Besserung ist nicht in Sicht

Radbranche kommt aus dem Tritt: Händler beklagen Engpässe

Ist trotz der Situation zuversichtlich: Jürgen Hampe, Inhaber des Fahrradgeschäfts „Der Bike Profi“ in Niestetal-Heiligenrode mit einem E-Bike.
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Ist trotz der Situation zuversichtlich: Jürgen Hampe, Inhaber des Fahrradgeschäfts „Der Bike Profi“ in Niestetal-Heiligenrode mit einem E-Bike.

Egal ob E-Bike oder konventionelles Rad ohne Motor – wer derzeit einen fahrbaren Untersatz auf zwei Rädern kaufen oder reparieren möchte, guckt in die Röhre. Denn den Händlern geht schlichtweg langsam die Ware aus – und Nachschub ist nicht in Sicht.

Kreis Kassel/Kassel – „Räder von bestimmten Marken oder Typen haben wir derzeit gar nicht mehr vorrätig“, sagt Christoph Milligan, Verkäufer und Werkstattmitarbeiter bei „Pedalwerk“ in Baunatal. Räder einer namhaften Marke seien für dieses Jahr ausverkauft – und Nachbestellungen für das kommende Jahr schon nicht mehr möglich. Mountain- oder Gravelbikes jeweils ohne Motor gebe es nur noch vereinzelt und E-Bikes nur noch in manchen Größen und Farben. Wann nachgeliefert wird, sei in vielen Fällen nicht kalkulierbar. „Bei Ersatzteilen sieht es ähnlich aus“, sagt Milligan. Für Ketten und Kettenblätter zum Beispiel sei die Rückmeldung gekommen, sie könnten womöglich erst in vier Monaten nachgeliefert werden.

Ähnlich von der Entwicklung betroffen ist Jürgen Hampe. „Wir haben mehrere offene Fragen“, sagt der Inhaber des Fahrradladens „Der Bike Profi“ in Niestetal. Kommen bestellte Schaltwerke wirklich erst 2024, wie angekündigt? Wann liefern die Hersteller endlich nach, deren Marken der Heiligenröder nur noch in wenigen Farben und Größen anbieten kann? Wann kommt Ruhe in die Sache? Noch kann Hampe nach eigener Aussage Räder anbieten, auch die Werkstatt habe noch Teile. „Ich habe glücklicherweise noch einiges abgreifen können.“ Aber verschärfe sich die Lage, komme er ins Schwimmen.

„Es macht einfach keinen Spaß“, fasst Ralf Schwedes die Lage zusammen. So eine missliche Situation wie jetzt hat der 61-jährige Verkäufer vom Fahrradhof Kassel auch in fast 30 Jahren in der Branche nicht erlebt. „Die Nachfrage ist riesig, trotzdem kommen kaum Teile nach.“ In Sachen E-Bikes läuft das Geschäft noch, weil der Fahrradhof mit einem deutschen Hersteller zusammenarbeitet. „Aber Räder ohne Motor haben wir kaum.“

Wie vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) zu hören ist, ist die gesamte Radbranche aus dem Tritt gekommen. „Schuld ist Corona“, sagt ZIV-Sprecher David Eisenberger. Gerade in Asien – wo ein Großteil der Teile für die Räder gefertigt wird – habe die Pandemie stark zugeschlagen. Lockdowns, Stillstand in Fabriken, all das habe die gesamten Lieferketten immer wieder unterbrochen, von Rohstoffen, über Einzelteile, Fertigung sowie den Transport. „Das ist sehr unbefriedigend“, sagt Eisenberger. Denn gleichzeitig sei die Nachfrage hoch gewesen, sowohl bei E-Bikes als auch bei konventionellen Rädern.

Laut dem Sprecher werde sich die Situation im laufenden Halbjahr noch verschärfen. Schließlich stehe ein erneuter Corona-Winter vor der Tür – möglicherweise mit ähnlichen Einschränkungen. „Die Globalisierung fällt uns da schon auf die Füße“, gibt der Sprecher zu. Wie es in den nächsten Jahren aussieht, kann Eisenberger schwer sagen: „Das wäre ein Blick in die Glaskugel.“ Optimistisch gesehen könne sich die Lage im Herbst 2022 entspannen, aber das hänge von der unberechenbaren Pandemie ab.

Von Moritz Gorny

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