Broschüre von Geschichtsverein 

Zeitzeugen: So war der Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg in Sandershausen 

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Seltenes Dokument der Zerstörung: Am 3. Oktober 1943 traf eine Bombe das Anwesen der Familie Dippel an der Lange Straße/Ecke Hannoversche Straße. Das Wohnhaus (im Bild ist nur noch der Treppenaufgang zu erkennen) sowie das Nebengebäude wurden total zerstört.

Niestetal. 36 Mal gab es in den Kriegsjahren Fliegeralarm an der Nieste. Wie Zeitzeugen die Bombenangriffe erlebten, das haben Sandershäuser jetzt in einer Broschüre festgehalten. 

„Die Stunde im Bunker war die Schlimmste, die Erde erzitterte, das Pfeifen der fallenden Bomben, und das Prasseln der Flammen währten endlos. Wir Kinder schrien in Todesangst. In dieser Nacht schrie ich für lange Zeit das letzte Mal. Die Todesangst hatte mir einen Schock versetzt, monatelang konnte ich nicht mehr sprechen“.

Sonntagabend, der 3. Oktober 1943 gegen 21 Uhr. Nicht nur für den damals sechsjährigen und inzwischen verstorbenen Georg Hellwig war der große Bombenangriff auf Sandershausen ein Albtraum. Er war eine Katastrophe für das ganze Dorf. Binnen 45 Minuten löschte er das alte Sandershausen komplett aus. Die Bilanz: 22 Tote, 156 zerstörte Häuser, 85 schwer beschädigt (damals gab es nur 380 Häuser in Sandershausen), 300 Familien mussten ihren Heimatort verlassen und anderswo Unterschlupf suchen.

Bomben zum Erntedankfest

Die Sandershäuser hatten eben erst ihr Erntedankfest gefeiert, als sich der Himmel mit dem Dröhnen britischer Bomber füllte. Die Sirenen heulten, alle rannten um ihr Leben. Keller und provisorische Erdbunker waren die Fluchtpunkte. Dann fielen die unzähligen Spreng- und Phosphorbomben. Die Sprengbomben sollten zunächst die Häuser in Stücke reißen, die Phosphorbomben dann das freigelegte Holz entzünden. Die brennenden Gebäude machten die Nacht taghell.

Das Perfide daran: Eigentlich galt der Angriff vom 3. Oktober Kassel. Doch weil die Zielmarkierung der Royal Airforce daneben ging, landete der Großteil der insgesamt 1500 abgeworfenen Sprengsätze auf freiem Acker – und auf Sandershausen. Getroffen wurden auch Heiligenrode, Wolfsanger, Ihringshausen und Niedervellmar.

Die gleiche Stelle heute: Im Vordergrund ist die Hannoversche Straße/ Ecke Lange Straße zu sehen. Das Foto entstand direkt neben der heutigen "Bücherstube". 

Damals hatten die Sandershäuser immer noch gehofft, von den Grausamkeiten des Bombenkriegs weitgehend verschont zu bleiben. Was von strategischer Bedeutung sollte man in Sandershausen auch zerstören wollen? Dass die für den 3. Oktober geplante Vernichtung Kassels (sie wurde dann am 22. Oktober nachgeholt) ganz nebenher Sandershausen traf, kam für viele unerwartet.

36 Mal Fliegeralarm

Dabei hatte das Dorf an der Nieste schon Luftangriffe erlebt – und sollte noch welche erleben: am 21. Juni 1940, am 22. Oktober 1943 (beim großen Angriff auf Kassel wurde Sandershausen noch einmal getroffen), am 22. September 1944 und noch einmal am 18. Oktober 1944. Insgesamt gab es während der Kriegsjahre 36 Mal Fliegeralarm. „Man kann behaupten, dass am Ende des Krieges in Sandershausen kaum noch ein Haus unversehrt war“, sagt Barbara Elsas vom Geschichtsverein Niestetal. 84,4 Prozent der Gebäude seien zerstört gewesen, von ehedem 2705 Einwohnern im Jahr 1939 waren nur rund 550 in Sandershausen geblieben.

„Es sind vor allem persönliche Erlebnisberichte wie die von Georg Hellwig, die die Grauen des Bombenkrieges besonders plastisch illustrieren“, sagt Elsas. Gemeinsam mit Günther Köhler und Jörg Hellwig hat sie deshalb zum 75. Jahrestag des großen Bombenangriffs auf Sandershausen noch einige Zeitzeugen befragt – und daraus eine rund 60-seitige Broschüre unter dem Titel „Wir hatten keine schöne Kindheit“ erstellt.

„Die Befragungen sind teilweise aktuell, teilweise schon etwas älter“, erklärt Elsas. Inzwischen seien einige der Zeitzeugen – so wie Georg Hellwig – auch schon verstorben. „Und die Übrigen sind eben schon sehr alt“. Es sei wahrscheinlich die letzte Möglichkeit gewesen, etwas vom Bombenangriff vom 3. Oktober 1943 aus direkten Quellen zu erfahren. Insgesamt elf Interviews hat der Geschichtsverein geführt, auch bleibt die Geschichte Heiligenrodes in den Kriegsjahren nicht außen vor. „Fotos gibt es aber nur sehr wenige“, sagt Elsass. „Damals war es bei Strafe verboten, zerstörte Häuser zu fotografieren“.

• Der Geschichtsverein Niestetal wird seine Broschüre „Wir hatten keine schöne Kindheit“ anlässlich der Gedenkstunde am 3. Oktober in der Sandershäuser Kirche vorstellen. 

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