Formulierungen in Texten für Wanderer entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist

Streit in Niestetal um Info-Tafeln am Wegesrand

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Rastplatz auf dem Weinberg östlich von Heiligenrode: Die dort aufgestellte Texttafel von Peter Rode behandelt – offenbar als Mahnung zu verstehen – den „Wander-Flegel“, und damit einen Wanderer, der sich nicht adäquat in der Natur zu benehmen weiß.

Niestetal – „Es gibt keine größere Macht als den warmen Atem der Großmutter“, „Die Familie ist die letzte Bastion der Vernunft“ und „Wer zu Schmeicheln versteht, versteht auch zu verleumden“: Es sind Sätze wie diese, die wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen.

Zu lesen sind sie auf Schrifttafeln, die an 15 Stellen in Niestetal meist in freier Feldflur an landschaftlich reizvollen Stellen aufgestellt sind. Bis heute sollen sie Wanderer und Spaziergänger zum Lesen und Nachdenken anregen.

All diese Texttafeln waren vor über 17 Jahren von dem inzwischen verstorbenen Peter Rohde in Eigenleistung und überwiegend ohne finanzielle Unterstützung aufgestellt worden. Die Texte stammen meist aus eigener Feder oder bilden Textpassagen bekannter Autoren oder Persönlichkeiten ab. Sie haben daher nicht immer etwas mit „Informationstafeln“ als viel mehr mit der Darstellung persönlicher Ansichten oder quasi-philosophischer Ergüsse zu tun.

Das Besondere dabei: „Viele dieser Texttafeln tragen das Logo der Gemeinde Niestetal“, sagt Barbara Elsas, Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Niestetaler Gemeindeparlament – was in keiner Weise mehr zu einer modernen und aufgeschlossenen Kommune passe.

„Hier werden vorgestrige Gesellschafts- und Familienbilder propagiert, die inzwischen wohl kaum mehr die Zustimmung der Gemeindevertreter oder der Spaziergänger bekommen würden.“ So regten die Schilder zwar zum Nachdenken an – „aber nicht über den Text, sondern darüber, wer so etwas öffentlich aufstellt“, sagt Elsas.

Tatsächlich waren die Schilder seinerzeit in Abstimmung mit der Gemeinde und mit ausdrücklicher Genehmigung des damaligen Bürgermeisters Rudi Merwar aufgestellt worden. Sie stehen nach wie vor auf Gemeindegrund und gehören deshalb auch der Gemeinde. Inzwischen jedoch sind einige dieser Texttafeln stark verwittert oder beschädigt, sodass sie kaum noch lesbar sind. Grund genug für die Grünen, „die Schilder endlich einmal ganz abzubauen“.

SPD und CDU sehen das anders. Denn Peter Rohde war auch Naturschützer. Er hatte sich vielfältig für die Gemeinde engagiert und war in viele Naturschutzprojekte eingebunden. Er hatte an verschiedenen Stellen in Niestetal Bäume auf eigene Kosten nach vorheriger Absprache mit der Verwaltung gepflanzt und Benjes-Hecken (Totholzhecken) sowie Insektenhotels angelegt.

Bis heute tauscht die Gemeinde daher defekte Texttafeln aus. Der große Fundus an noch vorhandenen Infotexten von Peter Rohde lässt diese Vorgehensweise zu.

Inzwischen gibt es nun einen mehrheitlichen Beschluss der Gemeindevertretung mit den Stimmen von SPD und CDU, dass die aufgestellten Holztafeln noch so lange genutzt werden, bis diese abgängig sind. Während dieser Zeit werden diese weiterhin, soweit erforderlich, mit Rohde-Texten bestückt – allerdings dann ohne das Logo der Gemeinde.

Mit dieser Entscheidung werden die Grünen, die einen kompletten Abbau der Texttafeln eingefordert hatten, nun leben müssen. Aber vielleicht fällt es ihnen doch nicht so schwer. Denn Rohde hält auch Sätze bereit, die durchaus auch der Feder moderner zivilisationskritischer Geister entspringen können – zum Beispiel, dass gegenwärtig und global die größte Massenvernichtung von Leben durch den Menschen begonnen hat. Dieser Text ist ein Zitat des 2002 verstorbenen Prof. Willi Ziegler, dem ehemaligen Direktor der Senckenberg--Gesellschaft für Naturforschung mit Sitz in Frankfurt. Die Texttafel steht ganz am Ende der Breiten Straße am Fuße des Kacksberges an der Weggabelung nach Niederkaufungen.

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