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Schauenburg-Elgershausen: Gasthaus „Zur Sohle“ schließt nach 120 Jahren

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Von: Paul Bröker

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Blickt wehmütig auf seinen alten Betrieb zurück: Günter Carl, ehemaliger Inhaber des Gasthofs „Zur Sohle“ an der Korbacher Straße in Elgershausen.
Blickt wehmütig auf seinen alten Betrieb zurück: Günter Carl, ehemaliger Inhaber des Gasthofs „Zur Sohle“ an der Korbacher Straße in Elgershausen. © Paul Bröker

In Schauenburg-Elgershausen ist Ende 2020 eine Institution untergegangen. Das Gasthaus „Zur Sohle“ schloss seine Pforten. Es blickt auf eine Tradition von 120 Jahren zurück.

Schauenburg – „Ehemals sieben Gaststätten hat es in Elgershausen gegeben“, sagt Günter Carl. Der 65-Jährige hat feuchte Augen, als er dies erzählt. Denn neben anderen Lokalen musste auch sein Gasthaus „Zur Sohle“ schließen. Ende 2020.

Zwar habe er ohnehin vorgehabt, aufzuhören, da die Umsätze von Jahr zu Jahr sanken und kein Nachfolger in Sicht war. „Corona hat aber alles beschleunigt. Da hab ich den Schlussstrich gezogen – nach 120 Jahren.“ Er dankt allen, die ihm bis zum Schluss die Treue hielten. „Wegen Corona konnten wir den Stammgästen nicht mal ein Abschiedsfest bieten“, bedauert Günter Carl.

Zu guten Zeiten hielt sich das halbe Dorf in der „Sohle“ an der Korbacher Straße 52 auf. Die Fußballer seien direkt vom Platz ins Lokal gestürmt. „Bei schlechtem Wetter sah es hier aus wie auf einem Schlachtfeld.“

Gasthaus „Zur Sohle“ in Schauenburg-Elgershausen schließt nach 120 Jahren

Zwölf Vereine erkoren die „Sohle“ zu ihrem Stammlokal. Darunter der Schützenverein, die Turner, der Chor und der Kegelklub. Für Letzteren war 1975 eine Bahn gebaut worden. Doch das Geschäft mit den Vereinen sei zuletzt immer schlechter gelaufen. „Heute hat ja jeder Verein seinen eigenen Klubraum“, sagt Günter Carl. Auch das Zusammensein habe sich verändert. „Jeder geht heute seinen eigenen Weg“, findet er. „Aber vielleicht kommt’s ja wieder.“

Als „Goldener Stern“ angefangen: Eine Postkarte zeigt das Gasthaus um 1900.
Als „Goldener Stern“ angefangen: Eine Postkarte zeigt das Gasthaus um 1900. © privat/Repro: Paul Bröker

So wie 1995, als er mit seiner Frau Elisabeth zum ersten Karneval-Prinzenpaar gekürt wurde. Im Dorf sei sie allen als „Lotti“ bekannt gewesen. „Sie war meine rechte Hand“, sagt Günter Carl. 1986 heirateten die beiden, ein Jahr später kam Tochter Stefanie auf die Welt. 1990 übernahmen sie den Betrieb der Eltern. „Es hat viele fröhliche, gesellige Stunden in unserem Haus gegeben“, erinnert sich Günter Carl.

Die Anforderungen hätten sich jedoch gewandelt. Sein Saal fasste 200 Personen und früher feierten dort Paare mit ihrer Gesellschaft Hochzeit. „Heute muss es pompös sein. Unter einem Schloss machen es viele nicht mehr“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Traditionsgasthaus in Schauenburg hat dichtgemacht: In der „Sohle“ trafen sich die Elgershäuser

Ein starkes Standbein seien noch die Theateraufführungen gewesen. Drei Wochen lang gab es im Saal Programm. „Da war das ganze Dorf unterwegs, und es war immer ausverkauft“, erzählt der 65-Jährige.

Unterstützung bekam Günter Carl von seiner Frau Elisabeth, die 2018 starb. Doch schon seit 2012 habe sie nicht mehr mithelfen können. Kurz nach der Silbernen Hochzeit wurde sie mit Hirnbluten zum Pflegefall, da war sie 51 Jahre alt. Fortan übernahm eine Freundin der Familie ihre Aufgaben. „Dazu zählte die Dekoration und die Salatabteilung in der Küche.“

Postkarten-Ansicht von 1960: Erst in den 1970er-Jahren wurde das Gasthaus erweitert.
Postkarten-Ansicht von 1960: Erst in den 1970er-Jahren wurde das Gasthaus erweitert. © privat/Repro: Paul Bröker

Günter Carl übernahm die deftigere Kost. „Allerweltsessen in guter Qualität.“ Das hatte er in Kassel im Ratskeller, beim Rasthof und beim Hotel Gude gelernt.

Und was passiert mit dem Gebäude? Ein Immobilienunternehmer habe es ihm abgekauft, so Günter Carl. Es habe geheißen, dass dort Wohnungen entstehen sollen. Der Unternehmer war bis Redaktionsschluss nicht für eine genaue Auskunft zu erreichen. (Paul Bröker)

Nicht nur die Gastronomie hat in Schauenburg-Elgershausen zu kämpfen. Ende 2019 schloss das Stoff-Geschäft Gänseblümchen.

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