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„Es ist erniedrigend“ - Aldi lässt Frau nicht auf die Toilette

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Von: Boris Naumann

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Christa Schmidt wird im Supermarkt der Gang zum WC verwehrt. Die Verbraucherzentrale Hessen klärt über Regelungen im Einzelhandel auf.

Niestetal – Christa Schmidt ist stinksauer: „Es ist nicht das erste Mal, dass man mich in einem Supermarkt nicht auf die Toilette gelassen hat“, sagt die 80-Jährige. Zuletzt sei ihr das in Niestetal im Aldi-Markt an der Hannoverschen Straße passiert. „Ich war nach dem Einkaufen schlicht in Not, doch man hat mich einfach stehen lassen“, schildert die Seniorin. „Zuerst wies mich ein Mitarbeiter ab, dann sogar der Filialleiter.“

Notgedrungen sei sie dann zum Edeka auf die andere Straßenseite gelaufen. „Ich wusste, die haben seit Kurzem wieder eine Toilette für Kunden“, sagt Schmidt.

Aldi sei aber kein Einzelfall. Auch anderswo in Niestetal oder in Kassel – egal in welchen Geschäften – habe man ihr schon den Zutritt zur Toilette verwehrt. „Als 80-Jährige ist es nicht immer so einfach, die Notdurft zu unterdrücken.“ Grundsätzlich mache sie sich keinen Spaß daraus, um den Toilettenschlüssel zu bitten. „Es ist erniedrigend, wenn es dringend ist und ich darum betteln muss.“

Nicht mehr allein der Preis und das Angebot entscheiden über den wirtschaftlichen Erfolg von Handelsunternehmen. „Dazu zählt auch der Service“, ist sich die Verbraucherzentrale Hessen sicher.
Nicht mehr allein der Preis und das Angebot entscheiden über den wirtschaftlichen Erfolg von Handelsunternehmen. „Dazu zählt auch der Service“, ist sich die Verbraucherzentrale Hessen sicher. © Jan Woitas/dpa

Nach Vorfall in Supermarkt: Mehr Kundennähe gefordert

Schmidt lehnt „dieses ignorante Verhalten“ schlichtweg ab und fordert deutlich mehr Kundennähe. Doch kann die Niestetalerin tatsächlich darauf bestehen?

Der Handelsverband Hessen verweist darauf, dass es im Handel – abgesehen von bauordnungsrechtlichen Vorgaben – keinen Zwang dazu gibt, eine öffentliche Toilette vorzuhalten. „Es obliegt der individuellen Entscheidung der jeweiligen Unternehmen, ob eine Kundentoilette angeboten wird und wie auf eine entsprechende Kundenanfrage reagiert wird“, sagt Katrin Raddatz, Referentin beim Handelsverband.

Das bestätigt auch die Verbraucherzentrale Hessen: „Ein pauschales Gesetz zur Toilettenpflicht im Einzelhandel gibt es bisher nicht“, sagt Peter Lassek, Rechtsanwalt bei der Verbraucherzentrale Hessen. Insofern dürfe der Einzelhandel Kunden den Gang zur Toilette verweigern – selbst wenn zuvor freundlich darum gebeten wurde. Das gilt für Supermärkte, Fachmärkte und Tankstellen.

Regelungen im Einzelhandel: Verbraucherzentrale Hessen klärt auf

„Zwar gibt es Vorschriften und baurechtliche Vorgaben, ab welcher Verkaufsfläche der Einzelhandel Kundentoiletten zur Verfügung stellen muss“, fügt Lassek an. Doch sei das nicht bundeseinheitlich geregelt. So stehe in Hessen der Handelsverband auf dem Standpunkt, die vorhandenen Kundentoiletten in den großen Kaufhäusern und Supermärkten seien bereits ausreichend. „Man befürchtet Probleme, wenn die mit bürokratischen Auflagen behafteten baulichen Maßnahmen auch kleineren Geschäften aufgezwungen werden“, sagt Lassek. Stattdessen verweise der Handelsverband darauf, es sei Aufgabe der Kommunen, verstärkt öffentliche Toiletten anzubieten.

In Bayern werde dagegen schon diskutiert, die Landesbauordnung zu ändern, damit den Bürgern ein solcher Rechtsanspruch zusteht. Dieser beziehe sich auf sanitäre Anlagen in Supermärkten. „Auch im Saarland geht die Tendenz zur Pflicht für die Kundentoilette im Einzelhandel“, sagt Lassek. In Berlin gebe es seit 2016 eine Toilettenpflicht für den Einzelhandel.

Auch wenn die Verbraucherzentrale Hessen die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen nicht weiter kommentieren will, herrscht die Einsicht: „Mit einer Kundentoilette machen Unternehmen ihre Kunden zu zufriedeneren Kunden. Und zufriedene Kunden kommen wieder“, sagt Lassek.

Supermarkt bedauert Vorfall mit Seniorin

Das bestätigten auch Verkaufsexperten. Der Service entscheide im Handel über den Erfolg. So sei die Marktkonkurrenz inzwischen riesig. „Und sie wird nicht mehr nur über Angebote und Preise, sondern auch über Servicequalität ausgetragen. Dazu gehören auch Kundentoiletten“, sagt Lassek.

Aldi-Nord zeigt im Fall von Christa Schmidt Verständnis. „Wir bedauern es sehr, dass die Kundin diese Erfahrung in unserer Filiale gemacht hat“, teilt Sprecherin Emily Rosberger mit. „Wir werden den Vorfall intern aufarbeiten und unsere Mitarbeiter nochmals sensibilisieren. Selbstverständlich sind unsere Mitarbeiter dazu angehalten, in solchen Ausnahmesituationen, Kunden die Personaltoilette anzubieten.“ (Boris Naumann)

Ein Jungdesigner aus Niestetal hat eine Kollektion herausgebracht. Dabei setzt er auf düstere Mode und möchte damit zum Nachdenken anregen.

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