebauungsplan, um die Qualität des Grundwassers eben nicht zu gefährden“.

Die Schäden für Flora und Fauna sind riesig. Am Sandershäuser Berg leben geschützte Vogelarten.

„Die dort lebenden Arten wurden erfasst, Artenschutzmaßnahmen werden derzeit gemäß anerkannter Leitlinien ausgearbeitet“, sagt Brückmann. Vor allem die Feldlerche stünde im Fokus. Als Ausgleich für diese Art seien extensiv bewirtschaftete Grünlandflächen bereitzustellen. „Das wollen wir hier in Niestetal leisten.“ Dies werde auch anderen Arten, wie Insekten zugutekommen.

Wird durch das Gewerbegebiet das dortige Naherholungsgebiet zerstört?

„Bereits jetzt ist der Erholungswert der Fläche allein durch die sechsstreifige A 7 eingeschränkt“, sagt Brückmann. Zudem werde SMA noch in diesem Jahr auf ihrer Fläche auf 4,7 Hektar eine neue Gigawatt-Fabrik errichten. „Das Gebiet ist im Regionalplan als Vorranggebiet für Gewerbe ausgewiesen“, erinnert Brückmann. „Wir bewegen uns also in einem bereits vorbelasteten Bereich. Dafür erschließen wir keine neuen, unbelasteten Flächen.“

Durch das geplante, 35 Meter hohe Lager wird das Landschaftsbild zerstört.

„Eine Beeinträchtigung des Landschaftsbildes durch ein Hochregallager ist nicht vermeidbar“, räumt Bürgermeister Brückmann ein. Jedoch könnten die visuellen Auswirkungen durch Optimierung des Standorts, Ausrichtung und äußere Gestaltung des Gebäudes reduziert werden. „Dies spielt bei den Planungen eine große Rolle“, sagt er. In jedem Fall sei zu bedenken, dass ein Verzicht von Höhe in der Konsequenz zu mehr Flächenverbrauch führe.

In einem Hochregallager entstehen nicht so viele Arbeitsplätze, wie es die Gemeinde annimmt.

„Winkler wird an diesem Standort nicht nur ein Hochregallager errichten, sondern auch eine Ersatzteilefertigung, ein Schulungscenter und einen Kundendienst mit Ladengeschäft“, erklärt Brückmann. Mit bis zu 350 Beschäftigten werde Winkler etwa 24 Menschen pro Hektar in Lohn und Brot haben. Das sei ein Wert ähnlich dem im Gewerbegebiet Waldau.

Verbleiben tatsächlich nur 20 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen bei der Gemeinde?

„Bei der Erweiterung handelt es sich um ein interkommunales Gewerbegebiet“, erklärt Brückmann. 50 Prozent der Einnahmen stünden der Gemeinde zu. Die anderen 50 Prozent gingen an die Zweckverbandskommunen. „Jeder Euro, der den anderen Kommunen zufließt, stärkt den Landkreis Kassel, was wiederum allen nutzt – weil dadurch zum Beispiel die Kreis- und Schulumlage gesenkt werden kann.“ Tatsächlich verblieben im schlimmsten Fall nur 21 Prozent des Steueraufkommens in Niestetal. „Jedoch bekommen wir dafür auch Steueranteile aus dem interkommunalen Gewerbegebiet GVZ“, sagt Brückmann. Das Verteilen von Lasten und Gewinnen sei eine Grundidee der interkommunalen Zusammenarbeit. Damit würden alle beteiligten Kommunen von den verschiedenen Entwicklungschancen der jeweils einzelnen Kommunen profitieren.

Nicht zuletzt gibt es keine genauen Gutachten zur künftigen Verkehrs- und Lärmentwicklung.

„Das ist nicht korrekt“, sagt Brückmann. Es liegen ein Verkehrsgutachten, ein archäologisches Gutachten und ein Klimagutachten vor. Ein Lärm- und ein Bodengutachten sind in Bearbeitung. „Das Verkehrsgutachten zeigt, dass vorhandene Verkehrswege den zu erwartenden Mehrverkehr noch gut aufnehmen können.“

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