Praxistest: Tupper statt Plastik

Einkaufen ohne Plastik - das geht, aber nicht überall

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Wegwerf- oder wiederverwertbarer Becher: HNA-Praktikantin Eva-Sophia Haussen entscheidet sich in der HNA-Kantine für den eigenen Bamboo-Becher (rechts) statt für den Pappbecher (links).

Jedes Jahr verursacht jeder von uns 26 Kilo Plastikmüll. Viele wollen darum beim Einkaufen Müll vermeiden, aber wie geht es in der Praxis? Wir haben den Test gemacht.

Mehr als zwei Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen wurden laut Umweltbundesamt in deutschen Haushalten im Jahr 2016 verbraucht. Jeder Verbraucher kommt auf knapp 25 Kilo im Jahr, Tendenz steigend. Doch was kann jeder Einzelne tun, um seinen Plastikverbrauch zu reduzieren? Und wie einfach ist die Umsetzung bei uns im Altkreis?

Für viele fängt der Morgen mit einem Becher Kaffee an. Laut Deutscher Umwelthilfe werden in Deutschland stündlich 320.000 Wegwerf-Kaffeebecher verbraucht. Stündlich. Dabei ist es so einfach, seinen eigenen Becher zu nutzen. In den meisten Bäckereien ist das mittlerweile gar kein Problem mehr.

Bei der Bäckerei Plücker in Vellmar freut sich die Mitarbeiterin, als man ihr den eigenen Becher über den Tresen reicht. „Das sollten viel mehr Menschen machen“, sagt sie. Auch in Fuldatal bei der Bäckerei Wiedemann scheint es das Normalste der Welt zu sein, seinen eigenen Kaffeebecher mitzubringen. Auch in Lohfelden in der Bäckerei Apel füllt der Mitarbeiter gerne Kaffee in den Becher. Und in der Bäckerei/Konditorei Diederich in Niestetal erhalten Kunden sogar einen Rabatt, wenn sie einen eigenen Becher mitbringen.

Doch wie sieht es beim Einkauf aus? Hier gibt der Fachbereich Veterinärwesen und Verbraucherschutz des Landkreises Kassel eine imaginäre Linie vor. „Bis an die Theke kann ich mein eigenes Gefäß geben“, sagt Dr. Anke Reisse, Fachdienstleiterin für Verbraucherschutz im Landkreis. Heißt: Der Händler darf die Tupperdose nicht hinter den Tresen nehmen, um mögliche Kontaminierungen zu verhindern. Das Risiko sei zu groß. „Wir versuchen, den Verbraucher und den Lebensmittelhändler zu schützen“, sagt Reisse. Gleichzeitig versuche man, beiden Seiten gerecht zu werden. Denn immer öfter würden Händler nachfragen, wie in solchen Situationen zu handeln sei. „In unserer Wahrnehmung wird das immer mehr.“

Die imaginäre Linie am Tresen wird dann auch zum Ausschlusskriterium, als wir in einer Lohfeldener Fleischerei versuchen, Fleischsalat in eine mitgebrachte Dose packen zu lassen. Die Linie erklärt allerdings nicht, warum die Verkäuferin im Supermarkt das Stück Käse nicht in die Dose auf dem Tresen legen darf. Sie würde gerne, „aber das dürfen wir leider nicht.“

Bei Susanne und Jürgen Schäfer von der Fleischerei Schäfer in Ahnatal sieht es anders aus. Das Paar gehört zu denen, die sich schon länger darüber Gedanken machen, wie man Plastikmüll vermeiden kann. So bieten sie zum Beispiel Eingemachtes in Pfandgläsern an und haben ihren Kunden schon Einkaufstaschen geschenkt, um dazu anzuregen, weniger Plastiktaschen zu nutzen. Auch sein Mittagsmenü würde Jürgen Schäfer gerne in nachhaltigen Gefäßen anbieten. „Aber die Bambusvariante kostet das Vierfache von Styropor und ist derzeit auch nicht lieferbar.“

Häufiger auf Plastik verzichten, würde auch Andreas Witz, Inhaber der Fleischerei Ullrich in Niestetal, „aber das geht aus zwei Gründen nicht.“ Erstens: Hygiene. Zweitens: „Wickelt man frisches Fleisch in Papier ein, weicht es durch und man kriegt das Papier nicht mehr ab.“ Deshalb seien Tupperdosen eine gute Variante, weil dann nur noch beschichtetes Papier zum Wiegen notwendig wäre. „Das spart Verpackung.“

Fazit: Es ist möglich, seinen Plastikverbrauch zu reduzieren (zum Beispiel mit diesen sieben Tipps). Es ist zwar mit mehr Aufwand verbunden und es braucht aufgeschlossene Händler, aber am Ende kann jeder seinen Beitrag leisten, um den Plastikberg zu verringern.

So viel Plastikmüll machen wir

Es ist so schön einfach, und oft zu einer Gewohnheit geworden, über die man nicht nachdenkt, wenn man den Strohhalm in die Wasserflasche steckt oder bei der Gartenparty Plastikteller verteilt. Doch Wegwerfprodukte aus Plastik vermüllen unseren Planeten. Auch im Altkreis fällt kiloweise Plastik an.

Nach Angaben der Umweltorganisation WWF schwimmen heute in jedem Quadratkilometer der Meere hunderttausende Teile Plastikmüll. Die EU will nun ab 2021 bestimmte Wegwerfprodukte aus Kunststoff verbieten. Denn wie Zahlen der Europäischen Kommission zeigen, erzeugen die Europäer jedes Jahr 25 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle.

Wie viel Plastikmüll die Bewohner des Landkreises Kassel jeweils produzieren, kann laut Harald Kühlborn, Pressesprecher des Landkreises Kassel, nicht genau ermittelt werden. „Es ist sehr schwierig, eine verlässliche Einschätzung zu geben“, sagt Kühlborn. Was jedoch gesagt werden kann, ist wie viel Müll die Bewohner des Landkreises in den Gelben Säcken sammeln. 26 Kilo pro Einwohner pro Jahr fallen da an. „Aber das können nur geschätzte Zahlen sein“ räumt Kühlborn ein. Denn auch im Restmüll gebe es Plastik.

Unbestritten sei aber, dass es eine ganze Reihe von Bereichen gebe, wo auf Plastik verzichtet werden könne, sagt Kühlborn. So werden bei den hausinternen Veranstaltungen im Kreishaus in Kassel nur Getränke aus Glasflaschen und in Gläsern ausgeschenkt. Eine Ausnahme seien die Wasserflaschen, sagt Kühlborn. „Wasser hat unser Caterer in 0,75 Plastikpfandflaschen.“ Sowieso könne der Landkreis keinen Einfluss darauf nehmen, was Caterer anböten, wenn Veranstaltungen außerhalb des Kreishauses stattfänden. „Aber wir versuchen natürlich, darauf hinzuwirken, und zum Beispiel bei den Schulkantinen versuchen wir für das Thema zu sensibilisieren.“

Zudem gibt es am Kiosk im Tierpark Sababurg, der vom Landkreis betrieben wird, seit Herbst 2018 kein Wegwerfgeschirr mehr. „Es gibt zwar noch Coffee-To-Go-Becher, aber die sind der nächste Schritt“, sagt Kühlborn.

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