Millimeterarbeit am Grab

Pascal Dreysse ist Sargträger in Fuldabrück - Bundesweit fehlen Freiwillige 

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Pascal Dreysse ist einer der sieben Sargträger der Gemeinde Fuldabrück. Der 31-jährige Kasselaner, hier auf dem Friedhof in Dörnhagen, arbeitet hauptberuflich in einem Bestattungsunternehmen. 

Kreis Kassel – Es gibt Beerdigungen, die wird Pascal Dreysse nie vergessen. Zum Beispiel, als eine Witwe am Grab den Sarg küsste und ihrem Mann für die vielen Jahre Ehe dankte.

In der Situation hatte auch er Tränen in den Augen. Dabei war Dreysse amtlich bei der Beerdigung. Der 31-jährige Kasselaner ist Sargträger für die Gemeinde Fuldabrück. Er ist einer von sieben geringfügig Beschäftigten. Unter seinen Kollegen – ausnahmslos Männer – ist er mit Abstand der Jüngste. Mittlerweile hat die Gemeinde laut Kirsten Schaub vom Friedhofswesen einen festen Stamm von sieben Trägern – gerade ausreichend für eine Erdbestattung, bei der sechs zum Einsatz kommen.

Die Gemeinde stellt sie, der Service ist in der Friedhofsgebührenordnung mit eingerechnet. Das war aber nicht immer so. Früher hätten sie sich das mit Bestattungsunternehmen geteilt, so Schaub. Dreysse und seine Kollegen helfen bei Bedarf auch in Lohfelden aus.

Dass Gemeinden den Service noch anbieten, ist nicht selbstverständlich – die Träger werden immer älter, und Nachwuchs zu finden, ist schwierig. Dreysse, der das schon seit zehn Jahren macht, und den Friedhöfe, Tod und Trauer schon immer fasziniert haben, ist da eine Ausnahme. „Es ist schwierig, junge Leute dafür zu begeistern.“

In Vellmar und Baunatal beispielsweise übernehmen mittlerweile die Bestattungsunternehmen den Dienst. In Kassel stellt die Friedhofsverwaltung Sargträger.

Fuldatal will am Modell der eigenen Sargträger festhalten und sogar das Gehalt verbessern, um den Job attraktiver zu machen. Sargträger in Fuldatal und Fuldabrück bekommen 30 Euro pro Einsatz inklusive Anfahrt, Wartezeit und Nachbereitung. „Das ist nicht viel“, sagt Bürgermeister Karsten Schreiber.

Dass man davon nicht leben kann, sei klar, sagt Dreysse, der sich auch hauptberuflich mit Beerdigungen beschäftigt. Durch seinen Job als Sargträger ist er an seinen Hauptarbeitgeber geraten – ein Bestattungsunternehmen in Kassel.

Zuverlässigkeit und ein gepflegtes Äußeres zählen laut Dreysse zu den Hauptvoraussetzungen. Und: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen“ – wortwörtlich. Denn wenn der Sarg nicht millimetergenau gerade ins Grab gelassen werde, kippt er – das Schlimmste, was an einer Beerdigung passieren kann, sagt Dreysse. 72 Särge und Urnen hat der Sargträger in diesem Jahr schon zum Grab getragen. Im Jahr sind es gut 100. Der 31-Jährige ist im Team der Einzige, der auch Urnen trägt. Wenn er krank ist, vertreten ihn zwei Kollegen aus Kassel und Kaufungen.

Und stark müssen die Träger auch sein, denn manchmal sind die Särge schwer: „Die Menschen werden immer kräftiger“, sagt Dreysse. 180 bis 190 Kilogramm lasten manchmal auf den Schultern der Träger. Vielleicht auch deshalb, vor allem aber aus Sicherheitsgründen ist die Zahl der Träger pro Sarg inzwischen von vier auf sechs erhöht worden.

Mittlerweile hat sich für die Gemeinden, die eigene Träger haben, die Situation beruhigt. Denn die Erdbestattungen nehmen ab und für eine Urne reicht im Regelfall ein Träger. Laut Kirsten Schaub machen Erdbestattungen nur noch fünf bis zehn Prozent in der Gemeinde aus, seitdem es die Konkurrenz mit Friedparks und Ruheforste gibt.

Laut Pascal Dreysse halten vor allem Zugezogene aus Osteuropa oder Russland und auch muslimische oder jüdische Mitbewohner noch an der Bestattung im Sarg fest.

Wenn Dreysse nach einer Beerdigung dann den Friedhof verlässt, lässt er auch alle bewegenden Momente und Erlebnisse dort. Das gehöre zum Job.

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