„Bioprodukte sind eine Nische“

Zwei Landwirte diskutieren über die Zukunft ihres Berufs

Zwei Landwirte mit Zukunftssorgen: Katharina Hüppe bewirtschaftet mit ihrem Vater bei Wolfhagen auf 120 Hektar einen Ackerbaubetrieb und hält 3800 Legehennen. Erich Schaumburg betreibt Ackerbau mit einem Mitarbeiter auf Gut Windhausen bei Niestetal.
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Zwei Landwirte mit Zukunftssorgen: Katharina Hüppe bewirtschaftet mit ihrem Vater bei Wolfhagen auf 120 Hektar einen Ackerbaubetrieb und hält 3800 Legehennen. Erich Schaumburg betreibt Ackerbau mit einem Mitarbeiter auf Gut Windhausen bei Niestetal.

Zwei Generationen, zwei Ansätze, eine Mission: Katharina Hüppe und Erich Schaumburg wollen die Zukunft ihres Berufs sichern. Sie sind Landwirte aus Leidenschaft.

Beide betreiben Ackerbau, Hüppe in Wolfhagen auf einem Biolandbetrieb, Schaumburg bei Niestetal ohne Bio-Zertifizierung.

Bioprodukte sind immer gefragter. Herr Schaumburg, wann stellen Sie auf Bio um?
Erich Schaumburg: Wenn sich für mich oder meine Nachfolger ergibt, dass man auch mit Bioprodukten genug verdient, um den Betrieb über Generationen halten zu können. Ich sehe das für meinen Betrieb im Moment nicht. Durch nachhaltige Wirtschaftsweise bin ich genauso nah am Verbraucher und vermarkte meine Produkte auch regional, etwa bei der Pariser Mühle in Philippinenhof.

Aber es gibt ja Landwirte, die von Bio leben können.
Katharina Hüppe: Ja, aber die Frage greift zu kurz. Man muss bedenken: Bio-Produkte sind noch immer Nischenprodukte. Die Fläche und der Absatz steigen zwar, aber wir sind dabei immer noch im einstelligen Prozentbereich. Es scheint oft, als würden wir über gleiche Flächenverhältnisse sprechen.
Schaumburg: Das Nischenprodukt erreicht einen ordentlichen Preis. Aber wenn daraus das Standardprodukt wird, wird der Verbraucher nicht bereit sein, den höheren Preis zu zahlen. Wir diskutieren oft nur darüber, was gibt mir der Handel, aber nicht darüber, was wir bekommen müssen, um lebensfähig zu bleiben.

Wo sind die Preise denn zum Beispiel zu niedrig?
Hüppe: Jeder konventionelle Schweinehalter legt pro Kilogramm Fleisch aktuell einen Euro drauf. Der Milchpreis ist 10 Cent zu niedrig. Wir leben von der Substanz und das schon seit Längerem. Es wäre schön, zu sagen, 2030 haben wir 30 Prozent Bio. Aber das wird nicht funktionieren, ohne dass sich der Markt mit entwickelt. So einfach können die Betriebe auch gar nicht umstellen. Etwa, weil sie in der Übergangszeit drei Jahre zwar ökologisch und damit mit höheren Kosten produzieren, aber zu konventionellen Preisen verkaufen.

Mit mehr Bio-Betrieben würde auch der Preisdruck steigen.
Hüppe: Das sehen wir ja schon. Es werden Großbetriebe im Osten gebaut, die an das Maximum, was im Bio-Bereich erlaubt ist, rangehen. Die produzieren beispielsweise für Discounter. Natürlich wollen die bestimmte Mengen liefern. Da haben wir eine Glaubwürdigkeitsfrage. Ich möchte den kleinen ökologischen und den kleinen konventionellen Betrieb zu den Großen unterschiedlich behandelt wissen – etwa in der Wahrnehmung: Der große Betrieb ist nicht per se der bessere, nur weil er ökologisch zertifiziert ist. Größe muss nicht schlecht sein, aber kleine, vielfältige Betriebe tun oft mehr für die Artenvielfalt, etwa weil sie mehr Feldrandflächen haben.

Was müsste passieren, damit es sich lohnt, einen kleinen Betrieb zu führen?
Schaumburg: Es müsste eine Grundlage geben, mit der wir genug erwirtschaften können, um die Familie zu ernähren. Wenn ich ausreichende Preise bekomme, könnte ich mit weniger Fläche oder Tieren auskommen. Auch ein Kleinbetrieb mit 40 Hektar müsste davon leben können. Das wird die Politik aber nicht schaffen. Es gibt aber auch in der Landwirtschaft jene, die immer mehr wollen.

Also doch höhere Preise?
Schaumburg: Aus Sicht der Landwirte brauchen wir die. Allerdings sind wir auch Verbraucher. Auch wir stellen fest, die Tankfüllung kostet mehr, die Stromrechnung ist höher. Da gibt es eine Preissteigerungsspirale. Wie man die auflöst, weiß ich nicht.
Hüppe: Wir brauchen mehr Geld für unsere Produkte. Deutschland ist eines der Industrieländer, in denen die Menschen am wenigsten für Lebensmittel ausgeben. Es fehlt mir die Wertschätzung, wenn Leute sagen, ich kann eure 12,50 Euro für das Kilogramm Hähnchen nicht bezahlen, aber drei Autos fahren. Gleichzeitig ist klar, es kann sich nicht jeder leisten, es braucht auch einen sozialen Ausgleich.

Was würde außer höheren Preisen noch helfen?
Hüppe: Es ist nötig, dass Betriebe beim Umbau und bei technischer Innovation unterstützt werden. Viele haben nicht das Kapital, um für eine Million Euro den Stall umzubauen. Auch für Technik, die uns hilft, nachhaltiger zu arbeiten, braucht es Geld. Es ist nicht leicht, das aus dem normalen Tagesgeschäft zu finanzieren.

Schon jetzt wird stark subventioniert. Was läuft da falsch?
Hüppe: Etwa 50 Prozent des Einkommens eines Landwirts kommen aus Subventionen. Die 20 größten Empfänger sind Ministerien, Küstenschutz, große Agrarholdings und Erzeugergemeinschaften für Obst und Gemüse, keiner davon ist Landwirt. Es darf nicht mehr nur nach Fläche subventioniert werden, sondern auch nach Kriterien wie Tierwohl, Biodiversität und Klimaschutz.

Oft beschweren sich Bauern über zu viel Bürokratie.
Hüppe: Ich finde es legitim, sechs Milliarden Euro Förderung an Auflagen zu binden. Trotzdem dürfen keine Bürokratiemonster wie bei der Düngeverordnung entstehen. Es sollte um das Ergebnis gehen. Wir machen ganz viele Maßnahmen mit komplizierten und fehleranfälligen Antragsverfahren. Nachher guckt aber niemand: Ist da wirklich mehr Biodiversität auf der Fläche? Ich habe schon Blühstreifen gesehen, die nur gesät aber nicht gepflegt wurden. Und dann ist nichts aufgegangen. Trotzdem hat der Landwirt Geld bekommen.

Was müsste noch anders laufen?
Schaumburg: Wir alle brauchen einen großen Instrumentenkasten, aus dem wir verantwortungsvoll aussuchen können: Was passt zu meinem Betrieb und meiner Wirtschaftsweise.
Hüppe: Ich würde mir weniger starre Vorgaben und mehr Gestaltungsraum wünschen. Ich will, dass mir zugestanden wird, dass ich mit meinen Tieren verantwortungsvoll umgehe. Da werden die Gräben tiefer.

Was meinen Sie damit?
Hüppe: Es gibt oft eine Vorverurteilung: Tierhaltung kann gar nicht gut sein.
Schaumburg: Das hat auch mit der Weise zu tun, wie in Medien und Politik argumentiert wird. Nehmen wir den Begriff Massentierhaltung. Der wird oft benutzt, dabei ist gar nicht klar, wie er definiert ist. Es gibt Anträge im Kreistag dazu, dabei gibt es hier keine Massentierhaltung. Ich kenne Landwirte, die stehen so unter Druck, dass sie Tiere weggeben wollen, weil die Ansicht kursiert, Landwirte per se können Tiere nicht artgerecht halten oder quälen sie. Das macht doch hier keiner. Man sollte nicht ein paar schwarze Schafe verallgemeinern.

Sind Bauern also die Leidtragenden dieser Fehlinformationen?
Hüppe: Wir sind nicht nur Leidtragende. Wir können auch gestalten und haben zu Entwicklungen beigetragen. Dass es keine Rebhühner mehr gibt, hat mit der Landwirtschaft zu tun.
Schaumburg: Aber auch mit Leuten, die erwarten, alle Flächen für ihre Freizeitgestaltung nutzen zu können. Bei uns gibt es eine geschützte Fläche für Vögel. Das ist jetzt die Hundekackwiese schlechthin – ohne Vögel.
Hüppe: Wir haben auch Verantwortung. Unsere 3800 Hühner sind für viele Massentierhaltung, mit der Definition, dass das über den natürlichen Zustand hinausgeht. Dann sind schon 100 Tiere zu viele. Wenn wir aber die Hoftore öffnen, sind die Leute interessiert und gesprächsbereit. Es geht auch darum, dass wir Menschen mitnehmen. Dazu gehören Kommunikation und Erziehung und Wissen über Ernährung.

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