Seine Orgeln stehen in 26 Ländern

Tag des Handwerks: Orgelbaufirma aus Niestetal fertigt Instrumente

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Betreibt die Werner Bosch Orgelbau GmbH in dritter Generation: Martin Bosch ist mit der Firma aufgewachsen. Sein Weg war damit vorgezeichnet, wie er sagt.

Die Orgel gilt als Königin der Instrumente und ist aus unseren Kirchen nicht wegzudenken. Bei der Werner Bosch Orgelbau GmbH aus Niestetal sind die Instrumente Alltag.

Niestetal – Tausende Teile sind in ihr verbaut, unterschiedliche Materialien müssen zusammengefügt werden, um das Instrument zu fertigen.

„Der Job des Orgelbauers ist unheimlich vielseitig“, sagt Geschäftsführer Martin Bosch, der den Betrieb bereits in der dritten Generation führt und Chef von 20 Mitarbeitern ist. „Wir machen alles, von Erstgesprächen mit den Kunden, Planung und Zeichnung der Orgel bis zum Bau.“

Er selbst bezeichnet sich zwar als „Handwerker durch und durch“, ist aber an allen Schritten des Orgelbaus beteiligt. „Man muss sich musikalisch schon ein bisschen auskennen und auch wissen, was eine barocke und was eine gotische Kirche ist“, fasst er zusammen. In Steinkirchen würden zum Beispiel andere Kriterien für eine Orgel gelten als in Holzkirchen.

Orgelbau international: Arbeit führt Orgelbauer oft ins Ausland

Seit 17 Jahren Orgelbauer: Thomas Heinemann zeigt, wo die Orgelpfeifen gegossen werden.

Seine Arbeit führt ihn oft ins Ausland – meist nach Korea und Japan. „Dort werden noch neue Orgeln bestellt, hier in Deutschland sind wir eher mit Restaurieren und Rekonstruieren der Instrumente beschäftigt.“ Auch die Reparatur einzelner Teile gehört zu den Aufgaben des Betriebs.

Und die Wartung: „Wir haben circa 700 Orgeln in Pflege.“ Spannend findet der Niestetaler alle Arbeitsfelder. „Wenn eine neue Orgel, die wir gebaut haben, das erste Mal erklingt, ist das schon ein ganz besonderes Gefühl“, sagt der 49-Jährige. Aber auch die Recherche zur Geschichte eines alten Instruments, was bei Restaurierungen wichtig werde, sei sehr interessant. „Jede Orgel ist individuell, es gibt keine identischen. Das macht den Reiz aus.“

Spannendstes Projekt bisher: Die Restaurierung und Erweiterung der Voigt-Orgel

Eines der bisher spannendsten Projekte des Betriebs war die Restaurierung und Erweiterung der Voigt-Orgel von 1860 in der Evangelischen Kirche Naststätten (Rheinland-Pfalz). „Für diese Arbeit mussten wir viel recherchieren, weil es keine Referenzinstrumente gab, an denen wir uns orientieren konnten.“

Diese fertige Orgel ist ein Ausstellungsstück.

Bis eine neue Orgel fertig ist, dauert es bis zu einem Jahr. Die Kosten: „Für eine gängige Größe etwa 150 000 bis 200 000 Euro“, sagt der Fachmann. Nach oben sei die Grenze offen. Das teuerste Instrument, das er je gebaut hat, kostete 1,2 Millionen Euro. Kunden seien hauptsächlich Kirchen, aber auch Musikschulen und ab und zu Privatleute. 

In all den Jahren, in denen es die Bosch GmbH jetzt schon gibt, habe sich der Markt komplett geändert. „Die Aufträge für Neubauten sind stark zurückgegangen. Deshalb mussten wir den Betrieb auch umstrukturieren.“ In Spitzenzeiten arbeiteten noch 85 Beschäftigte im Betrieb, Ende der 80er-Jahre 40, heute nur noch die Hälfte davon.

Bei Orgelbau Bosch wird noch fast alles selbst gemacht

Trotz der verringerten Mitarbeiterzahl wird bei Bosch fast alles selbst gemacht. Die Platten aus einer Zinn-Blei-Legierung, aus der später die Orgelpfeifen gerollt werden, werden zum Beispiel in der Niestetaler Werkstatt gegossen. „Damit sind wir einer der wenigen Betriebe in Deutschland, die das selbst machen“, erklärt Bosch den Prozess.

Neben den Pfeifen, dem Gehäuse aus heimischen Hölzern und den Klaviaturen, die zum Teil aus Rinderknochen bestehen, sind in einer Orgel noch weitere, ungezählte Teile verbaut. „Wie viele genau kann ich nicht schätzen. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll“, sagt Bosch. Er kennt aber jedes Einzelne. „Hier hat zwar jeder sein Spezialgebiet, aber zumindest Grundkenntnisse braucht es immer in allen Bereichen.“

Seit 1955 ist der Firmensitz in Sandershausen

1945 kehrt Werner Bosch aus der Kriegsgefangenschaft heim nach Kassel. Als gelernter Orgelmacher beginnt er in bescheidenen Verhältnissen mit der Reparatur von Orgeln. Seine erste Werkstatt ist der Nebenraum einer Gastwirtschaft. 1954 kauft er in Sandershausen ein Grundstück und verlegt 1955 Werkstatt und Büro dorthin. 

Das Gebäude wird in der Folgezeit mehrfach erweitert. 1979 wird ein Ausstellungsraum, in dem auch kleine Konzerte stattfinden können, fertiggestellt. 1956 wird in der evangelischen Kirche in Leimsfeld die bereits 100. Orgel gebaut. Bosch-Orgeln stehen in 26 Ländern der Welt, vor allem in den USA, in Japan, Korea, der Schweiz und in Skandinavien. 

Die Firma wird heute von Martin Bosch in dritter Generation geführt. Im Unternehmen wird auch regelmäßig ausgebildet, zurzeit sind zwei Lehrlinge im Betrieb beschäftigt. Auszubildende zu finden, werde immer schwieriger, sagt Martin Bosch. „Wir spüren den Fachkräftemangel sehr."

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