Weitere Last in der Pandemie

E-Rezept ab Januar im Test – Ärzte und Apotheker im Kreis Kassel üben Kritik

Leitet vier Apotheken, eine davon in Baunatal sowie einen Versand: Alexander Schmidt-Hellwig. Hier ist er in der Einhorn-Apotheke am Stern an einer Kasse.
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Leitet vier Apotheken, eine davon in Baunatal sowie einen Versand: Alexander Schmidt-Hellwig. Hier ist er in der Einhorn-Apotheke am Stern an einer Kasse.

Elektronische Rezepte sollen bald Rezepte auf Papier ersetzten. Doch Apotheker und Ärzte kritisieren die Idee. In Zeiten der Pandemie sei dies eine zusätzliche Belastung.

Kreis Kassel/Kassel – Die Papierrezepte für die Apotheke sind bald Geschichte. Sie sollen ab Januar vom E-Rezept abgelöst werden. Ärzte und Apotheker sollen die neuen Rezepte nutzen. Wir haben nachgefragt, wie sie die Neuerung sehen.

Raphaela Lehmann redet beim Thema elektronische Rezepte Klartext: „Es ist Quatsch, das genau jetzt einführen zu wollen“, sagt die Allgemeinmedizinerin, die mit ihren Eltern eine Praxis in Fuldatal-Ihringshausen leitet. Medizinisches Personal habe in der Pandemie keine Kapazitäten, sich auch noch, um eine solche Neuerung zu kümmern.

Die Arztpraxis sind zur Zeit am Limit

Schließlich reiche die Zeit in der Praxis kaum, um die aktuellen Aufgaben zu erledigen. Neben dem eigentlichen Tagesgeschäft würden die Corona-Impfungen schon viel Zeit binden. „Mit dem Thema Impfungen im Kopf wacht man auf und schläft auch damit ein.“

Parallel zu der Frage, wie man in einer Praxis 180 Patienten am Tag immunisiert und trotzdem auch noch Krankheiten behandelt, müsse man sich nun auch noch darum kümmern, wo die notwendigen Impfdosen im kommenden Jahr herkommen sollen.

An der Front sehe es derzeit düster aus. Gleichzeitig habe die Pandemie den Menschen viel abverlangt. „Alle sind am Limit, vor allem die Arzthelfer. Wir werden uns dann nach Feierabend noch mit der Software auseinandersetzen müssen, denn der Gesetzgeber will es ja offenbar so.“

Der Zeitpunkt sei schlecht gewählt

Ihr Vater, Dr. Gunter Lehmann, sieht das genauso: „Der Zeitpunkt ist wirklich denkbar schlecht gewählt.“ Auf der einen Seite gebe es immer weniger Hausärzte, sodass die wenigen mehr Patienten versorgen müssten. Auf der anderen Seite verlange die Regierung den Medizinern unglaublich viel ab, „mit immer neuen Verordnungen und Regeln und jetzt mit dem E-Rezept“. Wenn überhaupt, dann müsse das E-Rezept später eingeführt werden.

Apotheker Alexander Schmidt-Hellwig wünscht sich, dass das E-Rezept kommt – nur eben später: „Wir freuen uns eigentlich über die Möglichkeiten, die das neue System bietet“, sagt der Pharmazeut, der Inhaber der Einhorn-Apotheke ist und eine Filiale in Baunatal sowie drei in Kassel und einen Online-Versand betreibt.

Es gibt noch zu viele offene Fragen bei den E-Rezepten

„Wir begrüßen es. Aber leider ist es noch überhaupt nicht ausgereift“, erklärt Schmidt-Hellwig. Das hätte der Feldversuch über ein knappes halbes Jahr in Berlin-Brandenburg gezeigt, bei dem laut Schmidt-Hellwig lediglich gut 40 E-Rezepte ausgestellt werden konnten.

Es gebe noch viele offene Fragen: „Wir haben zwar die notwendige Software und Hardware da“, so der Pharmazeut. Aber wie das E-Rezept abgerechnet wird und wie es bearbeitet werden kann, sei noch ungeklärt. „Zuletzt hat auch der Verband der Apothekenrechenzentren deswegen Alarm geschlagen.“

Hinzukomme die Belastungen durch die Pandemie, die auch die Mitarbeiter in den Einhorn-Apotheken sehr fordere, sagt Schmidt-Hellwig. Er plädiert dafür, mit der Einführung des E-Rezepts zu warten. Zumindest solange, bis die Pandemie stärker abgeflaut und das System für die E-Rezepte ausgereift ist. (Moritz Gorny)

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