Unternehmen steht erneut ein Umbau bevor

Vorstandssprecher Urbon verlässt SMA: Konzern macht bisher keine Angaben zu Gründen 

+
Pierre-Pascal Urbon hat sein Amt als Vorstandssprecher des Solartechnikherstellers SMA niedergelegt.

Der Vorstandssprecher des Niestetaler Solartechnikherstellers SMA, Pierre-Pascal Urbon, hat sein Amt überraschend mit sofortiger Wirkung niedergelegt und scheidet „auf eigenen Wunsch“ zum Jahresende aus.

Der Artikel wurde am 16. Oktober um  7.20 Uhr aktualisiert. Das teilte das Unternehmen am Montagnachmittag mit. Zu den Gründen machte SMA zunächst keine Angaben.

Ihm folgt Dr. Jürgen Reinert, der künftig neben den Bereichen operatives Geschäft und Technologie auch Vertrieb und Service führen wird. Ulrich Hadding ist weiterhin für die Ressorts Finanzen, Personal und Recht verantwortlich und übernimmt zusätzlich die Kapitalmarkt-Kommunikation. Reinert und Urbon waren bisher nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Urbon war 2005 zu SMA gekommen und 2006 in den Vorstand eingezogen. 2011 folgte der heute 47-Jährige dem Anfang 2015 verstorbenen Mitgründer Günther Cramer als Vorstandssprecher. Urbons Rückzug steht offenbar in Verbindung mit einer vor fast drei Wochen ausgesprochenen Umsatz- und Gewinnwarnung sowie der Ankündigung eines erneuten Personalabbaus. SMA hatte vor drei Jahren 1200 Stellen gestrichen.

Der Konzern steht vor einem Umbau. Ende September hatte SMA die Prognose für das laufende Jahr gesenkt. 2018 werde der Umsatz nur noch 800 Millionen bis 850 Millionen Euro betragen statt bis zu einer Milliarde Euro. Das Unternehmen hatte deshalb einen Stellenabbau angekündigt, ohne Details zu nennen.

SMA kämpft mit einem Preisverfall, weil chinesische Hersteller verstärkt auf die internationalen Märkte drängen. Im kommenden Jahr rechnet SMA Solar wieder mit besseren Geschäften. Die SMA Solar Technology AG hat 3200 Mitarbeiter, 2100 davon in Deutschland.

Rückblick: Umsatzeinbruch und Stellenabbau

Als der damals erst 40-jährige Pierre-Pascal Urbon 2011 in die großen Fußstapfen des SMA-Mitgründers und Visionärs Günther Cramer stieg, war die Zahl der Skeptiker, die ihm eine solch schwere Aufgabe nicht zutrauten, groß. Aber der jugendlich wirkende Finanzfachmann, der seit Ende 2005 die Internationalisierung des bis dahin national agierenden Wechselrichter-Herstellers vorangetrieben und den Börsengang von SMA Mitte 2008 maßgeblich vorbereitet hatte, wuchs an seinen Aufgaben.

Dabei hatte er allerdings wenig Glück. Nur kurze Zeit nach Übernahme des Ruders beim einstigen Vorzeige-Unternehmen der Branche fingen die Probleme an. Die Deutschen kappten die Solarstromförderung unerwartet schnell und hart, was zu einem dramatischen Umsatzeinbruch im Inland führte. Gleichzeitig erstarkte die chinesische Konkurrenz, die nicht nur den eigenen Markt abschottete, sondern auch damit begann, die Welt mit staatlich subventionierter Billigware zu fluten.

Verlässt SMA auf eigenen Wunsch: Vorstandssprecher Pierre-Pascal Urbon.

In der Folge rutschte SMA quasi über Nacht tief in die roten Zahlen und holte vor vier Jahren zu einem Befreiungsschlag in Form eines Radikalumbaus aus, dem 1200 Stellen zum Opfer fielen. Urbon gelang in enger Kooperation mit Betriebsrat, Gewerkschaft und Arbeitsagentur ein sozial verträglicher Abbau, bei dem hohe Abfindungssummen flossen und am Ende wegen der hohen Nachfrage nach Fachkräften nur einige wenige Dutzend Betroffene in der Erwerbslosigkeit landeten.

Danach kehrte erst einmal Ruhe ein. Sie erwies sich allerdings als trügerisch. Im Frühjahr kündigte sich ein erneuter, massiver Preiskampf auf dem Wechselrichtermarkt an. Weil die Chinesen die eigenen Solarausbauziele radikal kürzten, drängen die Hersteller aus Fernost mit noch ruinöseren Preisen in die Märkte, um ihre Riesenkapazitäten auszulasten. Und ein Ende der Abwärtsspirale ist nach Einschätzung der Branche nicht in Sicht.

SMA beschäftigt zurzeit 4000 Mitarbeiter 

SMA kündigte daraufhin ein neues Umbauprogramm mit einem weiteren, noch nicht näher bezifferten Personalabbau an. Zurzeit beschäftigt SMA 4000 Mitarbeiter, davon 2800 am Unternehmenssitz und davon wiederum 600 Leihkräfte. Gut möglich, dass sich Urbon die neue, kraftzehrende Ochsentour nicht noch einmal zumuten will. Zumindest spricht derzeit wenig dafür, dass er seinen Posten unfreiwillig räumt. Anderenfalls würde er wohl kaum bis Jahresende an Bord bleiben.

Und die Erklärung des Aufsichtsratsvorsitzenden, Dr. Erik Ehrentraut, lässt ebenso wenig auf einen Eklat schließen. „Wir danken Pierre-Pascal Urbon sehr für seinen erfolgreichen Einsatz für SMA über die vergangenen 13 Jahre. Er hat das Unternehmen geprägt und maßgeblichen Anteil am Erfolg der letzten Jahre. Ich bedauere sehr, dass er SMA verlässt“, so der Oberaufseher der Niestetaler.

Auch die Erklärung von SMA-Mitgründer und Aufsichtsratsmitglied Peter Drews klingt nicht nach einem Zerwürfnis: „An dem gelungenen Börsengang, den Unternehmenskäufen der letzten Jahre und der strategischen Neuausrichtung hat Pierre-Pascal Urbon maßgeblich mitgewirkt und damit dazu beigetragen, dass SMA strategisch und finanziell gut aufgestellt ist. Die SMA-Gründer danken ihm für die sehr gute Leistung.“

Jürgen Reinert ist neuer Vorstandssprecher

Nun sollen der neue Vorstandssprecher, Dr. Jürgen Reinert (50), und Finanzchef Ulrich Hadding SMA in die Zukunft führen. Aufsichtsratschef Ehrentraut jedenfalls nennt Reinert den „idealen Nachfolger“ und einen „hervorragenden Manager“, der den laufenden Umbau des Unternehmens zu einem Energiedienstleister und Datenhändler maßgeblich mitgestaltet. Gleichzeitig stehe Reinert, der vor sieben Jahren zu SMA kam, für Kontinuität. Er genieße das volle Vertrauen des Aufsichtsrats.

Die seit Monaten schwächelnde SMA-Aktie reagierte mit einem Kursverlust auf die wichtige Personalie: Bis 17.15 Uhr gab sie gut drei Prozent auf 18,60 Euro nach.

(mit dpa) 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.