Lehrermangel: Quereinsteiger sind keine Seltenheit

Vom Ingenieur zum Lehrer: „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen“

+
War erst in der freien Wirtschaft tätig und wechselte dann als Quereinsteiger in den Lehrerberuf: Dr. Nico Storch unterrichtet Chemie und Physik an der Erich-Kästner-Schule in Baunatal.

Der Lehrermangel hält an – das ist auch in Hessen spürbar. Rund 4900 Lehrer sind laut Kultusministerium landesweit sogenannte Quereinsteiger. Nico Storch ist einer davon.

  • Unterricht an der Erich-Kästner-Schule in Baunatal
  • Sprung ins kalte Wasser
  • Austausch mit Kollegen ist wichtig

Nico Storch hat eigentlich Nanostrukturwissenschaften an der Universität Kassel studiert, seinen Doktor gemacht und war als Ingenieur tätig. 2014 hat er sich für eine berufliche Veränderung entschieden – er war im Bereich E-Commerce tätig und mit dem Betriebsklima in seiner Firma nicht mehr zufrieden. „Als eine Bekannte von ihrem Beruf als Lehrerin schwärmte, fand ich das sehr spannend“, erzählt Storch – und inzwischen unterrichtet er an der Erich-Kästner-Schule (EKS) in Baunatal.

Storch schickte Ende 2014 eine Bewerbung an das Land Hessen und bekam innerhalb weniger Tage eine Rückmeldung. Nach einer Eignungsprüfung in Wiesbaden durfte er im Frühling 2015 mit einigen anderen Kollegen ins Referendariat an der Theodor-Heuss-Schule in Baunatal starten. Storch hatte dank seines Studiums die fachliche Qualifikation für die Fächer Physik und Chemie, nur der pädagogische Teil fehlte ihm. „Das wurde dann übers Referendariat abgedeckt“, berichtet Storch. Fachlich habe er keine Probleme gehabt. Fürs Pädagogische besorgte er sich Fachliteratur und holte Unterstützung von Kollegen sowie den Ausbildern am Studienseminar in Kassel ein.

Referendariat mit angehenden Lehrern

Im November 2016 schloss Storch sein Referendariat, also das zweite Staatsexamen, ab und hatte die Berechtigung zu lehren. „Es gab dann keinen Unterschied mehr zu den Kollegen“, sagt der Schauenburger. Wenig später wurde er an der EKS übernommen – das sei vor allem bei solchen Fächern, in denen Lehrermangel herrscht, der Fall. Viele Unterschiede zu denjenigen, die Lehramt studiert haben, hat Storch auch im Referendariat nicht gespürt: „Es gab für alle schwierige Situationen.“ 

Ein großes Thema seien Störungen im Unterricht gewesen, aber da müsse jeder selbst seine Erfahrungen sammeln. Die einzige Besonderheit bei Quereinsteigern: „Ich wurde direkt ins kalte Wasser geworfen, die anderen haben vorher schon Praxiserfahrung gesammelt“, sagt er. Während des Referendariats habe es zahlreiche Prüfungssituationen gegeben – das sei einerseits anstrengend gewesen, andererseits habe er sich dank vieler Rückmeldungen verbessert.

Ein ganz wichtiger Teil des Lehrerdaseins sei der Austausch mit Kollegen – ob nun über den Umgang mit den Schülern oder die Herangehensweise im Unterricht. „Wichtig ist es, den ersten Eindruck nicht zu vermasseln und auf Dauer den Humor nicht zu verlieren“, findet Storch. Der 36-Jährige hat es bisher nicht erlebt, dass Schüler per se böse eingestellt waren. „Der Beruf macht viel Spaß und wird nicht langweilig.“ Jeder Tag sei neu, es schleiche sich keine Routine ein.

Lässigkeit hilft im Umgang mit Schülern

Überrascht hat Storch, dass das gesellschaftliche Leben und private Probleme derSchüler den Schulalltag stark beeinflussen – „damit muss man umgehen können“. Positiv fand er auch, dass der Physik- und Chemieunterricht inzwischen viel experimenteller geworden sind und dass das selbstständige Arbeiten einen hohen Stellenwert hat. Da Storch ehrenamtlich nicht nur Vorsitzender der Gemeindevertretung in Schauenburg, sondern auch in der Feuerwehr aktiv ist, kann er im Fach Chemie die Anwendung von bestimmten Prozessen ganz praktisch verdeutlichen.

Storch ist als Quereinsteiger keine Seltenheit – er habe einige kennengelernt. „Der Vorteil ist, dass ich andere Berufe durchlebt habe und Schüler beraten kann“, sagt Storch. Außerdem habe er mit der Zeit eine gewisse Lässigkeit gewonnen, die ihm im Schulalltag helfe.

Für den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, können Quereinsteiger dazu beitragen den Lehrermangel zu bekämpfen. Die Attraktivität des Lehrerberufes zeigt sich auch in der Bezahlung. Wenn Referendare teilweise zwei Monate auf das Gehalt warten müssen, ist das nicht gerade motivierend. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.