Schauenburger ist beinamputiert und verzweifelt an Richtlinien der Kassen

Viele Hürden bis zum richtigen Rolli

Klage über mangelnde Unterstützung durch die AOK: Klaus-Dieter Imgrund bewegt sich momentan mit einem selbst gekauften Elektrorollstuhl in seiner Wohnung.
+
Klage über mangelnde Unterstützung durch die AOK: Klaus-Dieter Imgrund bewegt sich momentan mit einem selbst gekauften Elektrorollstuhl in seiner Wohnung.

Wer wegen eines Unfalls oder einer Krankheit in seiner Mobilität stark eingeschränkt ist, kann im Einzelfall einen steinigen Weg vor sich haben.

Schauenburg - Diesen Eindruck gewinnt man zumindest im Fall von Klaus-Dieter Imgrund, der sich wegen solcher Probleme an die HNA gewandt hat. Der bald 80-jährige Schauenburger Rentner aus Martinhagen liegt seit Monaten mit seiner Krankenkasse, der AOK Hessen, und dem Orthopädischen Zentrum (OTZ) Lichtenau über Kreuz und äußert das auch in drastischen Worten. Imgrund hat nach eigenen Angaben aufgrund von Spätfolgen nach Arbeitsunfällen beide Beine amputiert.

Das Klima zwischen den Beteiligten ist offenbar aufgeheizt. Es geht nicht nur um einen elektrischen Rollstuhl, sondern auch um eine Rampe, ohne die der beidseitig beinamputierte Mann, sich nicht von dem Grundstück des Hauses, in dem er zur Miete wohnt, fortbewegen kann. Den elektrischen Rollstuhl, mit dem er nach eigenen Worten in der Wohnung nun gut klarkommt, hat er sich nun auf eigene Kosten - für 4000 Euro – von einem Kasseler Sanitätshaus gekauft.

Auf diesen Kosten wird er wohl sitzen bleiben. In diesem Sinne äußert sich jedenfalls der Pressesprecher der AOK Hessen, Stephan Gill: „Bezüglich des selbstbeschafften Rollstuhls beim Sanitätshaus Brandau liegt uns bisher kein Erstattungsantrag vor. Eine Erstattung durch die AOK Hessen wäre allerdings auch gar nicht zulässig. In der Hilfsmittelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung gilt ausschließlich das Sachleistungsprinzip“. Und weiter: „Eine Erstattung der privat gezahlten Kosten wäre zudem aus haftungsrechtlichen Gründen gemäß der Medizinprodukte-Betreiberverordnung nicht möglich. Es handelt sich hierbei tatsächlich um einen rein privatrechtlichen Kaufvertrag zwischen unserem Versicherten und dem Sanitätshaus Brandau.“ Die AOK habe mit einer Kostenzusage für die Überlassung und Wartung eines Elektrorollstuhl des Modells „Forest“ auf zunächst fünf Jahre im Juni 2020 ihre Pflicht erfüllt und entsprechend mit dem OTZ abgerechnet. Im Übrigen habe das Sanitätshaus die „bedarfsgerechte Versorgung“ des AOK-Versicherten sicherzustellen, sagt Gill. Das sei vertraglich so mit der Kasse geregelt.

„Wir haben versucht, Herrn Imgrund zu helfen und versuchen es weiter“, sagt Alf Reuter, Geschäftsführer des OTZ Lichtenau. Er ist zugleich Präsident des Bundes-Innungsverbands für Orthopädietechnik. Man habe bei dem Rentner mehrere Rollstühle getestet. Imgrund habe diese aber abgelehnt. „Die waren zu breit und zu unhandlich. Ich habe mir in den Türen die Knöchel gestoßen“, sagt Imgrund. Einen manuellen Rollstuhl könne er wegen seiner nachlassenden Kräfte nicht mehr bedienen. Laut OTZ hat sich der Rentner schließlich einen Elektrorollstuhl aus einem Privatkatalog ausgesucht. Für diesen gebe es aber keine Kassenleistung. „Das sind ganz strikte Regeln“, erklärt Reuter. Dies sei Imgrund nur schwer zu vermitteln.

Bei dem weiteren Streit um eine Kostenübernahme, die der Rentner mit der AOK führt, hat er das OTZ Lichtenau auf seiner Seite. Imgrund verfügt über einen vierrädrigen Rollstuhl, einen sogenannten E-Scooter, den er wegen des abschüssigen, holprigen Geländes am Haus benötigt, um überhaupt das Haus verlassen und einkaufen zu können. Bis zum Bürgersteig gibt es eine weitere Hürde, die er nur mit einer Rampe überwinden kann. Diese habe das OTZ schon mehrfach für den Rentner bei der AOK vergeblich beantragt, sagt Reuter. Der Medizinische Dienst habe sie unter anderem abgelehnt, weil Imgrund diese mobile Rampe nicht ohne fremde Hilfe platzieren könne. Die AOK bestätigt das. Tatsächlich lebt der Rentner, seit seine Frau schwer erkrankt, in einer Klinik liegt, allein. Das OTZ hat Widerspruch gegen die Entscheidung der Kasse eingelegt, wie Pressesprecher Gill bestätigt. Der Fall liege inzwischen erneut dem Medizinischen Dienst der Kassen zur Begutachtung vor. (Peter Dilling)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.