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Schockanruf verfehlte Wirkung

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Von: Valerie Schaub

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Symbolbild Telefonbetrug
Schockanruf: Ein Mann aus Niestetal sollte eine Kaution bezahlen, damit seine Tochter nicht inhaftiert werde. Dabei hat er keine Kinder. © Julian Stratenschulte/dpa

Mit sogenannten Schockanrufen bringen Betrüger regelmäßig Senioren um ihr Geld: Sie überweisen höhere Geldsummen, im Glauben, enge Angehörige zu retten. Ein Niestetaler ließ die Betrüger ins Leere laufen.

Niestetal – Am Telefon zu erfahren, dass das eigene Kind einen Unfall mit Schwerverletzten oder gar Toten verursacht hat – in der Situation möchte niemand sein. Immer wieder machen sich Trickbetrüger diese Masche aber zunutze, um an das Geld ihrer Opfer zu gelangen – sie sollen eine Kaution bezahlen, um eine Haftstrafe zu verhindern.

Bei Hans D. Baumann aus Niestetal hatten sie damit keine Chance. Denn Baumann hat keine Kinder. Als am vergangenen Sonntagabend eine „bitterlich weinende“ Frau gegen 22 Uhr am Telefon behauptet, seine Tochter zu sein, ist ihm schnell klar, was los ist. Von sogenannten Schockanrufen hatte Baumann hin und wieder gelesen.

Trotzdem spielt der 72-Jährige das Spiel mit. Er denkt: „Je länger ich die Betrüger in ein Gespräch verwickele, desto weniger Schaden können sie woanders anrichten.“ Er bleibt also in der Leitung. Die Stimme am anderen Ende schildert, dass sie einen schweren Unfall verursacht hat. Baumann denkt sich einen Namen für seine fiktive Tochter aus. „Maria?“, fragt er. „Ja“, schluchzt es aus dem Hörer. Baumann soll dann mit dem Polizeikommissar sprechen. Der verbietet ihm mit jemand anderem über dieses Gespräch zu reden – das seien die Datenschutzrichtlinien. Er wird gefragt, in welcher Beziehung er zu der Frau stehe und wo sie sich normalerweise aufhalte.

Seine Tochter habe einen Unfall verursacht, bei dem eine Mutter von kleinen Kindern gestorben sei, sagt der Mann. Deshalb werde sie am nächsten Morgen dem Haftrichter vorgeführt. Baumann täuscht Entsetzen vor und fragt, ob die Tochter den Unfall mit dem schwarzen Golf verursacht habe. Wieder eine Info, die er sich ausdenkt. Der falsche Polizist bestätigt das. Der Vater könne eine Inhaftierung abwenden, indem er eine Kaution von 75 000 Euro hinterlege.

Als Baumann sagt, dass er soviel Geld nicht hat, sondern lediglich ein paar Hundert Euro, fragt der Mann nach Wertsachen: Goldmünzen oder Schmuck. Baumann verspricht, mit allem, was er finden kann, vorbeizukommen, und fragt nach einer Adresse. Der Anrufer wird ungehalten: „Ich stelle hier die Fragen!“ Dann nennt er das Polizeirevier in Kassel. Als Baumann lediglich zwei Goldmünzen in Aussicht stellt, legt der Anrufer auf.

Baumann hat den Fall der Polizei gemeldet. Das ist auch richtig, sagt Polizeisprecherin Ulrike Schaake. Jede Information helfe den Ermittlern. Tatsächlich wird nur ein Teil aller Fälle gemeldet. „Scham ist ein großes Problem“, sagt Schaake. „Manche geben ihr gesamtes Geld an Betrüger.“ Im Nachhinein könnten viele selbst nicht verstehen, wie es dazu gekommen sei.

Meist agieren die Täter in Banden, erklärt Schaake. Geschulte Leute rufen aus Callcentern im Ausland an und täuschen inländische Nummern – manchmal sogar die der Polizei – mit einer Software vor. Oftmals suchten sie sich Nummern aus Telefonverzeichnissen heraus, die älter klingenden Namen zugeordnet sind.

Nicht selten werden die Senioren über Stunden am Telefon gehalten. „Die Täter wollen damit sichergehen, dass bis zur Geldübergabe keine Angehörigen oder die Polizei verständigt werden. Vor allem die Verpflichtung zur Verschwiegenheit führt oft zu einer starken Verunsicherung“, erklärt Schaake.

Die Betrugsmasche Schockanruf habe zuletzt zugenommen. Allein im Juli gingen rund drei Dutzend Mitteilungen für Stadt und Kreis ein. Ein Großteil der Opfer durchschaue den Trick. Vor ein paar Jahren seien andere Maschen wie der Enkeltrick und falsche Polizisten, die vorgeben, Wertsachen in Sicherheit zu bringen, gängiger gewesen. Mittlerweile forderten Anrufer auch mehr Geld, oft eine fünfstellige Summe. Laut Zahlen des Landeskriminalamts haben Täter mit Telefonbetrug ihre Opfer in Hessen im vergangenen Jahr um insgesamt mehr als 21,74 Millionen Euro gebracht.

Dabei sind sie äußerst kreativ. Einer Baunataler Seniorin bestellten Betrüger im Mai 2021 sogar ein Taxi, damit sie eine fünfstellige Kautionssumme bei der Bank abholen konnte.

Wie verhalte ich mich richtig bei Schockanrufen? Polizei gibt Tipps

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