Monatelanger Wechsel- und Distanzunterricht

„Schüler haben Verhaltensprobleme“: Experten ziehen Bilanz

Eine Schülerin mit einem Stift und Unterlagen
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Distanz- und Wechselunterricht haben Spuren hinterlassen: Manche Schüler haben Lücken beim Lernstoff, andere hingegen Nachholbedarf bei der Sozialkompetenz. Laut Experten wird es eine ganze Weile dauern, all das wieder aufzuholen.

Kreis Kassel – Distanzunterricht, Wechselunterricht, Notbetreuung: In den vergangenen Monaten war die einzige Konstante in Schulen die Veränderung. Manche Schüler haben über ein halbes Jahr das Schulgebäude nicht betreten – mit teils schweren Auswirkungen, sagen Experten nun in den Ferien.

Schulleitung

„Das Problem liegt weniger beim Lernstoff“, sagt Christine Saure auf Anfrage. Rückstände habe man laut der Leiterin der Integrierten Gesamtschule (IGS) Kaufungen bereits über Kleingruppen größtenteils aufholen können. Stark gelitten habe indes das Miteinander. „Die Kinder und Jugendlichen haben Sozialkompetenz verloren“, so Saure. Ihnen fehle Zeit in großen Gruppen. „Unsere Lehrkräfte hatten immer wieder Probleme, die wuseligen Klassen ruhig zu kriegen.“ Es sei zu mehr Pöbeleien und Rangeleien gekommen.

Deswegen hat laut Saure bei den Lehrern umso mehr Vorfreude auf die Ferien geherrscht. Saure ist nun hoffnungsvoll, hat aber auch ein mulmiges Gefühl beim Blick auf die kommenden Monate. „Ich wünsche mir, dass wir ohne Einschränkungen weitermachen können.“ Gleichzeitig sei nicht klar, auf welchem schulischen und zwischenmenschlichen Stand die Schüler sind, vor allem die 148 neuen Fünftklässler.

Schulamt

Ähnliche Defizite sind auch dem Staatlichen Schulamt für den Landkreis und die Stadt Kassel bekannt. Amtsleiterin Annette Knieling spricht von „Strukturverlust, Verhaltensproblemen und Regelverstößen“, die bei vielen Kindern und Jugendlichen zu beobachten waren. Sie zögen sich zurück und hätten auf sozial-emotionaler Ebene einiges nachzuholen.

Inwieweit die Schüler inhaltlich abgehängt wurden, dazu habe das Schulamt „keine verlässliche Übersicht oder konkrete Daten“. Falle das auf, handele es sich um Einzelbeobachtungen vor Ort, sagt die Amtsleiterin. Fehlt einem Schüler beispielsweise etwas beim Einmaleins oder beim Lesen, arbeite man mit Lernpaketen für die Ferien oder mit gezielter Einzelförderung. Ob sich die Defizite auch auf Versetzungen auswirken, ist nicht klar. Diese Zahlen erhebe das Schulamt nicht.

Knieling betont aber, dass Distanz- und Wechselunterricht nicht nur Schattenseiten haben: Leistungsstarke Schüler hätten stark profitiert – vor allem in Sachen Lernstrategien und Arbeitsorganisation.

Wie geht es nun weiter? Knieling blickt erwartungsvoll in die Zukunft: „Ich hoffe sehr, dass wir nach den Sommerferien in einen verlässlichen Präsenzunterricht starten können.“ Nur so ließe sich das aufholen, was auf der Strecke geblieben ist. Gemeinsames Erleben im Unterricht, aber auch im Freizeitbereich, solle in den kommenden beiden Schuljahren mehr in den Fokus rücken.

Schulverband

Dass es Gewinner und Verlierer des Wirrwarrs in Schulen gibt, hat auch Stefan Wesselmann beobachtet. Er ist Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung Hessen und Schulleiter einer Grundschule im Kreis Offenbach. „Manchen konnte die Distanz nichts anhaben, aber viel mehr haben damit Probleme bekommen“, sagt Wesselmann. Passe man nicht auf, könne sich gerade für Letztere eine gefährliche Abwärtsspirale entwickeln: „Fehlen die Grundlagen beispielsweise beim Einmaleins, wird die schriftliche Division in der vierten Klasse schwer.“

Er warnt obendrein vor mehr sozialer Ungleichheit. „Diejenigen, die zuhause ohnehin weniger Unterstützung hatten und haben, werden weiter abgehängt.“ Umso wichtiger sei jetzt ein geregelter Unterricht. Für einige sei das der einzige Anker im Bildungsleben.

Ein Lichtblick für Wesselmann ist das Hessische Förderprogramm „Löwenstark“, durch das Defizite aufgearbeitet werden sollen. Unter anderem durch Förderkurse, Bewegungsangebote und Lern-Camps.

So ließe sich im sozialen und schulischen Bereich Versäumtes aufholen. (Moritz Gorny)

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