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Schwindende Population: Rotwild leidet unter Inzucht

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Von: Daniel Göbel

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Unser Archivbild zeigt einen Hirsch im Reinhardswald: Der Wald bildet das größte Rotwildgebiet in der Region mit 500 bis 550 Rothirschen. archi
Unser Archivbild zeigt einen Hirsch im Reinhardswald: Der Wald bildet das größte Rotwildgebiet in der Region mit 500 bis 550 Rothirschen. archi © Kurt Hassenpflug

Wildbiologen der Uni Gießen schlagen derzeit wegen hoher Inzuchtgrade beim Rotwild Alarm. Grund dafür sei, dass Straßen den Lebensraum der Tiere einengen oder durchschneiden. Dadurch würden die Populationen zunehmend separiert und kleiner. Die Prognose der Forscher: Bereits in zehn Jahren könnten ganze Populationen nicht mehr überlebensfähig sein.

Kreis Kassel – Auch der Landesjagdverband warnt vor einem Aussterben der Wildtiere, was auch mit den rigorosen Abschussvorgaben des Landes Hessen zu tun habe: Verlässt ein Tier den Rotwildbezirk, muss es abgeschossen werden. „Das verhindert eine natürliche Wanderung der Hirsche und damit den Genaustausch zwischen den verschiedenen Populationen“, sagt der Wildäsungs- und Schadensberater vom Kreisjagdverein Hofgeismar Bernhard Sulk aus Trendelburg. Zwar seien ihm noch keine Missbildungen bei den Tieren aufgefallen, den zunehmenden Rückgang der Population nimmt er aber wahr. „Wir schießen jedes Jahr weniger Tiere. Das zeigt, dass die Population zusammenbricht.“

Besonders unverständlich findet Sulk, dass auch weiße Hirsche zum Abschuss freigegeben sind. „Das hat nichts mit Missbildungen zu tun, es handelt sich nicht um Albinos. Warum lassen wir sie nicht laufen?“ Sulk hält einen Genaustausch der verschiedenen Populationen für unausweichlich. Dazu müsste es etwa mehr Querungshilfen über Autobahnen geben, damit die Tiere frei wandern könnten.

Auch beim Forstamt in Wolfhagen ist das Problem bekannt. Laut Forstamtleiter Uwe Zindel sei der entscheidende Punkt, dass kein Austausch zwischen den Populationen stattfinden könnte. Im Forstamt Wolfhagen, das ein eher kleines Rotwildgebiet betreue, gebe es einen regelmäßigen Austausch mit dem Rotwildgebiet am Edersee. Dennoch, so Zindel, habe man bislang bei einem Tier eine Fehlbildung festgestellt – ein Kalb wurde mit verkürztem Unterkiefer geboren. Die Forscher der Uni Gießen befürchten, dass parallel zu diesen Befunden auch die Krankheitsresistenz und Fruchtbarkeit beeinträchtigt sind.

Das größte Rotwildgebiet in der Region befindet sich im Reinhardswald. Der Lebensraum der Tiere erstreckt sich über 19 000 Hektar – von Bad Karlshafen bis nach Wilhelmshausen. Dementsprechend sei der Bestand der Tiere dort immer sehr groß gewesen, sagt Markus Ziegler, Forstamtsleiter in Reinhardshagen und Vorsitzender des Rotwildrings Reinhardswald. Seit 2010 habe man das Rotwild intensiv reduzieren müssen, weil die Population deutlich zu hoch war. Mittlerweile leben dort zwischen 500 und 550 Rothirsche, der Anteil weißer Hirsche liege bei rund 20 Prozent. Dieser Bestand werde jährlich um etwa 250 Tiere ausgedünnt.

„Im gesamten Reinhardswald haben wir bisher keinerlei genetische Veränderungen bei den Tieren feststellen können. Allerdings können wir nicht ausschließen, dass es künftig zu solchen genetischen Effekten kommt, oder sie sogar da sind“, so Ziegler. Einen Austausch mit anderen Rotwildgebieten gebe es nicht, was aber wegen der Größe des Reinhardswalds kein großes Problem sei.

In den vergangenen zehn Jahren hat der Bestand im gesamten Bereich des Regierungspräsidiums (RP) Kassel leicht zugenommen, teilt die Behörde auf Anfrage mit. Jährlich werden laut RP-Sprecher Hendrik Kalvelage 3000 bis 4000 Stück Rotwild durch die Jagd, den Kraftfahrzeugverkehr oder Krankheiten der Natur entnommen. Ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse fehlten, die eine Sorge vor einem mittelfristigen Aussterben der Populationen rechtfertigen würden.

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