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Hilfe bei Winterdepressionen: Psychotherapien im Landkreis Kassel stark nachgefragt

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Von: Clara Veiga Pinto

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Suchen nach helfenden Händen: Einige Menschen sind von Winterdepressionen geplagt.
Suchen nach helfenden Händen: Einige Menschen sind von Winterdepressionen geplagt. © djd

Wenn Patienten psychologische Hilfe suchen, müssen sie oft lange auf eine Therapie warten. Im Winter haben viele auch mit Winterdepressionen zu kämpfen.

Kreis Kassel – Wenn Patienten psychologische Hilfe suchen, müssen sie oft lange auf ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten warten. Gerade im ländlichen Raum nehmen Betroffene häufig weite Fahrten auf sich.

Im Landkreis Kassel sei die psychotherapeutische Versorgung allerdings gesichert. Mit 72 Psychotherapeuten an 43 Arztsitzen ist der Landkreis mit rund 118 Prozent sogar überversorgt. Das teilt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) mit. Die Erreichbarkeiten der Psychotherapeuten sei auf der Homepage der KVH individuell vermerkt.

Ein Sprecher teilt mit, dass ansonsten die Terminservicestelle binnen vier Wochen einen Termin zur ersten Abklärung in einer psychotherapeutischen Sprechstunde vermittelt. Bei dringender Behandlungsnotwendigkeit werde auch innerhalb von zwei Wochen eine Akutbehandlung vermittelt.

Versorgung von Psychotherapeuten im Kreis ist gut

„Natürlich ist die Verfügbarkeit der Versorgung regional nicht komplett gleich, sodass es gerade im ländlichen Raum auch etwas länger dauern kann“, heißt es weiter. In einem solchen Fall helfe die Terminservicestelle (TSS) weiter.

Viele gesetzlich Versicherte wünschen sich bei der Suche nach einem Therapie-Platz allerdings mehr Unterstützung und Orientierung. Das ergab eine im Dezember veröffentlichte Befragung des Marktforschungsinstituts Ipsos für den Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV).

Ein Drittel der Befragten, die trotz psychischer Leiden keine Behandlung bekamen, geben an, Therapeuten telefonisch nicht erreicht oder keinen Rückruf erhalten zu haben. Unter den Befragten kannten 59 Prozent die psychotherapeutische Sprechstunde nicht. 64 Prozent war sogar nicht bekannt, dass therapeutische Praxen telefonische Sprechzeiten anbieten müssen. Im Schnitt kontaktierten die Versicherten der Befragung zufolge drei Therapeuten, bevor es mit einer Sprechstunde und anschließender Therapie weiterging.

Warten auf Therapieplätze: Bei 21 Prozent dauert es länger als vier Wochen

Die Zeit vom persönlichen Erstkontakt bis zum Beginn einer Therapie dauerte für 93 Prozent maximal vier Wochen. Bei 21 Prozent der Befragten hingegen dauerte es länger als vier Wochen. Ein knappes Drittel der Befragten gab an, diese Wartezeiten seien „genau meinen Wünschen entsprechend“. Für ein Drittel waren sie „noch akzeptabel“. Für ein weiteres Drittel war die Zeit von Kontaktaufnahme bis Versorgung „zu lang“ oder „viel zu lang“.

Die Bedarfsplanung für die psychotherapeutische Versorgung wurde zuletzt 2019 angepasst, es kamen laut Gesezlicher Krankenversicherung (GKV) knapp 800 Kassensitze hinzu. Gemäß Bedarfsplanung seien Bezirke der Kassenärztlichen Vereinigung überversorgt. Differenziert wird zwischen städtischem und ländlichem Raum. Im ländlichen Raum gibt es teilweise noch Niederlassungsmöglichkeiten, während in städtischen Gegenden die Planungsgebiete gesperrt sind.

Wenn das Wetter aufs Gemüt schlägt: Was eine Winterdepression ist und was hilft

Viele Menschen sind in den Wintermonaten erschöpft und niedergeschlagen. Einige fragen sich: „Ist das nur ein Blues oder doch eine ernste Depression?“ Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Dr. Michael Unger aus Wolfhagen erklärt, wo die Melancholie aufhört und die Erkrankung anfängt. Der Überblick in Fragen und Antworten:

Was versteht man unter einer Winterdepression?

Eine Winterdepression ist eine depressive Störung, die saisonal auftritt. Sie beginnt typischerweise im Spätherbst oder Winter. Die Symptome klingen im Frühjahr wieder vollständig ab. „Nicht jedes Stimmungstief in der dunklen Jahreszeit ist aber schon eine Depression“, betont Unger. Viele Menschen würden von sich eine Art Winterblues kennen. „Das heißt, im Winter weniger aktiv, unternehmungslustig und schwungvoll zu sein, vielleicht auch melancholischer und nachdenklicher“, sagt der Facharzt. Eine krankheitswertige und behandlungsbedürftige Winterdepression komme mit 2 Prozent in der Allgemeinbevölkerung eher selten vor. „Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass auch die Bewältigung des Alltags durch eine niedergeschlagene und freudlose Stimmung, Interessenverlust sowie Energielosigkeit betroffen ist und ein deutlicher Leidensdruck besteht“, erklärt er.

Was unterscheidet eine Winterdepression von einer Depression?

Bei einer Winterdepression stehen meist Energielosigkeit, Schläfrigkeit und erhöhtes Schlafbedürfnis, vermehrter Appetit bis zum Heißhunger im Vordergrund. Das sei außerdem verbunden mit Gewichtszunahme sowie Rückzug und Vernachlässigung angenehmer Aktivitäten und Kontakte.

„Im Unterschied zu anderen Depressionsformen fehlen jedoch meist eine ausgeprägte emotionale Überempfindlichkeit gegenüber Enttäuschungen, vermeintlicher Kritik oder Ablehnung sowie ausgeprägte, unangemessene Schuldgefühle und Selbstzweifel“, sagt Unger.

Kann man sich davor schützen, in eine Winterdepression zu verfallen? Gibt es Warnzeichen?

„Die meisten Betroffenen kennen von sich bereits die Neigung zur depressiven Entwicklung, wenn die Tage deutlich kürzer und dunkler werden“, sagt der Facharzt. Unger hat folgende Tipps:

1. Sich möglichst täglich und möglichst viel draußen unter freiem Himmel aufhalten, vor allem in der helleren Mittagszeit. Wenn dies nicht ausreichend möglich ist, kommt auch eine Lichttherapie infrage.

2. Sich regelmäßig körperlich dosiert bewegen – längere Spaziergänge, Nordic Walking, Joggen oder auch Radfahren.

3. Soziale Kontakte pflegen mit gemeinsamen Unternehmungen, angenehmen Aktivitäten, Gesprächen, gemeinsamem Kochen und Essen.

4. Gegebenenfalls psychotherapeutische Gespräche, in denen es dann um die Umsetzung der vorgenannten antidepressiven Strategien geht, oder auch um den Abbau depressionsfördernder Bedingungen.

5. Bei stärkerer Symptomausprägung kann auch der Einsatz von stimmungsstabilisierenden und antriebsfördernden Medikamenten sinnvoll sein.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, sich professionelle Hilfe zu suchen?

Je höher der eigene Leidensdruck oder der für die Menschen sei, zu denen eine engere Beziehung besteht. Je stärker die Einschränkungen in der Alltagsbewältigung seien, das Erledigen notwendiger Arbeiten, desto eher solle professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. „Spätestens wenn lebensmüde oder suizidale Gedanken auftreten, sollte fachärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden“, sagt Facharzt Unger.

Welche Anlaufpunkte gibt es, wenn sich jemand Hilfe suchen möchte? Gerade auch im Hinblick auf fehlende Therapieplätze.

Mögliche Anlaufstellen können laut Unger sein: die Hausarztpraxis, in der meist die regionalen Hilfsmöglichkeiten bekannt sind, die Krankenkasse, die gegebenenfalls eigene Angebote vorhält oder bei der Suche nach einem Psychotherapeuten behilflich sein kann, niedergelassene Psychotherapeuten, Fachärzte für Psychiatrie oder Fachärzte für Psychosomatische Medizin, wenn es um Psychotherapie und/oder Medikation geht, Selbsthilfegruppen, zum Beispiel Kiss oder Depash. (Clara Pinto)

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