„Kein Grund zur Hysterie“

Pferdeherpes verunsichert Halter im Landkreis Kassel

Dr. Wiebke Block von der Tierklinik Kaufungen kennt sich mit Pferdeherpes aus. Hier ist sie mit Stute Diva und dessen Fohlen zu sehen, die beiden waren zur Geburtsüberwachung in der Klinik.
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Dr. Wiebke Block von der Tierklinik Kaufungen kennt sich mit Pferdeherpes aus. Hier ist sie mit Stute Diva und dessen Fohlen zu sehen, die beiden waren zur Geburtsüberwachung in der Klinik.

Während das Coronavirus uns alle seit über einem Jahr beschäftigt, bereiten Herpesviren (EHV) Pferdehaltern im Landkreis Kassel Sorgen. Ein Ausbruch bei einem Turnier in Spanien, bei dem auch Tiere gestorben sind, hat das schon lange bekannte Virus wieder in den Fokus gerückt.

Häufige Fragen zum Thema:

Wie viele nachgewiesene Ausbrüche bei Pferden gibt es im Landkreis?

„Equines Herpersvirus ist weder anzeige- noch meldepflichtig“, erklärt Dr. Sabine Kneißl vom Veterinäramt. „Daher liegen uns dazu keine Zahlen vor.“ Was anzeige- oder meldepflichtig ist, sei gesetzlich geregelt. Pferdeherpes sei nicht auf den Menschen übertragbar und Tierärzte könnten diese mit Tierhaltern auch ohne staatliche Intervention eindämmen. Drei Tiere, die vor Kurzem auf einem Hof im Landkreis erkrankt waren, sind laut HNA-Recherchen mittlerweile wieder gesund. Die Nachfrage bei Tierärzten zeigt: Vereinzelte Fälle gibt es, Grund zur Sorge aber nicht.

Wie häufig gibt es Infektionen?

Grundsätzlich gebe es eine hohe Durchseuchung bei Pferden, sagt Kneißl. Man gehe davon aus, dass 80 Prozent der Tiere Herpesviren in sich tragen. Oft würden sich schon Fohlen bei der Mutter anstecken. „Es herrscht aktuell eine große Verunsicherung, aber es gibt keinen Grund zur Hysterie.“ Ernstnehmen sollte man das Thema aber natürlich.

Was ist das Pferdeherpesvirus und was passiert mit infizierten Pferden?

Laut Veterinäramt gibt es verschiedene Varianten und Stämme, besonders gefährlich sind EHV-1 und in geringerem Maß EHV-4. Dr. Wolfgang Doering, Tierarzt in Niestetal, erklärt: „Es schlummert im Körper der Tiere, wie das Herpesvirus bei Menschen.“ Viele Tiere sind Träger ohne zu erkranken. Genauso gibt es mitunter infizierte Tiere, die keine klinischen Symptome haben, andere aber anstecken können. Auch wenn es zum Ausbruch kommt, besteht für die meisten Tiere keine Lebensgefahr. Sie zeigen oft Symptome von Atemwegserkrankungen. „Auf deutsch: Sie bekommen eine Erkältung, Husten, Fieber“, erklärt Tierarzt Doering. Fieber sei dabei das häufigste Symptom.

Können Pferde daran sterben?

EHV1 und in geringerem Umfang EHV4 können in seltenen Fällen zu lebensgefährlichen Komplikationen führen. Besonders gefährlich ist das Virus für tragende Tiere. Infiziert sich eine Stute, kann es zur Fehlgeburt kommen oder das geschwächte Fohlen stirbt kurz nach der Geburt. Gefährlich ist auch die neurologische Form, bei der es zu neurologischen Problemen und Lähmungen kommt, daran können auch erwachsene Tiere sterben. „Das ist aber ganz selten“, sagt Doering.

Wie wird das Virus übertragen?

Ähnlich wie das Coronavirus über Tröpfchen und Aerosole. „Durch ihre große Lunge können Pferde das Virus bis zu 30 Meter weit husten“, sagt Doering. Das Virus könne aber nicht lange an der Luft überleben, „es braucht eine Wirtszelle“. Gemeinsam genutzte Tränken und der Kontakt zu Menschen könnten zur Übertragung führen, so Dr. Wiebke Block von der Tierklinik Kaufungen. „Ausbrechen kann es, wenn die Tiere gestresst sind“, sagt sie. Etwa beim Transport, bei Turnieren oder wenn das Immunsystem durch eine andere Krankheit bereits geschwächt ist.

Wir wird eine Infektion nachgewiesen?

Ähnlich wie beim Coronavirus gibt es dafür PCR-Tests. Laut Tierarzt Doering wird über einen Schleimhauttupfer getestet. Je nach Virenlast, kann die Infektion auch über einen Bluttest nachgewiesen, erklärt Tierärztin Block.

Was kann man gegen die Ausbreitung tun?

Gibt es einen Verdacht, sollte das Tier oder die betroffene Gruppe separiert werden, das gelte auch für Kontaktpferde, erklärt Dr. Wiebke Block. „Wir rechnen bei Fieber eigentlich immer mit der Krankheit und empfehlen, fiebrige Tiere schnell zu isolieren.“ Dann sei eine konsequente Beobachtung wichtig. 28 Tage nach dem das letzte Pferd mit Symptomen genesen sei, sehe man einen Ausbruch als beendet an. Zur Prävention solle man grundsätzlich bei neuen Tieren auf dem Hof eine 14-tägige Quarantäne einhalten.

Wie wird das Virus behandelt?

Symptomatisch. Es gibt aber auch eine Impfung. Die Ständige Impfkommission Veterinärwesen am Friedrich-Loeffler-Institut empfiehlt die Impfung seit vielen Jahren. Eine Verpflichtung gibt es nur bei Vollblutpferden, um Fehlgeburten zu vermeiden. Laut Tierärztin Block kann die Impfung einen Ausbruch nicht verhindern, sie verkürzt aber die Dauer der Erkrankung und die Schwere der Symptome. Außerdem senke sie die Viruslast. Somit sinkt das Risiko einer Übertragung der Herpesviren. Die Impfung sei aber vor allem dann effektiv, wenn möglichst alle Pferde in einem Stall geimpft werden. Außerdem müsse die Impfung alle sechs Monate wiederholt werden.

Gibt es genug Impfstoff?

Mit dem Ausbruch in Valencia und dem Medieninteresse sei europaweit ein Hype um den Impfstoff ausgebrochen, so Tierarzt Doering. Deshalb habe es kurzzeitig einen Engpass gegeben. Davon hat er aber kaum etwas bemerkt. Mittlerweile habe sich das gelegt. Auch Block bestätigt, dass die Nachfrage deutlich gestiegen ist. In Kaufungen seien die Nachwehen der Lieferengpässe noch zu spüren. 

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