1. Startseite
  2. Lokales
  3. Kreis Kassel

Personalmangel, Zeitnot und Bürokratie: Der Alltag einer Pflegekraft

Erstellt:

Von: Josefin Schröder

Kommentare

Jeder Handgriff sitzt: Gerhard schlicht bekommt zwei neue Kompressionsverbände von Irena Dudek angelegt.
Jeder Handgriff sitzt: Gerhard schlicht bekommt zwei neue Kompressionsverbände von Irena Dudek angelegt. © JOSEFIN SCHRÖDER.

Als Pflegekraft arbeitet Irena Dudek bei einem ambulanten Pflegedienst in Lohfelden. Wir begleiten sie für eine Schicht und erleben, was Pflege wirklich bedeutet.

Lohfelden – Es ist dunkel, Lohfelden schläft noch. So richtig wach scheint nur Irena Dudek. Ihr Arbeitstag beginnt um 6.50 Uhr und seit der Pandemie mit einem Covidtest. Ist er negativ, kann es losgehen. Bevor sie ins Auto steigt, blickt sie auf ihren Tourenplan „23 Patienten“, zählt sie. 23 Patienten in sechs Stunden.

Irena Dudek ist examinierte Pflegefachkraft. Seit mehr als 20 Jahren pflegt sie alte und kranke Menschen. Erst im Krankenhaus, dann bei einem ambulanten Pflegedienst in Kassel und seit 2009 in Lohfelden. Manche Patienten sieht sie seit Jahren jeden Tag. So wie Novka Kiridzic. Mehrmals täglich muss der älteren Dame der Blutzucker gemessen und Insulin gespritzt werden. Vier Minuten sieht der Plan für diese Pflegeleistung vor. Die beiden Frauen sind ein eingespieltes Team. Die Versorgung geht schnell, Zeit für ein längeres Gespräch bleibt heute trotzdem nicht. Der nächste Patient wartet.

Bezugspflege schafft Vertrauen

Rein ins Auto, Hände desinfizieren und weiter. Die Wege kennt die 53-Jährige auswendig. Sie weiß, was ihre Kunden früher gemacht haben, ob sie Kinder haben und wo die Angehörigen wohnen. „Das ist Bezugspflege“, sagt sie. „Das heißt, wenn möglich soll immer dieselbe Pflegekraft für einen Pflegebedürftigen zuständig sein.“

In der Realität ist das oft schwierig. Der Fachkräftemangel, die hohe Krankheitsquote und die damit verbundenen Personalausfälle bringen auch kleine Pflegedienste wie den in Lohfelden an ihre Grenzen. Neulich haben sieben Mitarbeiter gefehlt. Damit niemand unversorgt bleibt, werden die Patienten auf die übrigen Kollegen verteilt. Die tägliche Tour wird länger, der Zeitdruck größer.

Die Hektik sei das Anstrengendste an ihrem Job, sagt die erfahrene Pflegekraft. Immer erreichbar zu sein – falls es einen Notfall gibt, jemand krank geworden ist oder für den Abenddienst einspringen muss – zerre an einem.

Sobald sie durch die Haustür der Patienten geht, ist davon nichts zu spüren. „Hallo Herr Werner“, ruft sie gut gelaunt in die Wohnung. Ein dünner Schlauch schlängelt sich mehrere Meter bis ins Wohnzimmer. Am Ende sitzt Peter Werner und wartet. Nach einem Lungenödem ist er dauerhaft auf die Sauerstoffgabe durch einen Konzentrator angewiesen. Tag für Tag zieht Irena Dudek ihm die Kompressionsstrümpfe an, das Ausziehen abends geht dann ohne Hilfe.

Spritzen setzen, Verbände legen, Medikamente richten und zuhören

Monika Paszehr freut sich immer auf den Besuch vom Pflegedienst. Hier wird ihre Wunde am Finger versorgt.
Monika Paszehr freut sich immer auf den Besuch vom Pflegedienst. Hier wird ihre Wunde am Finger versorgt. © Schröder, Josefin

Zur Arbeit „draußen“, wie sie sagt, kommen zeitaufwendige Dokumentationen und Arztbesuche hinzu. Durch eine Weiterbildung zur Wundexpertin ist sie auf Patienten mit chronischen Wunden spezialisiert. Mit den zuständigen Ärzten bespricht sie Therapievorschläge und das benötigte Verbandsmaterial. „Das Schönste ist, wenn ich helfen kann und die Wunden abheilen.“ Dann weiß die Krankenpflegerin, dass sie die richtige Therapie gewählt hat.

Ihr nächster Patient hat Pflegegrad fünf. Seine Frau pflegt ihn zu Hause. Drei Mal in der Woche wird der 74-Jährige vom Bett in den Rollstuhl umgesetzt. Trotz einer mobilen Hebehilfe braucht es dafür immer zwei Personen. Alleine die Vorbereitung, den Patienten zu drehen und die Gleitmatte unter ihm zu positionieren, verlangt körperlich viel. Für den gesamten Vorgang sind 20 Minuten einkalkuliert. In ein paar Stunden werden sie den Patienten zu zweit wieder zurück ins Bett bringen.

Mittlerweile ist es 9.30 Uhr. Elf Patienten sind bereits versorgt. Nach jedem Hausbesuch erfasst eine App die gemessenen Werte, alle erbrachten Leistungen und wie lange die Behandlung gedauert hat. Manchmal kommt es ihr so vor, als seien die Dokumentationen wichtiger als die Kunden, sagt Irena Dudek.

Pflege ist mehr als Waschen

„Wissen Sie, was jetzt kommt?“, fragt Monika Paszehr, als ihr Finger fertig verbunden ist. „Ein ganz langer Tag.“ Für viele bleibt der tägliche Kontakt mit den Pflegekräften der einzige. Reden, zuhören, trösten – dafür gibt es kein Kästchen zum Anklicken in der App. Dass sich die erfahrene Pflegerin das nicht nehmen lässt, merkt man. Sie kommt gut an, die Patienten fühlen sich wohl, es wird viel gelacht. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, beschreibt es Gerhard Schlicht, der seit drei Jahren Dudeks Patient ist. Mit seinen flotten Sprüchen ist der 88-Jährige ein Highlight auf ihrer Tour.

Bis zum Ende der Schicht hat die Krankenpflegerin Stomabeutel gewechselt, mehrere Kompressionsverbände angelegt, Medikamente gerichtet sowie kleine Wunden und offene Beine versorgt. An diesem Tag kommt sie auf knapp eineinhalb Überstunden. Nichts Ungewöhnliches.

Wenn sie sich etwas für die Pflege wünschen könnte, wäre das mehr Zeit für die Kunden. „Zeit, die in keinem Plan vorgegeben wird.“ (Josefin Schröder)

Auch interessant

Kommentare